30.8.2012

Ideologisierung im Fernsehspiel der DDR

Titelbild der Programm-Zeitschrift "F.F."Titelbild der Programm-Zeitschrift "F.F." (© MVF Magazinverlag/Burda, 1964)
Früh nahm sich die DDR-Fernsehdramatik der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und des Zweiten Weltkrieges an, z. B. in "Der Henker richtet" (DFF, 1960), einem Film über die Geschwister Scholl. Der Formenkanon spannte sich vom psychologischen Kammerspiel ("Immer am Weg dein Gesicht", DFF, 1960) bis zum aufwändigen Mehrteiler wie dem Antikriegsfilm "Gewissen in Aufruhr" (DFF, 1961).

Schaffung einer neuen sozialistischen Persönlichkeit

Die Intention dieser Filme war es, Lehren aus der Geschichte zu ziehen mit dem Ziel der Schaffung einer neuen sozialistischen Persönlichkeit. Die Fernsehdramatik suchte den sozialistischen Volkshelden. Der am bürgerlichen Entwicklungsroman orientierte mehrteilige Fernsehroman gab in den 1960er Jahren dem Fernsehspiel die ideale Dramaturgie an die Hand. Das faustische Drama "Dr. Schlüter" (DFF, 1966), in dem ein junger Chemiker den Nazis seine Seele verkauft und Jahre später nach dem "wahren" Deutschland sucht, und "Wege übers Land" (DFF, 1968), eine bewegende Saga über eine junge Frau, die zur couragierten Wortführerin der Einzelbauern wird, wurden als Mehrteiler gedreht. Zu den bedeutendsten Leistungen dieser jungen Fernsehgattung gehörte die Adaption des Romans "Nackt unter Wölfen" (DFF, 1960). Das KZ-Drama, das wie der Roman die Häftlinge zu den Befreiern des Lagers machte, was dem antifaschistischen Gründungsmythos der DDR entsprach (nicht aber den historischen Tatsachen), wurde ein großer Erfolg. Zwei Jahre später kam es unter Frank Beyers Regie zu einer international beachteten Kino-Verfilmung.

"Weichere" Formen der Ideologisierung

Der fünfteilige Fernsehfilm "Wege übers Land" des DDR-Fernsehens unter der Regie von Helmut Sakowski schildert die Geschichte der Magd Gertrud Habersaat. Sie soll zeigen, wie am Ende gerade in der DDR auch eine Magd zu einer gesellschaftlich bedeutenden Persönlichkeit werden konnte. In einer Nebenrolle ist Armin Mueller-Stahl zu sehen. (Ausschnitt aus dem dritten Teil vom 29.6.1968) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1968)
Neben der expliziten Gesinnungsdramatik, die als Entsprechung der sogenannten "Ankunftsliteratur" gesehen werden konnte, gab es auch "weichere" Formen der Ideologisierung im Fernsehspiel der 1960er Jahre. In der Diskussion um das kulturelle "Erbe" fand man in Hans Fallada einen Autor, den man nicht dem bürgerlichen Klassenfeind überlassen wollte. Nachdem die ARD "Jeder stirbt für sich allein" (SFB, 1962) erfolgreich adaptiert hatte, zog der DFF gleich mit zwei Verfilmungen von Hans-Joachim Kasprzik nach: "Wolf unter Wölfen" (DFF, 1964) und "Kleiner Mann – was nun?" (DFF, 1967). Der Schauspieler und Filmemacher Ulrich Thein näherte sich in "Mitten im kalten Winter" (DFF, 1968) dem Zweiten Weltkrieg in Form einer poetischen Beschreibung des Alltags. In seinen Alltagsgeschichten aus der DDR zeigte er Menschen, die auf Sinnsuche gehen, die in Liebeskonflikten stecken und für die individueller Anspruch und gesellschaftliche Erfordernis kein Widerspruch war. Theins Ästhetik in "Unbekannte Bürger" (DFF, 1969) oder "Columbus 64" (DFF, 1966) – dokumentarisch anmutendes Schwarzweiß, ausschnitthafte Reihung von Alltagssituationen, Menschen mitten im Leben – war vom europäischen Neorealismus des Kinos jener Jahre deutlich beeinflusst.