30.8.2012

Soziale Harmonie und Fortschritt (DDR)

Szene aus dem Fernsehfilm "Rottenknechte"Szene aus dem Fernsehfilm "Rottenknechte" (© Bundesarchiv Bild 183-K0113-0006-001 / Fotograf: o. Ang.)


Das DDR-Fernsehspiel schuf in den 1970er und 1980er Jahren eine politisch-ideologische Landschaft der sozialen Harmonie und des permanenten gesellschaftlichen Fortschritts. Gesellschaftliche Widersprüche wurden weitgehend ausgeräumt. Im Vordergrund stand in beiden Jahrzehnten die Thematisierung von Geschichte. Ähnlich wie im Westen ging man aber auch in der DDR dazu über, historische Zusammenhänge im Fernsehspiel anhand von individuellen Schicksalen zu erzählen.

Durch seine Mischung von Dokumentation und Spielszenen kam Frank Beyers "Rottenknechte" (1971) der innovativen westdeutschen Fernsehspiel-Ästhetik jener Jahre am nächsten. Epische Breite in Mehrteilern wurde in den großen historischen Prestigeprojekten ("Sachsens Glanz und Preußens Gloria", 1985) entfaltet, insbesondere dann, wenn ein "Parteiauftrag der Ersten Ordnung" erteilt wurde, z. B. bei der filmischen Darstellung des Lebens eines prominenten Arbeiterführers ("Ernst Thälmann", 1986) oder wenn das große Thema des sozialistischen Aufbaus unterhaltsam dargeboten werden sollte (Helmut Sakowskis "Daniel Druskat", 1976).

Ruf nach mehr Unterhaltung

Literaturverfilmungen, die in den 1960er Jahren fast ausschließlich elektronisch erstellte Studio-Fernsehspiele waren, wurden ab Mitte der 1970er Jahre häufiger auf Filmmaterial gedreht. Sie stellten oft noch herausragende, künstlerisch ambitionierte Fernsehfilme ("Effi Briest", 1970) dar, wurden jedoch immer seltener, weil das Interesse an Literaturverfilmungen – ähnlich wie in der Bundesrepublik – langsam abnahm. Auch die großen Staatsaktionen wie "Krupp & Krause" (1969) wurden seltener. Der Ruf nach Unterhaltung hingegen wurde deutlich lauter.

Realitätsnahe und ideologiefreie Filme

Sozial differenziert gezeichnete Komödien aus dem Alltag, die auf einen politischen Subtext verzichteten, wie "Rotfuchs" (1976) oder Klaus Poches vermeintlich leichte, doppelbödig-ironische Privatgeschichten "Mein lieber Mann und ich" (1975) und "Camping, Camping" (1977) brachten einen neuen Ton ins DDR-Fernsehspiel. Radikaler Vorläufer solch realitätsnaher und ideologiefreier Filme war der wegweisende Defa-Kinospielfilm "Die Legende von Paul und Paula" (1973). Der Parteiführung, die Heiner Carows Film einer genauen Prüfung auf Linientreue unterzog, missfiel zwar der begrenzte Optimismus von Ulrich Plenzdorfs Geschichte. Millionen Zuschauer aber liebten den Film wegen seiner kritischen Fragen – und sie liebten vor allem Angelica Domröse als leidenschaftlich für ihre Liebe kämpfende Paula.

Sendeverbote durch die Parteiführung

Das nächste Politikum war Frank Beyers "Geschlossene Gesellschaft" (1978) nach dem Buch von Klaus Poche, eine beklemmende "Szenen-einer-Ehe"-Variante aus dem real existierenden Sozialismus. Der Film, der in der Presse nicht erwähnt wurde, landete nach einer einzigen Ausstrahlung im Spätprogramm im 'Giftschrank' und durfte nicht mehr gesendet werden. Poche und die Hauptdarsteller Armin Mueller-Stahl und Jutta Hoffmann verließen daraufhin die DDR. Andere Filme, die auf Kritik des Staates stießen, wurden sofort verboten, so die TV-Oper "Fetzers Flucht" (1962) von Günther Stahnke nach einem Drehbuch von Günter Kunert oder Egon Günthers "Ursula" (1978). Wegen anderer Filme wie Jurij Kramers "Eine Anzeige in der Zeitung" (1979) kam es zu politischen Auseinandersetzungen. Stieß der bei der Berlinale preisgekrönte Kinofilm "Solo Sunny" (1980) von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase, ein mutiges Plädoyer gegen gesellschaftliche Bevormundung und für individuelle Freiheit bei der Suche nach dem richtigen Lebensweg, zunächst nur auf geringe Widerstände bei den Parteifunktionären, so wurden im Fernsehen in den letzten Jahren der DDR immer häufiger Drehbücher nicht zur Produktion zugelassen. Erst 1989/90 wurden noch einige anspruchsvolle Filme gedreht wie "Späte Ankunft" (1989) von Vera Loebner (Drehbuch Helmut Bez) oder Peter Vogels "Selbstversuch" (1989) nach einem Text von Christa Wolf.

Der ambitionierte Film über den Zusammenbruch der DDR, "Hüpf, Häschen, hüpf!" (1991) von Christian Steinke (Drehbuch Ulrich Plenzdorf), erlebte am Vorabend des ersten Jahrestages der deutschdeutschen Vereinigung seine Erstsendung.