30.8.2012

Bildende Kunst im Fernsehen der BRD

In den Programmen des Westfernsehens war die Thematisierung der Bildenden Künste nur geringfügig umfangreicher, sie ist jedoch von der Fernsehgeschichtsschreibung deutlich besser erschlossen. Zu den Sendereihen, die sich der Bildenden Kunst seit den 1950er Jahren widmeten, gehörten "Wege zur Modernen Kunst", "Auf dem Weg zur Moderne", "Das Porträt", "Perspektiven amerikanischer Kunst heute", aber auch stilgeschichtliche Reihen wie "Europäisches Rokoko", "Michelangelo und seine Zeit" oder "Bausteine unserer Architektur" (vgl. Winter/Dobbe/Schreier 1994, S.97). Dabei wurden diese Reihen vor allem in den Dritten Programmen, nur selten im Ersten und Zweiten Deutschen Fernsehen gezeigt. Sie waren zumeist mit einer Art informierendem (oft auch belehrendem) Vortrag verbunden.

Neue Präsentationsformen der Bildenden Kunst

Diese Präsentationsform veränderte sich bei Themen der Gegenwart allerdings deutlich. Vor allem die zeitgenössische Moderne forderte andere Präsentationsformen, setzten doch viele Gegenwartskünstler auch selbst moderne Medien in ihren Arbeiten ein. Berühmt wurden deshalb Sendungen über und mit der westdeutschen Gruppe ZERO (Mack, Ücker, Piene) mit dem Titel "Tele-Mach, Tele-Mack, Tele-Mach" (WDR, 1969) oder Gerry Schums Fernsehgalerie beim SFB, in der Schum Land Art präsentierte (eine Kunstform, in der es um Zeichen, Spurenbildungen und Vermessungen in Wüsten, leeren Wiesen etc. geht). Fernsehen schien sich – hier noch als ein vor allem elektronisches Aufzeichnungsverfahren und weniger als ein institutionalisiertes Programm-Medium verstanden – optimal als Medium der Visuellen Kunst, ja als Weiterentwicklung der Bildenden Kunst verwenden zu lassen (vgl. ebd. S.110ff.).

Einfluss der Bildenden Kunst auf das Fernsehen

Die Reihe der Beispiele lässt sich verlängern: Die Revolten in der Bildenden Kunst mit der Pop Art (eine Kunstform, die sich mit der Konsumkultur auseinandersetzt), mit Fluxus (eine Aktionskunst mit zeitgenössischen Phänomenen der Öffentlichkeit), der Happening Art (bei der es um die Erzeugung von öffentlichen Performances geht), der Land Art und anderen schienen sich mit den gesellschaftlichen Umbrüchen zu verbinden und gaben auch der Fernsehentwicklung immer wieder neue Impulse. Die Weiterentwicklung der Fernsehästhetik mit der Entwicklung der Stanztechniken, mit Blue Screen, Solarisationseffekten und anderem mehr (davon lebten dann Unterhaltungssendungen wie z. B. die Musiksendung "Der Beatclub") verdankte viele Anregungen der Bildenden Kunst und ihren Versuchen, sich auch der Bewegtbilder anzunehmen, z. B. in der entstehenden Videokunst (Nam June Paik u. a.).

Niedrige Einschaltquoten für ambitionierte Kultursendungen

So euphorisch die Nähe zwischen Bildender Kunst und Fernsehen zunächst schien, die Ernüchterung erfolgte in den 1970er Jahren, nachdem die Sender durch Zuschauermessungen feststellten, dass die Einschaltquoten ambitionierter Kultursendungen insbesondere in den Dritten Programmen sehr niedrig lagen oder gar nicht mehr messbar waren (Frank/Maletzke/Müller-Sachse 1991). Das heißt nicht, dass sie keine Zuschauer hatten, aber bundesweit bedeuteten etwa 400.000 Zuschauer ein Prozent Einschaltquote, und Zuschauerzahlen, die darunter lagen, konnten in der Zuschauermessung nicht mehr erfasst werden. Kultursendungen waren also Minderheitenprogramme und fielen nun der stärker werdenden Quoten-Orientierung der Rundfunkanstalten nach und nach zum Opfer.

"100(0) Meisterwerke" (ARD)

1980 gab es noch einen Versuch, mit einer Sendereihe über die Bildende Kunst ein breiteres Publikum anzusprechen: Der WDR produzierte nach einem Vorbild der BBC eine Fernsehserie mit jeweils 10 Minuten dauernden Folgen zu "100 Meisterwerke aus den großen Museen der Welt", die dann aufgrund ihres Publikumserfolges als "100(0) Meisterwerke" verlängert wurde. Ausgestrahlt wurde sie bis 1994 von der ARD, dem ORF und den Dritten Programmen BR und WDR. Redakteurin war Wibke von Bonin. In jeder Folge wurde ein Bild von einem renommierten Kunstwissenschaftler besprochen, zum Vergleich wurden auch andere Bilder herangezogen, so dass kunsthistorisches Wissen vermittelt wurde. Die Darstellungen wurden dann auch in mehreren Büchern zusammengefasst und publiziert.

Die Reihe "100(0) Meisterwerke" war ein bedeutender Höhepunkt der Kunstpräsentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mit dem Aufkommen der kommerziellen Programme ab Mitte der 1980er Jahre reduzierte sich der Anteil der Kunstsendungen – er war ohnehin nie sehr groß – in den öffentlich-rechtlichen Programmen, weil diese glaubten, vor allem im Unterhaltungsbereich mit den privaten Sendern mithalten zu müssen.

Kaum Programmplätze für Videokunst

Erstaunlich ist, dass sich in den 1980er Jahren die Videokunst, also die Arbeiten von Künstlern, die mit der elektronischen Kamera arbeiteten – die es seit den 1970er Jahren auch im semiprofessionellen Bereich (Videokamera, U-Matic-Kamera) gab – in den Fernsehprogrammen nur selten behaupten konnten. Ausnahmen gab es vor allem spätabends in den Dritten Programmen. Sie blieben auch einem kulturell anspruchsvollen Publikum fremd, das zwar Kunstsendungen sah, die Videokunst mit ihren wenig narrativen Formen jedoch kaum akzeptierte.