30.8.2012

Gesellschaftskritik und Subjektivität

In den 1970er Jahren wurde das politisch-didaktische Fernsehspiel in der Bundesrepublik entschärft. Dazu trugen sowohl die politischen Rahmenbedingungen bei, die sich angesichts von gesellschaftlichen Krisen (Ölschock und Wirtschaftskrise 1973, der Terrorismus der RAF und die Terroristenbekämpfung durch den Staat) auch auf die Fiktion im Fernsehen auswirkten (Debatte um die Ausgewogenheit im Programm ab 1974), als auch eine Abnahme des Publikumsinteresses an politischer Fiktion. Die publizistische Breitenwirkung des Fernsehfilms nahm insgesamt ab, nicht aber seine thematisch-ästhetische Vielfalt.

Neue Realismuskonzepte

Neue Realismuskonzepte verabschiedeten sich von der Utopie und ihren fiktionalen Darstellungen. Ein den sozialen Phänomenen direkt zugewandter Realismus wie in Uwe Frießners "Das Ende des Regenbogens" (WDR, 1979) wollte die Gesellschaft zeigen, wie sie ist. Die Ideale einer auf soziale Veränderung argumentierenden Fiktion wurden in den Berliner Arbeiterfilmen ("Liebe Mutter, mir geht es gut", WDR, 1972) thematisiert. Explizite Gesellschaftskritik war noch immer en vogue, wurde aber wie bei Wolfgang Menges "Das Millionenspiel" (WDR, 1970) und "Smog" (WDR, 1973) oder in Rainer Erlers Wissenschafts-Thrillern "Das blaue Palais" (ZDF, 1974–1976) und "Fleisch" (ZDF, 1979) in genrespezifische Spannungsdramaturgien verpackt.

Literaturverfilmungen und "neue Helden"

Mehrteilige Literaturverfilmungen wie Lenz' "Deutschstunde" (NDR, 1971) oder Fontanes "Der Stechlin" (NDR, 1975) gehörten zu den fernsehtypischen Hervorbringungen dieses Jahrzehnts, die andere als sozialkritische Sichtweisen etablieren sollten. Der Mensch rückte stärker als bisher in den Fokus der Fernseherzählungen. Die Idee vom kollektiven Sozialen trat zugunsten der individuellen Erfahrung zurück. Eberhard Fechners dokumentarische Methode, mittels Zeitzeugen der deutschen Geschichte ein Gesicht zu geben, die er in Filmen wie "Klassenphoto" (NDR, 1971) und "Comedian Harmonists" (NDR, 1976) perfektionierte, spiegelte ein neues Verständnis von Subjektivität und Erkenntnis. Verlierer, Unangepasste, abseits der Gesellschaft stehende Figuren waren die neuen "Helden". Sie begegnen dem Zuschauer beispielsweise als Transvestit und debile Alte in Peter Beauvais' "Im Reservat" (ZDF, 1973) oder als desillusionierte "Jungs" in dem Obdachlosen-Drama "Die große Flatter" (WDR, 1979).