1.2.2013 | Von:
Prof. Dr. Henner Fürtig

Was ist der Nahe Osten? – eine Einführung

Im Mittelalter war der Nahe Osten führend in Wissenschaft und Kunst. Später wurde er zum Ziel blutiger Kreuzzüge und schließlich unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Seit dem "Arabischen Frühling" erheben sich die Araber gegen ihre Diktatoren – mit ungewissem Ausgang.

Ölgemälde um 1511 von Giovanni di Nicolo Mansuetti.Seit jeher übt der Orient eine Faszination auf die Menschen in Europa aus. Religion, Kultur und Architektur zogen die Menschen in den Nahen Osten. Empfang eines venezianischen Botschafters in Damaskus. Ölgemälde um 1511 von Giovanni di Nicolo Mansuetti. (© bpk/RMN - Grand Palais / Thierry Le Mage)

Begrifflichkeiten

Der "Arabische Frühling" von 2011 entfachte erneut lebhaftes Interesse an der arabischen Welt und knüpfte damit an eine Faszination an, die Europa seit Jahrhunderten für seine südliche und südöstliche Nachbarregion empfindet. Dieses Interesse steht allerdings in auffälligem Kontrast zu den eher unklaren Vorstellungen über die geografische Eingrenzung dieser Region und zu ihrer stets vagen Benennung: "Orient", "Morgenland", "Arabische Welt", "Naher Osten", "Mittlerer Osten", "Mittelmeerregion" und viele andere Bezeichnungen stehen häufig nebeneinander oder werden synonym verwendet, ohne dass klar wäre, was sie jeweils konkret bedeuten.

Die älteste Namenszuweisung stammt aus der römischen Antike, die den "Orient" als eine von vier definierten Weltgegenden ausmachte und zwar als "Osten", in dem die Sonne aufgeht (lat.: sol oriens). Demgegenüber stand der "Okzident", der Westen, in dem die Sonne untergeht (lat.: sol occidens). Den Römern verhalfen diese Begriffe in erster Linie zu einer besseren Orientierung in der ihnen bekannten Mittelmeerwelt. Mit dem Mittelmeer im Zentrum hat auch die arabische Sprache diese Zuordnung übernommen: Maschreq bezeichnet den Osten des Mittelmeers, Maghreb dessen Westen. Deutsche Quellen übersetzten "Orient" und "Okzident" erstmals im 17. Jahrhundert als "Morgen"- bzw. "Abendland", wobei das antike Griechenland quasi den "Nullmeridian" markierte. Erst im 18. Jahrhundert war mit "Abendland" das gesamte westliche Europa gemeint, während das "Morgenland" eine Ausdehnung bis in die zentralasiatischen Steppen erfuhr.

Im 19. Jahrhundert dehnten die Europäer ihren Einflussbereich weltweit aus. Nun übertrugen sie endgültig die ursprünglich nur auf die Welt des Mittelmeers gemünzten Begriffsbestimmungen auf den gesamten Globus. Der "Nullmeridian" wanderte von Griechenland zu den Zentren der Kolonialmächte in Westeuropa. Von hier aus gesehen war der östliche Mittelmeerraum nun "nah", während Ostasien und namentlich China und Japan in der "Ferne" lagen. Die nun nicht länger ausschließlich geografisch und kulturell, sondern vielmehr politisch verstandenen Begriffe "Naher Osten" und "Ferner Osten" fanden Eingang in die Alltagssprache der Europäer. Die politische "Aufladung" der Begriffe wird nicht zuletzt durch die Tatsache verdeutlicht, dass im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert "Naher Osten" oder "Vorderer Orient" nicht mehr nur den östlichen Mittelmeerraum definierte, sondern das gesamte außereuropäische Einflussgebiet des Osmanischen Reiches. Die so bezeichnete Region begann, im Westen von Nordafrika flankiert, in der Regel in Ägypten und endete – unter Einschluss der Arabischen Halbinsel – entweder an der West- oder der Ostgrenze Persiens (des heutigen Iran).

Im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland, dessen Kolonialreich einen besonderen Schwerpunkt in Indien hatte, wurde dagegen die Verbindung zwischen Mittelmeerregion und den indischen Besitztümern als "Mittlerer Osten" bezeichnet. Die lange koloniale Prägung dieses "Mittleren Ostens" zeigt sich unter anderem auch darin, dass die Bewohner der Region die Übersetzung des Begriffs (asch-scharq al-ausat) in ihre Sprache übernommen haben. In Europa ist allerdings seit dem Ende des Ersten Weltkrieges (1918) und dem Ende des Osmanischen Reiches (1922) ein synonymer Gebrauch von "Naher" und "Mittlerer" Osten zu beobachten.

