30.3.2013

Neue Formate, Importe, Skandale

Beide Entwicklungen führten auf dem deutschen Fernsehmarkt dazu, dass die Risiko-Bereitschaft, neue Formate zu starten und die Zuschauer mit ungewöhnlichen Sendeideen zu überraschen, stark abnahm. Teure Produktionen wurden durch billige ersetzt. Täglich ausgestrahlte Serien mit Laiendarstellern kamen ins Programm. Schon seit Mitte der 1990er Jahre strahlten RTL, Sat.1 und ProSieben nachmittags billig produzierte Daily Talkshows wie "Arabella", "Bärbel Schäfer", "Sonja" oder "Andreas Türck" aus. Seit der Jahrhundertwende wurden diese Sendungen allmählich durch Gerichtsshows ersetzt. Erfolgreiche Ideen wurden vielfach kopiert. Als 1999 mit "Wer wird Millionär?" ein weltweit vermarktetes englisches Quiz in Deutschland erfolgreich wurde, starteten auch alle anderen Sender Quizformate. Die meisten verschwanden in kürzester Zeit mangels Erfolg wieder aus den Programmen. Nur das 2001 in der ARD gestartete "Quiz mit Jörg Pilawa" überlebte neun Jahre. Es wurde im September 2010 eingestellt.

Casting-Shows

Heidi Klum mit Finalistinnen der zweiten Staffel von "Germany's next Topmodel by Heidi Klum"Heidi Klum mit Finalistinnen der zweiten Staffel von "Germany's next Topmodel by Heidi Klum" (© picture-alliance, schroewig)
Ab 2000 wiederholte sich diese Entwicklung mit Casting-Shows. Nachdem ProSieben mit der ersten "Popstars"-Staffel und der dort gecasteten Mädchenband "No Angels" erfolgreich war, zog RTL 2002 mit "Deutschland sucht den Superstar" nach, danach brachten fast alle anderen Sender ebensolche Shows ins Programm. 2006 erweiterte sich das Casting-Spektrum auf die Modebranche: ProSieben startete mit "Germany's next Topmodel – by Heidi Klum" ein weiteres quotenstarkes Format. Das ZDF versuchte mit einer von Thomas Gottschalk moderierten Musical-Casting-Show an dieser Programmentwicklung ebenfalls teilzuhaben, mit wenig Erfolg. In den letzten Jahren befinden sich Castingformate in einem ständigen Umbruch. Neue Formate wie "X Factor" (Vox, seit 2010) oder "Voice of Germany" (ProSieben/Sat.1, seit 2011) drängen auf den Markt und machen arrivierten Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" Konkurrenz. Nicht nur der verschärfte Kampf um Marktanteile, sondern auch Abnutzungserscheinungen der allgegenwärtigen Castingformate sorgen dafür, dass unentwegt neue Konzepte erprobt oder alte Sendeformate modifiziert werden.

Erfolge mit amerikanischen Serien

Wesentliche Veränderungen vollzogen sich auch bei den TV-Serien. Seit den 1990er Jahren gab es im Hauptabendprogramm kaum amerikanische Serien zu sehen. Das änderte sich, als es Vox 2002 beim dritten Versuch gelang, die US-Serie "Ally McBeal" beim Publikum populär zu machen. Nun sendeten Vox und kabeleins eine Reihe von amerikanischen Serien, die in den Jahren zuvor als unverkäuflich galten. Mit Erfolg: Bei Vox erreichte die Krimi-Serie "CSI", die in Las Vegas spielt, für den Sender ungewöhnlich hohe Zuschauerzahlen, ebenso wie ihre Ableger gleichen Namens, die in Miami und New York angesiedelt sind. 2006 gab Vox die Serien an den Muttersender RTL weiter, bei dem sie ebenfalls erfolgreich waren. Ähnlich wechselten US-Serien von kabeleins zum Muttersender Sat.1. Und ProSieben traute sich nach Jahren der Stagnation, die Zahl der US-Serien z. B. mit "Sex and the City" oder "Desperate Housewives" wieder auszubauen.

Konkurrenz um die Aufmerksamkeit

Generell stieg der Aufwand, der beim Start von neuen Formaten, Serien und Fernsehfilmen getrieben wurde. Mehrteilige Fernsehfilme, sogenannte "Event-Movies" wie "Der Tunnel" (Sat.1), "Das Wunder von Lengede" (Sat.1) oder "Dresden" (ZDF), kamen ab 2001 in die Programme und wurden als Ereignisse vorab in der Öffentlichkeit zelebriert. Die Sender suchten sich Medienpartner, die zu den Themen dieser Filme Artikelserien und Dokumentationen publizieren. Im jeweils eigenen Programm wurden flankierende Filme und Talk-Shows eingeführt. Die Schauspieler der Filme standen in der Pflicht, sich kurz vor der Ausstrahlung in Shows zu präsentieren und dort nebenbei für das jeweilige Werk zu werben. Großflächige Werbekampagnen und Hörfunkspots lenkten die potenziellen Zuschauer zusätzlich auf das Ereignis hin, zu dem der jeweilige Mehrteiler werden sollte. Die Nebenkosten dieser Werbeaktionen verteuerten die ohnehin schon teuren Großproduktionen, die oft das Zehnfache dessen kosteten, was ein Sender für einen normalen Fernsehfilm zahlt.

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!": 10 "Prominente" verbringen zwei Wochen in einem Dschungelcamp in Australien, und die Bewältigung von Dschungelprüfungen entscheidet über die Menge der zugeteilten Essensrationen. Daniel Küblböck muss sich in dieser Sendung mit tausenden von Kakerlaken in einen "Kakerlaken-Sarg" legen. (Ausschnitt aus der Sendung vom 12.01.2004) (© RTL, 2004)

Aufmerksamkeit durch inszenierte Skandale

Zur Aufmerksamkeitsmaximierung gehörte auch der lustvoll zelebrierte Skandal. Casting-Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" oder das Prominenten-Dschungelcamp "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (beide RTL) suchten mit vorab publizierten Details von Jury-Aussagen, die an Beleidigung grenzten, oder mit intimen Geständnissen die Zuschauer auf die jeweiligen Folgen aufmerksam zu machen. Unterstützung erhielt RTL in beiden Fällen vor allem durch die "Bild"-Zeitung. Zur Steigerung der Aufmerksamkeit bedienten sich die Sender verstärkt der Internetportale. Als Johannes B. Kerner 2007 bei der Aufzeichnung der Folge seiner nach ihm benannten Talk-Show (ZDF) einen Gast (Eva Herman) bat, das Studio zu verlassen, weil sich die anderen Studiogäste über unzutreffende Behauptungen von Herman über das "Dritten Reich" empört hatten, wurde diese Information gleich an die Medien weitergegeben. Dank der schnellen Internetportale wie Spiegel Online, die das sofort meldeten, wurde die Zahl der Zuschauer, die sich abends die Sendung anschauten, beträchtlich gesteigert.