30.3.2013

Dokumentarspiel und Dokumentarfilm (BRD)

Die 1960er Jahre standen im Zeichen der Konkurrenz zwischen der ARD und dem ZDF. Der neue Mainzer Sender startete nach seiner Gründung 1961 im Jahre 1963 mit seinem Programm. Er war politisch etwas konservativer ausgerichtet und stärker unterhaltungsorientiert als das Programm des Ersten Deutschen Fernsehens.

Rekonstruktionen historischer Ereignisse

Eine Fernsehgattung, dem die Mainzer einen festen Programmplatz gaben, waren Dokumentarspiele, die in szenischen Rekonstruktionen historische Ereignisse aufbereiteten. Man inszenierte historisches Geschehen, orientierte sich dabei an Originaltexten und Dokumenten, spielte aber auch theatralische Dokumentarstücke nach. Die Palette reichte von Theodor Schübels "Karl Sand" (ZDF, 1964) über die Ermordung des Dramatikers August von Kotzebue, Heiner Kipphardts "In der Sache J. Robert Oppenheimer" (ZDF, 1964) über die Verantwortung des Wissenschaftlers bei der Erfindung der Atombombe, bis hin zu "Der Fall Vera Brühne" (ZDF, 1966), der Verfilmung des bis dahin aufsehenerregendsten Schwurgerichtsprozesses der bundesdeutschen Nachkriegszeit.

Verbindung von Fiktion und Dokumentation

Verzichtete dieses reine Studio-Genre in den 1960er Jahren noch auf filmische Anmutung, etablierten sich in den 1970er Jahren dokumentarisch-fiktionale Mischformen und Kostümfilme, die gleichermaßen Wert auf Realitätsgehalt und hohe visuelle Attraktivität legten. Das ZDF-Dokumentarspiel geriet Mitte der 1970er Jahre in heftige Kritik, weil es so tat, als liefere es ein objektives Bild der Vergangenheit, wo es doch eine mögliche Deutung inszenierte (vgl. Delling 1976). Das Entscheidende war, dass eine publizistische Form gesucht wurde, die die Fiktion mit der Dokumentation verband, sich dabei aller Möglichkeiten fiktionaler Verdichtung bediente, gleichwohl aber den Anspruch auf Authentizität, auf dem historischen "So war es" für sich reklamierte. In dieser Tradition – wenn auch mit dokumentarischen Produktionen – stand auch Guido Knopp (bis Februar 2013 als Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte) mit seinen Geschichtsmehrteilern im ZDF („Hitler und seine Helfer“ etc.).

Fernsehspiele mit dokumentarischen Mitteln

Zu einer treibenden Kraft für die Fiktion wurde Ende der 1960er Jahre der Dokumentarfilm, weil er mehr Realität auch von der Fiktion einforderte. Die ersten Arbeiten Eberhard Fechners ("Nachrede auf Klara Heydebreck", NDR, 1969), Klaus Wildenhahns oder Erika Runges ("Warum ist Frau B. glücklich?", WDR, 1968), die sich mit dokumentarischen Methoden der bundesdeutschen Wirklichkeit näherten, waren wegweisend für das Fernsehspiel, das mit seiner kritisch-journalistischen Ausrichtung den Zugang zu den politischen Fragen der Zeit suchte. Auch hier wirkte die Arbeit mit den dokumentarischen Mitteln auf die Fiktion, indem eine neue Form der Verdichtung und des Umgangs mit der Realität gesucht wurde. Eberhard Fechner entwickelte durch seine Technik der forcierten Montage zahlreicher Interviewpartikel, dass ein Zeitbild einer ganzen Generation ("Klassenphoto", NDR, 1970) von Musikern ("Comedian Harmonists", NDR, 1976) und Seeleuten ("La Paloma", 1988) entstand, eine Art "kollektiver Stimme", weil Sätze von einer Person zur anderen und wieder zur nächsten führten, so als sprächen sie die gleiche Sprache und von der gleichen Sache (vgl. Netenjakob 1989). Die wichtigste Arbeit war sein dreiteiliger Film über den Majdanek-Prozess (1984).

Experimentierwerkstatt und Talentschmiede



In einer Zeit, die vom Diskurs und der Auseinandersetzung über die Form der Gesellschaft geprägt war, wurden Fernsehspiele oft zu umstrittenen publizistischen Ereignissen. "Alma Mater" (NDR, 1969) von Dieter Meichsner und Rolf Hädrich, ein stark dokumentarisch anmutender Film, der die destruktiven Mechanismen innerhalb der Studentenbewegung kritisierte, erweckte den Unmut der Linken, irritierte aber auch durch die fast ununterscheidbare Mischung von Fiktion und Dokumentation. Ulrike Meinhofs "Bambule" (SWR, 1970) über die Situation in Fürsorgeheimen wurde aufgrund der politischen Aktivitäten seiner Autorin als Mitglied der "Roten Armee Fraktion" (RAF) aus dem Programm genommen. Für ästhetische Irritationen sorgte "Berliner Antigone" (ZDF, 1968) nach der Novelle von Rolf Hochhuth. Montagen, die Zeit- und Bewusstseinsebenen mischten, sowie der Verzicht auf eine lineare Handlung und den Blickwinkel eines objektiven Beobachters machten den Film über eine junge Frau, die von den Nazis zum Tode verurteilt wird, zu einem außergewöhnlichen Film. Die experimentellen Möglichkeiten des Fernsehspiels lotete Peter Zadek in "Rotmord" (WDR, 1971) aus, einer Revue über die bayerische Räterepublik, frei nach Tankred Dorsts Stück "Toller", die viel Sinn und Sinnlichkeit vermittelte und dem Zuschauer keine Haltung aufzwang.

Die Zunahme der Sendezeiten und damit des Bedarfs an neuen Sendungen erhöhte auch den Bedarf an filmischem Nachwuchs. "Das kleine Fernsehspiel", die Talentschmiede des ZDF, vergab seit Ende der 1960er Jahre Produktionsaufträge an Filmhochschüler und legte so die Grundlage für den Erfolg des Neuen Deutschen Films. Peter Lilienthal, Hark Bohm, Wim Wenders oder Jutta Brückner, sie alle drehten ihre ersten Filme mit ZDF-Budget.