Außensicht und Selbstverständnis

Alle bisher behandelten Begriffe existieren in der Gegenwart weiterhin nebeneinander. Doch wird inzwischen "Naher", "Mittlerer" und "Ferner Osten" in der Regel verwendet, wenn soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen bzw. Situationen im jeweiligen Raum erklärt werden sollen. Der Begriff "Orient" dominiert dagegen vor allem im religiös-kulturellen Diskurs. Mit ihm verbinden sich Faszination und eine konstruierte Andersartigkeit: Während noch die Eroberung des Balkans und die erste Belagerung Wiens durch die Osmanen (1529) im "Abendland" die "Türkenangst" geschürt hatten, ließ diese nach der 1683 gescheiterten zweiten Belagerung Wiens spürbar nach. Nun vollzog sich in Europa eine Idealisierung des "Orients", die sich insbesondere in Kunst und Architektur verdichtete. Exotik, Genuss und Sinnlichkeit wurden ebenso mit ihm assoziiert wie Weisheit und verfeinerte Kultur. Goethes "Ost-Westlicher Diwan" (1819/27), Voltaires "Zadiq oder das Schicksal" (1747) und Mozarts "Entführung aus dem Serail" (1782) sind nur die bekanntesten Beispiele der künstlerischen Auseinandersetzung Europas mit dem "Orient".

Dieser exotische Raum wurde so auch zum Gegenentwurf für Mechanisierung, Beschleunigung und Prüderie, kurz für alle Defizite und jegliches Unbehagen der westeuropäischen Gesellschaften zur Zeit der industriellen Revolution. Diese Idealisierung ignorierte nicht nur die tatsächlichen Gegebenheiten im "Orient", sondern sie stand auch in krassem Gegensatz zu der fast gleichzeitig einsetzenden kolonialen Durchdringung dieses Raumes im Zeichen eines aggressiven Imperialismus. Er veränderte zudem den europäischen Blick auf die Einheimischen negativ. Vorurteile und Verzerrungen bestimmten nun für viele Jahrzehnte das landläufige europäische Bild vom "Orient" und fanden erst in der sogenannten Orientalismusdebatte seit den 1970er-Jahren – zumindest in der Wissenschaft – eine erste Korrektur. Vor allem der in den USA wirkende palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003) kritisierte die westliche Tradition, Okzident und Orient zu trennen, Letzteren als "das Andere" zu konstruieren und aus eurozentrischer Sicht zu deuten.

Die Bewohner der Region wären dagegen nie auf den Gedanken gekommen, sich selbst als "Orientalen" zu bezeichnen. Sie definierten sich in der Regel vielmehr durch ihre Familien, Clangemeinschaften sowie durch ethnische und konfessionelle Bindungen. Dieser Kern der kollektiven Identität wurde erst seit dem 20. Jahrhundert – im Zuge des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches – ergänzt durch ein mehr oder minder ausgeprägtes Nationalgefühl. Zuvor hatte das Mittelmeer den Menschen des "Nahen Ostens" als fiktiver Mittelpunkt gegolten, als Begegnungsraum verschiedener Völker, Kulturen, Religionen und Staaten, deren Zusammenleben durch unterschiedlich lange friedliche und konfliktreiche Phasen gekennzeichnet war. Aus dieser Sicht gehörten die zivilisatorische Befruchtung des nördlichen Mittelmeerraums durch die arabisch-islamische Wissenschaft, Kunst und Kultur seit der Eroberung der iberischen Halbinsel im Zeichen des Islam ab 711 genauso zu den gemeinsamen Erfahrungen wie die Heimsuchung durch die Kreuzzüge oder die Rückeroberung Spaniens und Portugals (Reconquista) durch christliche Herrscher.

Die Wahrnehmung einer fundamentalen Trennung stellte sich bei den Menschen im "Nahen Osten" erst ein, als die europäischen Nachbarn, darunter besonders Frankreich und Großbritannien, im 19. und 20. Jahrhundert Kolonialherrschaften errichteten. Sie wurden auf Grund der offensichtlichen Unrechtmäßigkeit zäh bekämpft, aber noch viel stärker als grundlegende Anomalie empfunden. Der "Nahe Osten", wie wir ihn heute kennen, existiert in dieser Form erst seit der europäischen Kolonialherrschaft und der in diesem Zuge vorgenommenen, künstlichen geografischen Zuordnung. Trotzdem hält sich der Begriff hartnäckig, vor allem, weil sich bisher keine Alternative durchsetzen konnte.

