30.8.2012

Medienethik und "Affektfernsehen"

Medienethische Diskussionen gab es insbesondere über zwei Formatentwicklungen. Diese entwickelten die privat-kommerziellen Programme seit den 1990-er Jahren mit dem Ziel der verstärkten Zuschauerbindung. Die Bezeichnung hierfür lautet "Affektfernsehen" (Bente/Fromm 1997):
Moderator Hans Meiser in seiner ersten Sendung am 14. September 1992Moderator Hans Meiser in seiner ersten Sendung am 14. September 1992 (© RTL)

  • Talk- und Bekenntnisshows in den Nachmittagsprogrammen, beginnend mit "Hans Meiser" und "Ilona Christen" (1992/93 auf RTL) und mit "Arabella" (1994 auf ProSieben)
  • neue Unterhaltungsformate, beginnend mit der 24-Stunden-Beobachtung "Big Brother" ab 2000. Vor allem die auch als "Container-Show" bezeichnete Sendereihe löste eine heftige medienethische Debatte aus. Das Zurschaustellen von Privatheit wurde heftig kritisiert, viele sahen die Menschenwürde der Beteiligten verletzt und monierten, dass die Kandidaten unter einem zu starken psychischen Druck stünden, die ständige Beobachtung zu seelischen Belastungen führe.

Viele dieser Sendungen bzw. Formate werden zum Bereich des "Reality-TV" gezählt (siehe auch den Bereich "Reality-TV").


"Richterin Barbara Salesch" war eine Gerichtsshow, die von Sat.1 (1999-2012) zunächst im Vorabendprogramm und dann auf früheren Sendeplätzen ausgestrahlt wurde. Fälle und Urteile waren zunächst echt, später allerdings fiktiv und von Laiendarstellern nachgestellt. (Ausschnitt aus der Sendung vom 14.11.2007) (© filmpool GmbH/ Sat.1, 2007)

Neue Programmtrends

Intensiv wurden in der Öffentlichkeit die Tabubrüche diskutiert, die die intimen Bekenntnisse der Talkshowgäste bzw. die pausenlose Beobachtung von Menschen in prekären und dauerhaften Stress-Situationen mit Hilfe vieler Kameras mit sich brachten. Neben der Personalisierung, der Intimisierung und der Emotionalisierung war es vor allem der angeblich authentische Augenkitzel, der die Attraktivität, aber zugleich auch die ethische Problematik der Programme ausmachte. Ab 2002, beginnend mit der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" (RTL), wurden diese affektiven Elemente mit zwei weiteren ökonomischen Elementen verbunden: mit der Ausbeutung des Wunsches, ein Star zu sein, und mit der cross-medialen Vermarktung der wegen dieses Wunsches öffentlich zur Schau gestellten besonderen Fähigkeiten zu singen und zu tanzen bzw. ab 2006 zu modeln ("Germany's Next Topmodel", ProSieben).
"Wer wird Millionär?" ist seit Beginn die beliebteste Quizshow im deutschen Fernsehen mit dem Moderator Günther Jauch, in der die Kandidaten durch das Beantworten von Fragen Millionär werden oder zumindest größere Geldsummen erspielen können. Ihnen stehen dabei verschiedene Joker zur Verfügung. (Ausschnitt aus der Sendung vom 3.9.1999) (© RTL, 1999)
Dem Trend zum medienethisch umstrittenen Affektfernsehen setzten sowohl die privat-kommerziellen als auch die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter seit dem Ende der 90er Jahre zwei neue Programmtrends entgegen: die Gerichtsshows, beginnend 1999 mit "Streit um Drei" (ZDF, bis 2003) und "Richterin Barbara Salesch" (Sat.1, bis 2012), und die Quizshows, beginnend 1999 mit Günther Jauchs "Wer wird Millionär?" (RTL) und dem "Quiz mit Jörg Pilawa" 2001 (Das Erste, bis 2010).

Debatten um "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (RTL)

Vor allem um die Show "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (RTL, seit 2004) wurde eine intensive medienethische Debatte geführt. Die Sendereihe wurde als "Ekelfernsehen" bezeichnet, ihr wurde vorgeworfen, sie würde die Menschenwürde der Beteiligten verletzen. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) sah jedoch keinen Verstoß gegen die Jugendschutzbestimmungen. In den Feuilletons kritisierten Psychiater einen Sadismus in der Sendung, der "Bund gegen Missbrauch der Tiere" protestierte, der FDP-Landtagsabgeordnete Dietrich von Gumppenberg erstattete eine Strafanzeige. Deutlich wurde daran vor allem, dass es immer noch gesellschaftlich Tabus gab und von zahlreichen Zuschauern ethische Grenzen gezogen wurden.

Weitere, manchmal schon vor der Ausstrahlung heftig diskutierte Sendungen bzw. Formate betrafen Schönheitsoperationen (z. B. "The Swan – Endlich schön!", ProSieben, 2004; "I Want a Famous Face", MTV, 2004) oder waren umstrittene humoristische Formate wie "Jackass" (MTV, 2001) und "Popetown" (MTV, 2006).

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!": 10 "Prominente" verbringen zwei Wochen in einem Dschungelcamp in Australien, und die Bewältigung von Dschungelprüfungen entscheidet über die Menge der zugeteilten Essensrationen. Daniel Küblböck muss sich in dieser Sendung mit tausenden von Kakerlaken in einen "Kakerlaken-Sarg" legen. (Ausschnitt aus der Sendung vom 12.01.2004) (© RTL, 2004)