30.3.2013

Doku-Soaps als "Coaching TV"

Doku-Soaps als "Coaching TV"

Nimmt man einmal die Formate mit Prominenten (z. B. "Effenbergs Heimspiel") aus, dann ist das Gemeinsame vieler dieser Formen von Realitätsfernsehen "das Versprechen: Wir können Dein Leben ändern" (Bleicher 2008) – und damit ist das Leben der Zuschauer gemeint. Indem gezeigt wird, wie die Probleme von Alltagsmenschen in den einzelnen Folgen dieser Serien durch Experten in die Hand genommen und gelöst werden, soll der Zuschauer den Eindruck gewinnen, auch sein Leben könnte sich ändern (z. B. "Die Super Nanny", "Rach, der Restauranttester" und "Raus aus den Schulden", alle RTL). Stand zu Beginn der 1990er Jahre im Zentrum des Reality-TV, dem Zuschauer einen "hautnahen" Eindruck von den Katastrophen und Schicksalen der Welt zu vermitteln, mit der Botschaft, es gehe ihm ja letztlich noch gut, – so will Reality-TV fast zwanzig Jahre später, dass der Zuschauer sein Leben aktiv angeht, es effektiver gestaltet und sich damit den veränderten Bedingungen der Welt anpasst. Dazu benötigt er Hilfe von Experten und diese geben ihm den Eindruck, es sei alles ganz leicht.

In erster Linie Unterhaltung

"Coaching TV" ist deshalb auch eine häufiger benutzte Bezeichnung, wonach es hier darum geht, dem Zuschauer (oder stellvertretend einem Protagonisten) einen medialen 'Coach' an die Seite zu stellen, der ihn individuell berät und ihm weiterhilft – wobei das Fernsehen gerade die auf den Einzelnen gerichtete Beratung für das Massenpublikum selbst nicht leisten kann. Auch Coaching TV dient deshalb – bei allem Realitätsanspruch, den die Probleme wie die Schuldnerberatung sichtbar machen – immer vor allem der Unterhaltung. Erst in zweiter Linie geht es darum, dass der Zuschauer sein Verhalten wirklich ändert, auch wenn "altbewährte Verhaltensregeln den Anforderungen schneller gesellschaftlicher Veränderung entgegengestellt" werden (Bleicher 2008).

"Die Super Nanny"

Prominentestes Beispiel dieser Kombination von Ratgebersendung und erzählender Darstellung wurde die RTL-Reihe „Die Super Nanny“ (ab Herbst 2004 bis Ende 2011) nach dem britischen Vorbild (auf Channel Four 2004) für Deutschland adaptiert. Es ging darum, gestressten Eltern, die mit ihren Kindern und deren Erziehung Probleme hatten, beizubringen, wie Verhaltensregeln, Sauberkeit und Ordnung durchgesetzt werden, wie „Leistungsbereitschaft, das Einhalten vorgegebener Regeln, Disziplin und Durchhaltevermögen“ (Bleicher ebd.) erzeugt werden.

Auch hier wurden die vorgeführten Ratschläge, wurde die Anwendung der Expertise nach den Regeln des fiktionalen Erzählens organisiert, waren die Aufnahmen, in denen sich etwas ereignete, arrangiert und inszeniert. Gerade weil ‚das Fernsehen’ da war, verhielten sich die ausgesuchten (gecasteten) Familien so, wie es sich im Fernsehen gut präsentieren lässt: „Fernsehen lebt nun einmal von Spannung“, heißt es in einem Artikel, „weshalb auch das Familienleben Dramatik bieten muss. Da befiehlt der Kamera-Mann schon mal, dass der Siebenjährige ein bockiges Gesicht ziehen und beleidigt unter dem Bett verschwinden soll – Tobsucht auf Bestellung, denn auch die Filmcrew will mal Feierabend haben“ (www.bildungsclick.de, 20.4.2005; auch Bleicher 2009). Am Ende gab es bei jeder Folge ein schnelles Glücksversprechen.

Kritik am "Coaching TV"

Die Kritik an diesen und ähnlichen Sendereihen richtete sich auf den angeblichen pädagogischen Erfolg und konstatierte, dass das hier empfohlene Verhalten den Menschen in der gegenwärtigen komplexen Welt wenig helfen werde. Die Medienpädagogin Helga Theunert urteilte z. B. über "Die Super Nanny": "Inhaltlich erinnert es an Kasernenhofdrill und Tierdressur, ist gegenüber Kindern und Eltern respekt-, seelen- und lieblos" (zit. n. Bleicher, ebd.). Dennoch gehörte das Format zu den erfolgreichsten Produktionen dieser Art und erfreute sich großer Beliebtheit bei den Zuschauern.

Eine andere Perspektive: Reality-TV als "Möglichkeitsfernsehen"

Man kann diese neuen Formate und Sendungsarten auch aus einer anderen Perspektive betrachten. Fernsehen kann nämlich nicht nur über etwas informieren oder etwas präsentieren, um einen wichtige Aspekt der Welt darzustellen, sondern als ein System der gesellschaftlichen Kommunikation auch dazu dienen, die Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft zu erhalten und zu verbessern. So kann auch danach gefragt werden, ob nicht einige neue Formate des 'Realitätsfernsehens' einen Beitrag leisten können, Menschen anzuregen und ihnen Beispiele zu liefern, damit sie ihr Leben besser meistern können. In diesem Sinne ziel(t)en Sendereihen wie "Bauer sucht Frau" oder "Super Nanny" darauf, Probleme, die sie darstellen, zu lösen, also aktiv an der Veränderung der Welt mitzuwirken. Das Fernsehen komme hier, so Clobes/Hagedorn, seiner "Kernkompetenz am nächsten": "Einen gesellschaftlichen Diskurs zu initiieren, indem es die persönliche Dimension einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Probleme, Befindlichkeiten bzw. Zustände auslotet und zum öffentlichen Thema macht" (ebd., S.224f.).