Scripted Reality

30.3.2013
Entscheidend ist in solchen Reality-TV-Shows das Realitätsverständnis, das eines der so genannten "scripted reality" ist: Die Verhandlungen folgen einem Drehbuch, das sich an fiktionalen Mustern und Handlungskonstruktionen orientiert. Hier wird der Wortlaut nicht genau festgeschrieben, die Darsteller (zumeist Laiendarsteller) sprechen den Text nicht wortwörtlich, sondern geben ihn lediglich sinngemäß wieder. Daraus resultierende Versprecher, Sprechpausen und ein generelles Durcheinanderreden verschiedener Personen lassen die Darsteller authentischer wirken, auch die meist echte Nervosität trägt dazu bei. Oft stellen die Darsteller eine gewisse Begriffsstutzigkeit zur Schau. Es soll also der Schein des Dokumentarischen erzeugt werden, bei einer gleichzeitigen dramaturgischen Gestaltung, die Straffung, Pointierung, Zuspitzung und vor allem einen dramaturgischen Endpunkt enthält und sich an fiktionalen Mustern orientiert, wie sie in der Realität nicht oder nur selten vorkommen (auch "Pseudo-Doku").

Vermeintliche Realitätsnähe



Szene aus "Zwei bei Kallwass"Szene aus "Zwei bei Kallwass". (© SAT.1)


Das aber ist auch das Prinzip des Reality-TV: Dokumentarisches und Fiktionales werden vermischt und zu einer neuen Attraktion für den Zuschauer. Hier knüpfen andere Serien an, die ebenfalls mit der Form der angeblichen Realitätsnähe bei fiktionaler Grundstruktur arbeiten. Sie werden häufig auch als "Pseudo-Doku" bezeichnet: RTL hat eine Reihe dieser Sendungen wie "Familien im Brennpunkt" (seit 2009) und "Mitten im Leben" (2007–2013) über vermeintliche Familienkonflikte und das Alltagsleben oder "Verdachtsfälle" (seit 2009) über einer Straftat verdächtigte Personen und "Betrugsfälle" (seit 2010) über Fremdgehen in der Partnerschaft im Programm. Sat.1 strahlt Ermittler-Serien wie "Niedrig und Kuhnt – Kommissare ermitteln" (seit 2003) und "Lenßen & Partner" (2003–2009) aus, außerdem zeigte Sat.1 die von der Psychologin Angelika Kallwass geleitete Sendung "Zwei bei Kallwass" (später “Kallwass greift ein!“; 2001–2013), in der es meist um familiäre oder partnerschaftliche Konfliktsituationen ging. Bei ProSieben waren die Ärztin "Dr. Verena Breitenbach" (2002–2003) und "Die Jugendberaterin" (2002–2003) mit ähnlichen Konzepten kurzzeitig im Programm.

"Zwei bei Kallwass" (Sat.1)



Gerade „Zwei bei Kallwass“ ist insofern interessant, als hier das Fernsehen versuchte, praktische Lebenshilfe zu bieten. Die Moderatorin Angelika Kallwass, eine Psychologin, stellte für die beiden Gäste, die in der Regel in einem Beziehungskonflikt miteinander lebten, eine Art von Mediatorin dar, versuchte also „auf Augenhöhe“ mit den Beteiligten zu sprechen. Damit wurde hier etwas von dem erreicht, was Clobes/Hagedorn mit „Nachhaltigkeit“ als einer neuen Qualität im Reality-TV benennen und auch Christian Zabel meint, wenn er von einem Potenzial der Reality-TV-Formate für ein ökologisches Fernsehen spricht (vgl. Clobes/Hagedorn 2008; vgl. Zabel 2008).

"Berlin – Tag & Nacht" (RTL II)



Die bei jungen Zuschauern besonders erfolgreiche Reality-Soap hat im Jahr 2012 sogar "Big Brother" verdrängt. In der gescripteten Serie werden recht klischeehaft WG-Konflikte mit Laiendarstellern gezeigt, wobei insbesondere das Party- und Nachtleben und damit die Partnersuche im Mittelpunkt stehen. Besonders gut scheint auch die zielgruppengerechte Ansprache der Fangemeinde auf Facebook zu funktionieren.