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Kulturen und Religionen


1.2.2013
Der Nahe Osten ist geprägt von kultureller und religiöser Vielfalt. Der Islam, die Mehrheitsreligion, bestimmt in unterschiedlichen Ausprägungen den Alltag, aber auch gesellschaftliche und politische Verhältnisse. Besondere Aufmerksamkeit erwecken heute Islamisten als politische Akteure.

In Jerusalem stehen Heiligtümer dreier monotheistischer Religionen, im Bild die jüdische Klagemauer und der muslimische Felsendom.In Jerusalem stehen Heiligtümer dreier monotheistischer Religionen, im Bild die jüdische Klagemauer und der muslimische Felsendom. (© Alimdi.net / xyz Pictures)

Einleitung



Wenn vom "Nahen Osten" oder kulturgeografisch vom "Vorderen Orient" die Rede ist, denkt man hierzulande meist an Länder, in denen Arabisch gesprochen wird und der Islam die kulturprägende Mehrheitsreligion ist. Doch gehören zum Nahen Osten im weiteren Sinne auch die nichtarabischen Staaten Iran, Israel und die Türkei sowie viele andere Ethnien wie etwa Kurden, Berber und Tscherkessen. Neben den Muslimen gibt es größere christliche und jüdische Gemeinden sowie Anhänger kleinerer Religionsgemeinschaften wie Zoroastrier und Bahai. Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam entstanden im Gebiet des heutigen Nahen Ostens und beziehen sich auf Abraham als ihren gemeinsamen Stammvater. Sie sind bis in die Gegenwart mit zahlreichen Konfessionen, Rechtsschulen, Kirchengemeinschaften und Sekten anzutreffen. Diese Ethnien, Kulturen und Religionen weisen weiterhin regionale und lokale Besonderheiten auf. Bewohner von Städten und Dörfern, sesshafte Bauern oder nomadische Beduinen haben ihre besonderen, an ihre Umwelt angepassten Lebensweisen entwickelt und teils seit Jahrhunderten bewahrt. All dies macht den Nahen Osten zu einem bunten Mosaik unterschiedlicher religiöser und kultureller Lebensformen. Eine Kenntnis seiner Geschichte ist unerlässlich, um die heutigen Kulturen und Religionen, aber auch die Politik der Region zu verstehen.

Kulturgeschichte des Vorderen Orients



Der Vordere Orient gehört mit China, Indien und Mittelamerika (Azteken, Maya) zu den Wiegen der menschlichen Zivilisation. In der heutigen Südtürkei und in Mesopotamien reichen ihre Spuren bis ins neolithische Altertum vor 12 000 Jahren zurück. Die altorientalischen Reiche der Sumerer, Ägypter, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser formten die Region zu einem Kulturraum, der durch Handelsverbindungen wie die Seidenstraße oder das Mittelmeer, durch Wissens- und Technikaustausch und nicht zuletzt durch wechselseitige Beeinflussungen in Religion, Philosophie, Architektur und Kunst geprägt ist. Einige der frühen Kulturen sind bis in die Gegenwart im kollektiven Gedächtnis der Völker lebendig und ein Bestandteil der modernen nationalen Geschichtsschreibungen. Manche zeitgenössischen Diktatoren versuchen dieses Erbe für die Legitimierung ihrer Herrschaft zu nutzen und inszenieren sich als Erben antiker Herrscher.

Der Irak führt sich auf die Zivilisationen Mesopotamiens, des um die Flüsse Euphrat und Tigris gelegenen Zweistromlands, zurück. Hier entstanden im siebten vorchristlichen Jahrtausend die ersten Siedlungen und städtischen Kulturen der Menschheit, die bedeutende Erfindungen wie Keramik, Werkzeuge und Waffen sowie gesellschaftspolitische Neuerungen der staatlichen Verwaltung hervorbrachten. Beispielsweise schuf der babylonische König Hammurabi (1792-1750 v. Chr.) eines der ersten Gesetzbücher. In ihm schrieb er das Strafprinzip der gleichmäßigen Vergeltung (Talio) fest, das an die Stelle ungezügelter Rache trat.

Die syrische Geschichtsschreibung bezieht sich auf die namensgebenden Assyrer (1500-626 v. Chr.), die im heutigen Nordirak und Nordsyrien herrschten. In Ägypten sind die pharaonischen Reiche nicht nur architektonisch mit den Pyramiden und anderen Monumentalbauten gegenwärtig. Ihre Spuren finden sich in bestimmten Bräuchen wie etwa dem volkstümlichen Zar-Kult, einem Ritual der Geisteraustreibung, und auch in der Liturgie des koptischen Christentums. Diese altorientalische Kirche führt sich auf den Evangelisten Markus zurück, in dessen Nachfolge ihr eigener Papst steht. Schließlich leiten Ägypter – wie auch Iraker – ihren Anspruch auf eine arabische Führungsrolle unter anderem aus dem Glanz ihrer antiken Kulturen ab.

