Musiksendungen für Jugendliche (DDR)

30.8.2012
In den Angeboten zur musikalischen Unterhaltung für Jugendliche gab es Abgrenzungsversuche gegenüber der westlichen Unterhaltungsmusik. Den im Westen immer beliebter werdenden Richtungen Rock'n'Roll, Beat und Twist begegnete die DDR-Staatsführung mit Misstrauen. Walter Ulbricht forderte 1959 explizit, der kapitalistischen Dekadenz, der "Hotmusik" und den "ekstatischen Gesängen eines Presley" etwas Besseres entgegenzustellen (zit. n. Rauhut 2000, S.122). Zum Beispiel einheimische Arbeiterlieder und internationale Protestsongs. Der US-Folksänger Perry Friedman stellte zunächst in den DDR-Jugendclubs und ab 1961 auch in der TV-Show "Hootenanny", solche Stücke vor.

Die Musik-Revue "Amiga-Cocktail" der staatlichen Plattenfirma "Amiga" wurde live aus dem Berliner Friedrichstadtpalast übertragen. Neben Schlagerstars traten auch populäre Beat-Bands aus der DDR auf. Der Ausschnitt stammt aus der letzten "Skandal-Sendung", als nach dem Auspfeifen der Schlagersängerin Vanna Oliviere die Sendung abgesetzt wurde. (Ausschnitt aus der 12. Sendung vom 17.11.1964 © Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1964)
1963 kam es kurzfristig zu einer Liberalisierung. Der Zentralrat der FDJ hatte zutreffend erkannt, dass es sich bei den neuen Klängen um "eine progressive Erscheinung der Tanzmusikentwicklung" (ebd., S.126) handelte. Man sprach von "Gitarren-Gruppen", wenn man Beat-Bands meinte. Es startete der Versuch, diese Formationen - viele davon junge Amateurbands - ins offizielle Kulturleben der DDR zu integrieren. Unter anderem fand ein Talentwettbewerb statt.

Skandal im "Amiga-Cocktail"



Insgesamt aber blieb die Popmusik unverstanden und auch weiterhin im Verdacht, der Zersetzung der DDR-Gesellschaft Vorschub zu leisten. Der Argwohn bekam neue Nahrung, als sich am 17. November 1964 in der TV-Sendung "Amiga-Cocktail" ein regelrechter Skandal ereignete. Das Programm bot einen bunten Querschnitt durch das Angebot der staatlichen Plattenfirma Amiga: Orchestermusik, Schlager, ostdeutsche Beat-Bands. Das Publikum reagierte bereits voller stürmischer Begeisterung auf die Sputniks und das Franke-Echo-Quintett. Es geriet gänzlich außer sich, als das Hemmann-Quintett eingedeutschte Beatles-Hits zum Besten gab. Heinz Quermann kam als Moderator nicht umhin, eine weitere Zugabe zuzulassen, und konnte später nicht verhindern, dass die Schlagersängerin Vanna Olivieri einem lautstarken Pfeifkonzert ausgesetzt wurde. Eine nachträgliche Manipulation der live ausgestrahlten Ereignisse war nicht möglich. Die Fernsehreihe "Amiga-Cocktail" fand damit ihr Ende.

Ablehnung westlicher Popkultur



Die Rolling Stones 1965 auf der Waldbühne Berlin. Das Konzert endete mit Krawallen.Die Rolling Stones 1965 auf der Waldbühne Berlin. Das Konzert endete mit Krawallen. (© picture-alliance)
Als sich 1965 in West-Berlin nach einem Konzert der Rolling Stones massive Krawalle ereigneten, nahm die DDR-Führung diese Vorfälle zum Anlass, die gerade erst aufblühende Jugendkultur rigoros zu unterbinden. Für öffentliche Auftritte war fortan eine staatliche Lizenz erforderlich, die nur nach eingehender Prüfung vergeben wurde. Aber nicht allein Musiker waren betroffen. Wessen Kleidung oder Frisur herrschenden Vorstellungen nicht entsprach, musste mit Schikanen rechnen – vom erzwungenen Abschneiden langer Haare bis hin zu verordneter Zwangsarbeit. Es ist bemerkenswert, dass die DDR-Führung bei dieser Kampagne ähnliche Töne anschlug wie konservative Kreise in der Bundesrepublik, die ansonsten als Klassengegner Ziel heftiger Anfeindungen waren.

Musikalische Beiträge in jugendorientierten DDR-Fernsehsendungen wie dem Vorabendmagazin "Basar" kamen in dieser Phase vor allem von den "Singeclubs", die die "Grundsätze sozialistischer Kulturarbeit" einhielten, wonach in der Populärmusik "melodischer und harmonischer Reichtum, Volkstümlichkeit und Verständlichkeit der musikalischen Aussage" (zit. n. Rauhut 2000, S.124) gegeben sein sollten.

Die Ablehnung westlicher Popmusik hatte neben ideologischen auch wirtschaftliche Gründe. Für jede musikalische Aufführung sind Urheberrechtstantiemen zu zahlen, im Falle der DDR handelte es sich dabei um wertvolle Devisen. Um den Valuta-Abfluss in Grenzen zu halten, war bereits 1958 die "60:40"-Regelung erlassen worden, derzufolge Musikprogramme höchstens 40 Prozent devisenpflichtige Titel enthalten durften.