30.3.2013

Beispiele für Reality-Soaps

Von den genannten Doku-Soaps unterscheiden sich dann die als Reality-Soaps bezeichneten Serien, die ähnlich dem "Big Brother"-Konzept Menschen des Alltags in eine künstliche oder exotische Welt versetzen und sie dabei durch Kameras beobachten lassen. Auch hier gibt es eine Finalstruktur der Dramaturgie: Das Zusammenleben im Dschungel oder auf einer einsamen Insel dient dazu, dass sich die Beteiligten in ihrem Miteinander näher kommen, gemeinsam etwas unternehmen oder sich befeinden. Durch die Zuschauer oder eine andere Instanz wird in regelmäßigen Abständen einer der Beteiligten herausgewählt, so dass der Letzte schließlich der Sieger ist und den ausgesetzten Gewinn erhält. Diese Form hat ihren Ursprung in der USA ("The Real World", 1992) und wurde nach 2000 – nach dem Erfolg der ersten Staffel von "Big Brother" – auch in Deutschland ein Erfolg.

"Insel-Duell" (Sat.1)

Sat.1 brachte im Jahr 2000 die Reality-Soap "Insel-Duell" heraus, bei der sich 13 Kandidaten auf der malayischen Insel Simbang in der Wildnis behaupten mussten. Die Sendereihe war, anders als "Big Brother", nicht tagesbezogen aktuell: Als die Folgen im Sat.1-Programm gezeigt wurden, lag das Geschehen schon vier Wochen zurück. Auch hier gab es eine Finalstruktur, jede Woche wurde einer der Beteiligten von einem 'Inselrat' von der Insel geschickt.

"Expedition Robinson" (RTL)

Ebenfalls im Jahr 2000 brachte RTL die "Expedition Robinson" ins Programm, auch hier handelte es sich um ein Insel-Abenteuer, bei der sich die Kandidaten in der Wildnis behaupten mussten. Dabei war jedoch klar, dass diese "Abenteuer" nicht wirklich ein Risiko bedeuteten, war doch auf der Insel die Infrastruktur des Fernsehens als Beobachtungsinstrument installiert worden. Damit sollte natürlich auch verhindert werden, dass es wirkliche Unfälle gab und das Leben der Kandidaten in riskanter Weise aufs Spiel gesetzt wurde. 1999 hatte in Schweden nach einer ähnlichen Show ein Kandidat Selbstmord begangen, doch konnte ein Zusammenhang mit der Fernsehsendung nicht nachgewiesen werden (Der Spiegel, 29.06.2000).

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!": 10 "Prominente" verbringen zwei Wochen in einem Dschungelcamp in Australien, und die Bewältigung von Dschungelprüfungen entscheidet über die Menge der zugeteilten Essensrationen. Daniel Küblböck muss sich in dieser Sendung mit tausenden von Kakerlaken in einen "Kakerlaken-Sarg" legen. (Ausschnitt aus der Sendung vom 12.01.2004) (© RTL, 2004)

"Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (RTL)

Spektakulärer war die Sendereihe "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (nach dem britischen Vorbild "I'm a Celebrity, Get Me Out of Here"), die seit 2004 (sieben Staffeln bis 2013) auf RTL läuft. In einem australischen Lager ("Dschungelcamp") müssen sich eine Reihe von Kandidaten, diesmal so genannte "B-Prominente" (wie der Sänger Costa Cordalis oder der ehemalige Kandidat aus "Deutschland sucht den Superstar" Daniel Küblböck), durchschlagen und dabei unterschiedliche Aufgaben erledigen, die vor allem mit Selbstüberwindung und Ekelreizen zu tun haben (die Kandidaten müssen sich Kakerlaken über den Körper schütten lassen, in Schlangenbassins greifen, durch Moraste waten usf.). Darüber kam es zu kritischen Kommentaren, die der Serie eine Verletzung der Menschenwürde vorwarfen. Die Sendung wird auf eine komisch-ironische Weise von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich (anstelle des 2012 verstorbenen Dirk Bach) moderiert.

Die Reality-Soap spielt mit dem körperlichen Ekelgefühl, das sich auch bei den Zuschauern einstellt, wenn sich die Kandidaten Spinnen über die Arme laufen lassen müssen oder Regenwürmer, Känguruhoden und Larven essen sollen. Offensichtlich erzeugen diese Bilder nicht nur ein voyeuristisches Interesse, sondern erregen auch in besondere Weise körperbezogenen Reize. Gleichzeitig können die Zuschauer das soziale Verhalten der Kandidaten in der Gruppe beobachten: Wer nimmt tapfer die "Dschungelprüfung" auf sich, um die Lebensmittel-Versorgung der Gruppe für den Tag zu sichern? Wer schafft es, seine Tiefpunkte aus eigener Kraft zu überwinden, sich seinen Ängsten zu stellen und dabei auch noch für einen hohen Unterhaltungswert zu sorgen? Wer holt Trinkwasser, kümmert sich um das Lagerfeuer, tröstet seine Mitspieler bei kleinen Krisen – und wer verhält sich egoistisch? Die Zuschauer können über das Telefon-Voting entscheiden, wer im Camp bleiben darf und wer nicht, und bewerten bei ihrer Wahl das beschriebene Verhalten der Kandidaten – ebenso wie ihre Unterhaltsamkeit – in erheblichem Maße. Die letzte Folge der 3. Staffel, die parallel zu der zuschauerstarken ZDF-Show "Wetten dass...?" am 25.01.2008 ausgestrahlt wurde, erreichte mit 36 Prozent Marktanteil immerhin 6,44 Mio. Zuschauer. Sie bezog ihre Spannung auch aus dem letztlich erst in dieser Folge entschiedenen Wettbewerb, wer Dschungelkönig werden würde.