Nicht minder stolz auf ihre Frühgeschichte sind die Libanesen, von deren Küstenstädten Tyros, Sidon und Byblos einst die Phönizier (~1200-146 v. Chr.), ein Seefahrervolk, als Erste Afrika umsegelten, das Mittelmeer weiträumig als Handelsraum nutzten und dort Kolonien wie die Stadt Karthago nahe dem heutigen Tunis gründeten. Sie dehnten ihren Einflussbereich – anders als für Großreiche sonst üblich – vorwiegend als Handelsmacht und über Verträge und nur zweitrangig durch kriegerische Eroberung und Besatzung aus. Die Phönizier erfanden eine aus 22 Konsonanten bestehende Buchstabenschrift, die zur Grundlage für das hebräische, das griechische, das lateinische und das arabische Alphabet wurde. Später eroberten das Griechische (~750-146 v. Chr.) und das Römische Reich (509 v. Chr.-395 n. Chr.) große Teile des Nahen Ostens und nutzten ebenfalls das Mittelmeer als Handels- und Kulturraum.

Iran sieht sich in Kontinuität zum Reich der Perser (550 v. Chr.-651 n. Chr.), dessen straff organisierte Bürokratie von den islamischen Kalifaten übernommen wurde. Viele kulturelle Besonderheiten sind trotz der arabischen Eroberung und Islamisierung des Landes erhalten geblieben. So gilt hier etwa eine Mischung aus vorislamischem Sonnenkalender – mit dem Neujahr (Nouruz) zur Sonnenwende am 20. oder 21. März – und dem islamischen Hidschri-Kalender. Letzterer beginnt mit der Auswanderung des Propheten Mohammed und seiner muslimischen Gemeinde von Mekka nach Medina im Jahre 622 n. Chr. Er orientiert sich am Mondverlauf, weshalb seine zwölf Monate und somit auch das Jahr kürzer sind als das dem Sonnenlauf folgende Jahr unserer Zeitrechnung.

Nach der Teilung des Römischen Reichs 395 n. Chr. kontrollierte das oströmische Byzantinische Reich (395-453) den östlichen Bereich des Mittelmeers. In ihm war das Orthodoxe Christentum Staatsreligion, aus dem verschiedene, im Nahen Osten bestehende Kirchen wie die Griechisch-, die Syrisch- und die Armenisch-Orthodoxe Kirche hervorgingen. Byzanz grenzte an das arabisch-islamische Reich, das seit der Religionsstiftung durch Mohammed (570-632) stetig expandierte und schließlich 1453 das gesamte Territorium des Byzantinischen Reichs eroberte. Die Islamisierung und Arabisierung des Nahen Ostens wurde auch von den christlichen Kreuzrittern nicht aufgehalten, die zwischen 1095 und 1270 zeitweise die den drei abrahamitischen Religionen heilige Stadt Jerusalem und angrenzende Territorien kontrollierten.

Nach der türkisch-islamischen Eroberung benannten die muslimischen Sieger 1453 die Stadt Konstantinopel in Istanbul um und machten sie zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches (~1300-1922/3). Der osmanische Sultan (arabisch, "Herrscher") übernahm 1517 zusätzlich den islamischen Herrschertitel des Kalifen und brachte damit seinen Anspruch als Oberhaupt aller Muslime zum Ausdruck. Sein Herrschaftsbereich verkleinerte sich besonders im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge des Ersten Weltkrieges, als europäische Kolonialmächte fast alle arabischen Staaten als Kolonien oder Mandatsgebiete unter ihre Kontrolle brachten. Aus dem verbliebenen Rumpfstaat ging 1923 die Türkei hervor. Frankreich und Großbritannien, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusätzlich die USA und die Sowjetunion bzw. Russland, üben seitdem bedeutenden Einfluss auf die Region aus.

Im Mittelalter übernahm Europa kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften des Vorderen Orients, beispielsweise medizinische Erkenntnisse, wie die Entdeckung des Blutkreislaufs, oder Navigationsinstrumente der Seefahrt. In dieser Epoche gelangten auch viele arabische Lehnwörter, wie Algebra, Alkohol, Matratze, Ziffer und Zucker, nach Europa. Der Islam war in dieser Zeit in vielem fortschrittlicher und offener als das Christentum, etwa im Bereich medizinischer Forschung oder in der Verrechtlichung diplomatischer Beziehungen zu Andersgläubigen. Arabische Philosophen wie Avicenna (980-1037) und Averroes (1126-1198) beeinflussten mit ihren Kommentaren des Aristoteles nachhaltig die Philosophiegeschichte Europas, die christliche Scholastik, den Humanismus und die Aufklärung.

