30.8.2012

Kaum Talkangebote im DDR-Fernsehen

Die Gesprächssendung ist eine Form, die genuin dem Medium entspricht: Mehrere Leute setzen sich in einem Studio zusammen vor die Kameras und unterhalten sich miteinander, damit die Zuschauer unterhalten werden. Die Zuschauer werden also mit anderen Menschen konfrontiert, die sich via Bildschirm quasi bei ihnen zu Hause einfinden. Dennoch hat es im Fernsehen der DDR kaum solche Sendungen gegeben. Zwar gab es im Unterhaltungsbereich immer wieder kulturell orientierte Gesprächssendungen neben unterhaltsamen und porträtierenden Talkshows wie das live ausgestrahlte "Porträt per Telefon" (1969–1990) oder "Treff mit O. F." (ab 1979). Hier ging es um die Befragung von mehr oder weniger prominenten Kulturschaffenden der DDR, die auf diese Art und Weise dem Fernsehpublikum vorgestellt wurden. Größere Formen, in denen frei 'durcheinander' gesprochen werden konnte, gab es jedoch selten, so etwa in der Nische des Jugendprogramms (vgl. Keller 2009).

Fernsehen als Verkündigungsinstrument

Das hängt mit dem Medienverständnis der DDR zusammen, wonach das Fernsehen letztlich im leninschen Sinne ein "kollektiver Organisator" der Massen zu sein hatte, der die Bevölkerung auf die wichtigen Aufgaben und Anforderungen hinlenkte, die notwendig und politisch gewünscht waren. So konnte sich das Fernsehen – trotz aller Formenvielfalt und historischen Veränderungen – dann zumeist doch nur als eine Art Verkündigungsinstrument der "Avantgarde der Arbeiterklasse", der Partei, und in ihr wieder der Parteispitze, verstehen. Oder um es einfacher, nämlich mit den Worten des SED-Funktionärs Günter Schabowski zu sagen, der forderte: "Talkshow oder Sozialismus!".

Fehlende öffentliche Gesprächskultur

Es bestand hier ganz offensichtlich ein Defizit, Fernsehen als ein öffentliches Forum unterschiedlicher Interessen und Positionen zu verstehen, die in einer Fernsehrunde miteinander ins Gespräch gebracht werden, und ungesteuerte und vorher nicht abgesprochene Fragerunden zwischen den Politikern und den Zuschauern zuzulassen. Das zeigt sich daran, dass erst am 24. November 1989 mit "elf99 – Talk mit open end" eine live gesendete Polit-Talkshow Premiere hatte, aus der der kurzlebige "samsTALK" hervorging. 1990 wurden "Klartext" und das "Donnerstag-Gespräch" – Untertitel: "Zuschauer fragen – Politiker antworten" – ins Programm genommen. Diese Reihen erregten großes Aufsehen und wurden als Foren der Verständigung über den Umbruch in der DDR genutzt, nach der Wiedervereinigung aber umgehend eingestellt. Eine öffentliche 'Gesprächskultur' im demokratischen Sinn hatte sich im DDR-Fernsehen nicht entwickeln können.