Neue Formen der Sportrezeption – Public Viewing

30.8.2012
Als eine neue Form des Fernsehens im öffentlichen Raum hat sich gerade beim Sportfernsehen das Public Viewing etabliert. Öffentliche Übertragungen von Fußballspielen stehen dabei im Zentrum. Neben den notwendigen technischen Voraussetzungen, die durch die Weiterentwicklung von Fernsehprojektionen mit Hilfe leistungsstarker Beamer gegeben waren, gaben letztlich 2006 der Internationale Fußballverband FIFA und der Sportrechtevermarkter Infront den Anstoß, weil die Nachfrage nach Eintrittskarten bei der WM 2006 in Deutschland sehr viel größer als die Zahl der Karten war. Erlaubt wurde die kostenfreie öffentliche Übertragung auf öffentlichen Plätzen, in großen Hallen, Schulen, Unternehmen oder Biergärten. Auch der Verkauf von Nahrungsmitteln wurde dabei erlaubt.
Fußballfans schwingen am 30. Juni 2006 beim 'Public Viewing' des Fußball WM-Spiels zwischen Deutschland und Argentinien in Berlin Deutschlandfahnen. Nur gut ein Drittel der Bundesbürger glaubt an einen Sieg der deutschen Nationalelf bei der anstehenden Europameisterschaft. In einer Umfrage des Nachrichtenmagazins "Focus", deren Ergebnis am Samstag, 31. Mai 2008, bekannt gegeben wurde, setzten 36 Prozent auf Sieg, 56 Prozent rechneten dagegen nicht mit einem Sieg Deutschlands. Nur die Jugend ist optimistisch: 58 Prozent der 14- bis 19-Jährigen rechnen mit einem Finalsieg, aber nur 30 Prozent der 35- bis 54-Jährigen.Fußballfans schwingen am 30. Juni 2006 beim 'Public Viewing' des Fußball WM-Spiels zwischen Deutschland und Argentinien in Berlin Deutschlandfahnen. (© AP)

Kollektive und emotionalisierte Rezeption



Mit dieser Form wurde eine kollektive, gleichwohl medial vermittelte Rezeption ermöglicht. Gerade bei einem so identitätsstiftenden Großereignis wie der Fußball-WM schuf das Public Viewing eine neue Form emotionalisierter Rezeption, weil sich in Gesellschaft von Gleichgesinnten die simultan entstehenden Emotionen verstärkten, sowohl im positiven (Freude über den Sieg) wie im negativen Sinn (Trauer über die Niederlage). Es blieb deshalb nicht bei einem spontanen Public Viewing durch einzelne Gaststätten, sondern viele Kommunen richteten spezielle Zonen ("Fan-Meilen") ein, in denen auf besonders riesigen Leinwänden im Freien das Spiel gemeinsam erlebt werden konnte. Teilweise beteiligte sich auch die FIFA bei der Einrichtung derartiger Fan-Meilen, ein Großteil der Kosten musste jedoch von den Kommunen selbst aufgebracht werden. In Frankfurt am Main wurde eine Projektion auf einer künstlichen Insel im Main aufgebaut, so dass von beiden Ufern aus ca. 50.000 Zuschauer die Spiele der WM 2006 verfolgen konnten. In Hamburg war am Millerntorstadion eine entsprechende Leinwand aufgebaut, in Berlin gab es eine "Fan-Meile" auf der abgesperrten Straße des 17. Juni im Tiergarten, im Sony-Center und in der Waldbühne. In fast allen Städten wurden solche Public-Viewing-Möglichkeiten geschaffen. Sahen auf der "Fan-Meile" auf der Straße des 17. Juni ca. 300.000 Zuschauer das Eröffnungsspiel der WM (Deutschland gegen Costa Rica), so waren es bei der Achtelfinalbegegnung Deutschland gegen Schweden bereits ca. 750.000. Es mussten Fan-Meilen wegen Überfüllung geschlossen werden.

Auch bei der EM 2008, bei der WM 2010 und der EM 2012 fanden Public Viewings statt. Es wurden häufig die gleichen Fan-Meilen wie bei der WM 2006 eingerichtet, doch die Resonanz bei den nachfolgenden EMs und WMs war deutlich geringer.

Das Public Viewing, spöttisch als "Rudelgucken" bezeichnet, weitete sich in der Folge auch auf andere Formen der Fernseh- und Filmpräsentation aus und ist seither eine beliebte urbane Freizeitbeschäftigung im Sommer, die ihre Vorläufer, die sogenannten "Open Air"-Kinos, bislang bei weitem übertraf.