30.8.2012

Fernsehen als Leitmedium in West und Ost

Im Westen Deutschlands waren beide Jahrzehnte durch Reformversuche der ab 1969 regierenden sozialliberalen Koalition (Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher), durch ein gesellschaftliches Aufbruchsklima und starke öffentliche Kontroversen gekennzeichnet. In den 1980-er Jahren kam der Einstieg in ein kommerzielles Fernsehen hinzu.
Kinder und Jugendliche beim FernsehenDas Fernsehen entwickelt sich in den 1970-er Jahren zum Leitmedium (© picture-alliance/dpa)

Seit 1976 war die Medienentwicklung durch die Diskussion über neue Verbreitungstechnologien (Kabel, Satellit, Videos) und die sich mit der bevorstehenden Programmvermehrung ergebenden Möglichkeiten der Einführung eines kommerziellen Fernsehens bestimmt. Der Wechsel in der Bundesregierung zu einer christlich-liberalen Regierung unter Helmut Kohl führte ab 1982 zu einem Programm der Deutschen Bundespost zur Verkabelung der Republik, wurde damit der technische Grundstein für die ab 1984 in vier Städten eingeführten Kabelpilotprojekte gelegt, in denen es erstmals auch kommerzielle Programme gab.

Fernsehen als Leitmedium

Seit den 1970-er Jahren hatte sich das Fernsehen in Ost und West gleichermaßen zum Leitmedium entwickelt. Was hier wie dort über den Bildschirm lief, bestimmte stärker als das Radio oder die Tageszeitungen die gesellschaftliche Debatte und das private Gespräch. Politische Konflikte wie das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt wurden in der Live-Übertragung zu einem gesellschaftlichen Ereignis wie zuvor nur Sportübertragungen. Das Fernsehen förderte so in der Bundesrepublik den Zusammenhalt einer Gesellschaft, deren alte Bindungsstrukturen wie Großfamilie, Kirche oder Betriebe an Bedeutung und Kraft verloren hatten. In der DDR imaginierte das Fernsehen das Bild einer sozialistischen Gesellschaft, wie sie real von den Menschen nicht unbedingt täglich erfahren wurde, aber für viele auch als Zielvorstellung dienen konnte.

Medium der Modernisierung

In diesem Sinne war das Fernsehen in beiden deutschen Staaten Ausdruck der Modernisierung einer mobiler werdenden und auf eine größere Unabhängigkeit ihrer Individuen setzenden Gesellschaft. Es war zugleich auch einer ihrer Motoren, weil es Bilder der Modernisierung verbreitete und ihre Werte (wie Schnelligkeit, Beschleunigung, Offenheit für Neues etc.) durch ihre wiederholte Thematisierung propagierte. Dass der durchschnittliche Fernsehkonsum pro Jahr immer weiter anwuchs, deutet an, dass das Fernsehen umgekehrt offenbar auch die Folgen der Individualisierung linderte und Geborgenheit und Heimat vermittelte. Vor allem ältere Menschen verbrachten mehr und mehr Zeit vor dem Fernsehapparat.