Doch kehrte sich dieses Verhältnis zunehmend um. Schon im 15. Jahrhundert wechselte Europa vom Importeur zum Exporteur von Fertigprodukten, wie Papier, Nägeln, Textilien und Glas. Mit dem europäischen Kolonialismus und der zunehmenden Vernetzung der Welt durch Handel und Kommunikation, Wirtschaft und Kultur unterlagen lokale, traditionelle Gemeinschaften im Nahen Osten immer mehr vom Weltmarkt bestimmten und von westlichen kulturellen und ideologischen Mustern dominierten Einflüssen. Dies schlägt sich in der Stadtplanung und Architektur, in der Infrastruktur und in Medien, im Bildungswesen, der Gesundheitsversorgung und der Staatsverwaltung, in Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt in politischen Ideologien, wie dem Nationalismus, Sozialismus, Liberalismus und Kommunismus, nieder. Arbeitsmigranten, Studierende, politische oder Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten wohnen weltweit verstreut, auch im Westen. Sie übernehmen hier Verhaltensweisen und Werte und spiegeln sie über Familienbesuche oder als Rückkehrende in ihre Herkunftsländer zurück.

Im Prozess der Globalisierung sind Kulturen und Religionen zu weltweiten Austauschgemeinschaften verschmolzen: Der "Orient" ist in Europa unter anderem in Migrantengemeinden und Spezialitätenrestaurants präsent. New Yorks Skyline erhält Konkurrenz in den Hochhäusern von Dubai, der saudischen Hauptstadt Riad oder von Doha, der Hauptstadt Katars. Nur im Bereich der Säkularisierung scheint der Nahe Osten einer westlich dominierten Modernisierung zu widerstehen: Religion prägt hier nach wie vor den Alltag, die Gesellschaften und teilweise auch die Politik der Region. Das gilt insbesondere für den Islam als die Mehrheitsreligion, die in jüngerer Zeit von vielen Gläubigen in die politisierte Form des Islamismus umgedeutet wird.

Quellentext

Christen in Nahost

Die häufig verwirrende Vielfalt der orientalischen Kirchen geht auf theologische, aber auch politische Auseinandersetzungen zurück, die schon in früher Zeit begannen. Als "altorientalische" (AO) oder orientalisch-orthodoxe Kirchen bezeichnet man diejenigen Gemeinschaften, die sich nach dem Konzil von Ephesos (431) und dem Konzil von Chalcedon (451, heute ein Stadtteil Istanbuls) von der byzantinisch-römischen Reichskirche trennten. Während Orthodoxe und Katholiken in Jesus zwei Naturen "unvermischt und ungetrennt" wirken sehen, betonen die meisten Gemeinschaften – mit Ausnahme etwa der Assyrischen Kirche des Ostens – die Einheit göttlicher und menschlicher Natur in ihm ("Monophysiten" oder "Miaphysiten"). Die Liturgie findet meist in alten Nationalsprachen statt, etwa Aramäisch oder Syrisch.

Weitere Spaltungen entstanden, seit sich ab der Frühen Neuzeit immer wieder einzelne Gruppierungen der Autorität des römischen Papstes unterwarfen; sie heißen "unierte Kirchen" oder katholische Ostkirchen. Während sie bis ins Mittelalter vielerorts Bevölkerungsmehrheiten stellten, sind Christen heute in fast allen Ländern des Nahen Ostens Minderheiten.
Viele kleinere, oft protestantische Gemeinschaften sind seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Aktivitäten westlicher Missionare entstanden. [...]

Die [folgenden] Angaben zur Anzahl der Mitglieder sind mit Vorsicht zu genießen: Solche demografischen Daten sind in vielen Ländern ein Politikum. Sicher ist, dass aufgrund von Auswanderung und Unterdrückung die Zahl der Christen in vielen Ländern seit Jahren sinkt.