Bedeutung für Europa

Erdölreserven der WeltErdölreserven der Welt (© BP; Berechnungen von Bergmoser + Höller; © Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 647 310)
Den gegenwärtigen Gepflogenheiten folgend, umfasst die in der vorliegenden Darstellung als "Naher Osten" beschriebene Region jedenfalls einen Raum, der sich von Marokko im Westen über die arabische Halbinsel bis nach Iran im Osten erstreckt und im Norden auch die Türkei einschließt. Unstrittig ist der Nahe Osten damit unmittelbarer Nachbar Europas im Süden und Südosten. Als Schnittstelle der Kontinente Asien, Afrika und Europa, als Geburtsstätte der drei großen monotheistischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam und als eine Wiege der menschlichen Zivilisation in Ägypten und Mesopotamien hat der Nahe Osten globale Bedeutung. In der Antike ein wichtiges Wirtschaftszentrum und seit der Eröffnung des Suezkanals 1869 zunehmend auch für die Weltwirtschaft von Bedeutung, gelangte der Nahe Osten spätestens mit dem Siegeszug des Erdöls, des seit einem Jahrhundert wichtigsten Einzelrohstoffs der globalen Wirtschaft, in eine strategische Schlüsselposition. Hier befinden sich etwa zwei Drittel der weltweiten Erdölreserven und knapp 44 Prozent der Erdgasreserven, von hier kommen mehr als ein Drittel der globalen Erdölförderung und etwa 20 Prozent der Erdgasförderung. Deshalb ist der Nahe Osten für die gegenwärtige und zukünftige Versorgung der Welt mit diesen Rohstoffen von zentraler Bedeutung.

Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens in ZahlenLänder Nordafrikas und des Nahen Ostens in Zahlen (© http://www.laenderdaten.de/laender.aspx, online zugegriffen im Juli 2012)
Neben den natürlichen Ressourcenvorkommen weckten bereits seit dem 19. Jahrhundert auch die strategische Lage und erhoffte Absatzmärkte das europäische Interesse am Nahen Osten. Aus den gleichen Gründen wurde er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum heftig umkämpften Zankapfel des Kalten Krieges zwischen den Weltmächten USA und UdSSR. Der Widerstand gegen die Kolonialherrschaft und die strategische Instrumentalisierung im Kalten Krieg sind die Hauptgründe für die außerordentliche Konflikthäufung in der Region im vergangenen Jahrhundert. Allein seit 1945 fanden hier knapp ein Dutzend zwischenstaatliche Kriege statt. Umstürze und Revolutionen verstärkten die regionale Instabilität. Mit dem Islamismus entstand – insbesondere seit dem Sieg der "islamischen Revolution" in Iran 1979 – zudem eine politische Bewegung und Ideologie, die sich als Kontrastprogramm zu aus dem Westen "importierten" Gesellschaftsmodellen definiert. Insgesamt förderten Instabilität und Fremdbestimmung trotz des Ressourcenreichtums die wirtschaftliche und politische Stagnation und vertieften das Entwicklungsgefälle zu den westlichen Staaten. Während diese ein Kraftfeld der globalisierten Weltwirtschaft und ein Hort stabiler Demokratien wurden, blieb die Wirtschaftskraft der nahöstlichen Staaten hinter der europäischen Entwicklung zurück, und die politische Herrschaft hatte in der Regel autokratischen Charakter.

Durch dieses Entwicklungsgefälle wird Europa für immer mehr Menschen im Nahen Osten ein attraktives Auswanderungsziel. Während das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner im Nahen Osten 2009 per Saldo bei etwa 5000 € lag, beträgt es in Europa durchschnittlich 15 000 € pro Jahr. Doch die Einkommensunterschiede sind nicht allein ausschlaggebend. Auch mangelnde Zukunftsperspektiven durch steigendes Bevölkerungswachstum bei zunehmender Arbeitslosigkeit und die Unfähigkeit der Regierungen, der immer jünger werdenden Einwohnerschaft ein Auskommen zu bieten, verstärken den Drang, im Ausland das Glück zu suchen. Dazu zählen sowohl Ziele in der reicheren Nachbarschaft (Golfregion) als auch in Nordamerika, aber nur Europa verbindet die Hoffnung auf demokratische Freiheit und wirtschaftliches Auskommen mit geografischer Nähe. Die europäischen Regierungen sehen diese Entwicklung mit Sorge, müssen sich aber auch eigene Versäumnisse wie etwa eine anhaltende Marktabschottung und die langjährige Unterstützung autokratischer Regierungen vorhalten lassen. Ob die als "Arabischer Frühling" bezeichneten Entwicklungen seit Anfang 2011 eine Kehrtwende eingeleitet haben, ist noch nicht absehbar.