30.8.2012

Die 70er Jahre: Schimanski, Derrick und andere Kommissare

In Westdeutschland war die DDR ebenfalls Thema im Kriminalfilm: In "Taxi nach Leipzig" (NDR 1970), dem ersten "Tatort", ermittelte Sturkopf Trimmel (gespielt von Walter Richter) illegal im Osten. Auch in zahlreichen "Tatort"-Folgen des SFB spielte der Ost-West-Gegensatz wiederholt eine Rolle.

Föderalismus im "Tatort" (ARD)

Götz George als "Schimanski"Der Schauspieler Götz George als "Schimanski" (© AP)
Die ARD-Reihe ist ein Kind des deutschen Föderalismus. Ermittelt wird zumeist in den Landes-Metropolen. Ursprünglich gar nicht als Reihe von dieser Dauer geplant, entstand diese nach einer Idee des WDR-Fernsehspielredakteurs Gunther Witte. Er bündelte einige Einzelfilme der ARD-Fernsehspielredaktionen zu einer eigenen Reihe, um der ZDF-Serie "Der Kommissar" mit Erik Ode etwas entgegenzusetzen. Nach dem ersten Erfolg wurde die Reihe systematisiert, so dass in den einzelnen Regionen der Bundesrepublik unterschiedliche Kommissare zum Einsatz kamen. Die ersten Kriminalfilme waren sehr auf die bundesdeutsche Realität bezogen. Sie bildeten durch die föderale Struktur die bundesdeutsche Gesellschaft in einer fast schon repräsentativen Weise ab. Bereits der erste Tatort "Taxi nach Leipzig", Erstausstrahlung in der ARD am 29.11.1970, thematisierte das deutsch-deutsche Verhältnis. Besonders Kommissar Finke ("Reifezeugnis", 1977), der hoch im Norden ermittelte und Kommissar Haferkamp aus Essen kamen in den 1970er Jahren beim Zuschauer gut an. Schwer hatte es der Kölner Zollfahnder und 'Westentaschen-007' Kressin, aber auch Schimanskis Duisburger Rüpelart polarisierte. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) war Schimanski einer der erfolgreichsten Tatort-Kommissare überhaupt.

Wenig Action bei "Derrick" (ZDF) und Co.

Stärker noch als "Der Kommissar" wurde der "Tatort" zum Abbild seiner Zeit, zum Spiegelbild bundesdeutscher Befindlichkeit. Action hatte die ARD-Reihe – wie alle anderen deutschen Krimis – lange Zeit nicht im Repertoire. Erst Schimanski brachte mehr Physis auf den Bildschirm. Bis dahin mussten "Derrick" (ZDF, 1974–1998) und "Der Alte" (ZDF, ab 1977) noch zahllose Male eher taktisch und psychologisch ermitteln. Bis weit in die 1980er Jahre blieben deutsche Krimis auf szenische Gestaltungen in Innenräumen konzentriert, waren szenisch, wortlastig, ohne Tempo. Selbst "Kottan ermittelt" (ZDF, 1982–1985) war trotz Slapstick-Einlagen und einem hohen Grad an Selbstreferentialität weitgehend von der Geschwindigkeit des Wiener Schmäh getragen (der auch durch ORF-Beiträge zur "Tatort"-Reihe im Original vertreten war). Überraschenderweise war es vor allem die ZDF-Serie "Derrick" (ZDF, 1974–1998) mit Horst Tappert als Namen gebender Kommissar, die zu einem großen internationalen Erfolg des ZDF wurde. Die Serie ist immer noch die weltweit erfolgreichste deutsche Serie und lief in über 100 Ländern.
"Polizeiruf 110" war das Tatort-Pendant des DDR-Fernsehens, das aufgrund seiner großen Beliebtheit nach der Wende von den ARD-Anstalten übernommen wurde. Ähnlich wie im Tatort wurden und werden auch im "Polizeiruf 110" sozial relevante Themen wie Alkoholismus, Kindesmissbrauch oder Jugendkriminalität aufgegriffen, wobei die polizeiliche Ermittlungsarbeit in der DDR sich stärker auf Delikte wie Einbruch, Erpressung, Betrug oder Diebstahl konzentrierte. (Ausschnitt aus der ersten Folge "Der Fall Lisa Murnau" vom 27.6.1971) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1971)

Der Zuschauer kennt den Täter: "Polizeiruf 110" im DDR-Fernsehen

Erich Honecker beklagte 1971 die "Langeweile" im Fernsehen und forderte unterhaltsamere und spannendere Programme. Ein Jahr nach dem "Tatort" brachte das Fernsehen der DDR deshalb eine ähnlich konzipierte Reihe ins Programm. Im Gegensatz zu den meisten westdeutschen Krimiformaten, die den Whodunit, das Mörderraten mit den üblichen Verdächtigen, bevorzugten, setzte "Polizeiruf 110" auf die offene Täterführung: Der Täter ist dem Zuschauer früher bekannt als den Ermittlern. Das ermöglichte eine intensive Beschreibung des Täters, seiner Motive und der Umstände, die zur Tat führen. Eine Besonderheit war, dass nicht jeder Drehbuchautor wusste, für welchen der Ermittler er seinen Krimi schreibt. Die Folge: vielschichtige Ermittler-Charaktere waren nicht möglich. Die Kommissare blieben blasse, korrekte Vertreter der Staatsmacht.

Nach der Wende wurde "Polizeiruf 110" parallel zum "Tatort" in der ARD weitergeführt. Während "Tatort"-Ermittler nun auch in den neuen Bundesländern ermittelten, gibt es ebenfalls "Polizeiruf 110"-Teams im Westen.