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30.3.2013

Lächerliches sichtbar machen


Comedy ging und geht es darum, nicht mehr nur politische Sachverhalte aufzuspießen, sondern vor allem das Alltägliche und damit Dinge, die den Lebenszusammenhang betreffen, in ihrer Lächerlichkeit sichtbar zu machen. Comedy will nicht nur nachdenklich machen, sondern "ein fortgesetztes 'Ablachen' und damit ein verstärktes Abreagieren von Enttäuschungen und Frustsituationen über kulturelle und soziale Phänomene" ermöglichen. "Ein nicht-intellektuelles und jüngeres Publikum (eben jene als werbeträchtig erkannten Gruppen der 14- bis 49-Jährigen) soll damit erreicht werden" (Hickethier 2008a, S.201).

Comedy-Boom

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts etablierte sich eine große Zahl von Comedy-Serien, die werktags oft mehrfach am Tage auf dem Bildschirm präsent waren, darunter viele Sitcom-Serien, die oftmals aus den USA importiert wurden, z B. „King of Queens“. Dazu gehör(t)en Comedyshows, die, wie beispielsweise „7 Tage – 7 Köpfe“ (RTL, 1996–2005) oder die „heute-show“ (ZDF, seit 2009), häufig auf ausländischen Vorbildern basierten, oder Eigenentwicklungen wie „Schillerstraße“ (Sat. 1, 2004–2007, 2009–2011) und „Genial daneben – die Comedy-Arena“ (Sat. 1, 2003–2011) , ferner „Fun-Night“, „Switch“, „NightWashUltra“ und Kabarett- und Comedy-Verbindungen („Otis Schlachthof“ (BR, 1995–2012), „Männer allein zuhaus“ (WDR, seit 2004)) sowie Comedy-Talks („Blond am Freitag“ (ZDF, 2001–2007), „Quatsch Dich reich – Koslars Comedy Talk“ (Vox, 1999)).

Im Comedy-Visier: Wohlstands- und Mediengesellschaft

Viele Comedy-Formate widmen sich vor allem den Nebensächlichkeiten der Wohlstandsgesellschaft und karikieren sie – durchaus kritisch, aber lustvoll – als absurde Nichtigkeiten. So können sich über solche Sendungen Zuschauer abgrenzen von den konventionellen Vermittlungen der Realität im Fernsehen. "Comedy im weitesten Sinn der heutigen Programmpraxis überschreitet bewusst die Grenzen des Mainstream-Humors, weil damit bei speziellen Teilgruppen des Publikums ein comedybasiertes Selbst- und Einverständnis erzeugt wird. Auf eine Integration breiter Publikumsschichten wird kein Wert mehr gelegt; Integration geschieht hier durch Abgrenzung von anderen und durch eine mediale Milieu-Bildung" (ebd., S.203).

Stefan Raab vertritt mit "TV total" eine besondere, inzwischen weiter kultivierte Form, durch drastische Wiederholungen und Überzeichnungen die Mediengesellschaft vorzuführen. 1999 auf ProSieben gestartet, wird die Serie bis zu vier Mal pro Woche ausgestrahlt. Sie ist sehr populär und Raab hat inzwischen um die Sendung – wie andere Entertainer auch – eine eigene Produktionsgruppe aufgebaut und moderiert und produziert noch weitere Unterhaltungssendungen für ProSieben, die mit großem Erfolg laufen: zum Beispiel die "TV total Wok-WM", "Die große TV total Stock Car Crash Challenge" oder Einzel-Events wie die Boxkämpfe gegen Regina Halmich.

Die Ventilfunktion von Comedy-Shows

Die Comedy-Shows im deutschen Fernsehen, so die These von Knut Hickethier, versuchen bei dem – vor allem jugendlichen – Publikum eine "Entlastung von der Bedeutungsüberproduktion in der Realität" zu schaffen. Sie liefern eine Möglichkeit der 'Abreaktion' und der Befreiung von den "angestauten Problemen" und sie haben damit eine "Ventilfunktion" für die Zuschauer, sich von dem individuellen Ärger in der Gesellschaft zu befreien (ebd., S.203f.). Fernsehen "bietet durch Comedy-Angebote die Perspektive, die als sinnlos erfahrene Welt durch Unsinn ertragbar zu machen" (ebd., S.206).