Kopten, Armenier [...]
Armenische Apostolische Kirche (AO) |
entstanden im 1. Jh. | Sitz*: Antelias bei Beirut sowie Entschmiadsin (Armenien) | Hauptverbreitungsgebiete: Armenien, Iran, Türkei | Gläubige**: ca. 9 Millionen
Armenisch-Katholische Kirche | uniert seit 1742 | Bz-ommar bei Beirut | Naher Osten | ca. 540 000
Koptisch-Orthodoxe Kirche (AO) | 1. Jh. | Kairo | Ägypten, Libyen, Sudan | ca. 10 Millionen
Koptisch-Katholische Kirche | uniert seit 1895 | Kairo | Ägypten | ca. 200 000
Evangelische Kirche von Ägypten | (Synode vom Nil) 1958 | Kairo | Ägypten | ca. 300 000 [...]

Die Byzantinische Staatskirche und ihre Nachfolger Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel | 1. Jh. | Istanbul | Türkei, Griechenland | ca. 4 Millionen Rum-Orthodoxes Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Orient | 1. Jh. | Damaskus | Syrien, Libanon | ca. 2 Millionen

Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika | 1. Jh. / 451 | Alexandria | Ägypten, Afrika | ca. 350 000 Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem | 451 | Jerusalem | Israel, Palästina, Jordanien, Ägypten | ca. 120 000 Melkitische Griechisch-Katholische Kirche | uniert seit 1729 | Damaskus | Israel/ Palästina, Syrien, Jordanien | ca. 1,6 Millionen

Syrische Kirchen
Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien
(AO) (oft Jakobiten genannt) | 1./6. Jh. | Damaskus | Türkei, Syrien, Irak, Libanon, Indien | ca. 1,5 Millionen
Syrisch-Katholische Kirche | uniert seit 1677/1783 | Beirut | Libanon, Syrien, Irak | ca. 170 000

Syrisch-Maronitische Kirche von Antiochien | 7. Jh. (uniert seit 1182) | Jounieh bei Beirut | ca. 3 Millionen

Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens (AO) (oft Nestorianer genannt) | 1. Jh. / 334 | Chicago sowie Bagdad (Alte Heilige Apostolische und Katholische Kirche des Ostens, seit 1964) | Irak, Iran, Syrien, Türkei | ca. 400 000
Chaldäisch-Katholische Kirche | uniert seit dem 19. Jh. | Bagdad | Irak, Syrien | ca. 460 000

* Sitz des Kirchenoberhaupts
** Gläubige weltweit (ungefähre Angaben)
Martin Tamcke, "An den Christen offenbart sich die Vielfalt", in: zenith 4/2011, S. 42 f.



Quellentext

Das libanesische Mosaik

Mit seinen knapp über 10 000 qkm und rund vier Millionen Einwohnern gehört der Libanon zu den kleineren arabischen Ländern. Achtzehn Religionsgemeinschaften sind offiziell anerkannt: zwölf christliche und fünf muslimische Konfessionen sowie eine kleine jüdische Gemeinde. Ferner leben im Libanon zahlreiche Flüchtlinge wie Armenier, Kurden, Palästinenser, Iraker und Syrer.

Im 19. Jahrhundert hatten sich europäische Mächte als Schirmherren einzelner Religionsgemeinschaften im Osmanischen Reich etabliert, um über Stellvertreter in dem zerfallenden Großreich Fuß zu fassen. So hatte etwa Frankreich schon früh begonnen, die maronitischen Christen des Libanon zu unterstützen. Dadurch wuchs den Religionsgemeinschaften eine politische Bedeutung zu, soziale Revolten schlugen hier immer wieder in konfessionelle Bürgerkriege um. Zu deren Entschärfung wurde auf europäischen Druck hin bereits im 19. Jahrhundert ein Proporzsystem eingeführt, in dem die Religionsgemeinschaften proportional zu ihrer jeweiligen Stärke führende Staatsämter beanspruchen dürfen.

1920 übernahm Frankreich das Völkerbund-Mandat über das Territorium der Staaten Syrien und Libanon. Es schuf den heutigen Großlibanon, indem es dem vorwiegend von Christen bewohnten Libanongebirge den mehrheitlich muslimisch bewohnten Küstenstreifen mit den Städten Beirut, Saida und Tripoli sowie Territorien im Norden, Osten und Süden zuschlug. Christen behielten eine knappe Bevölkerungsmehrheit von 52 Prozent und dank französischer Protektion einige sicherheitsrelevante Posten wie beispielsweise das Oberkommando der Armee und des Geheimdienstes.

Im 1943 unabhängig gewordenen Libanon übernahm man dieses Prinzip der Machtteilung im Parlament, in der Regierung sowie in gehobenen Verwaltungsposten. Der Verteilungsschlüssel dieses "politischen Konfessionalismus" orientiert sich dabei mit geringfügigen Änderungen bis heute an der letzten offiziellen Volkszählung von 1932. Ein komplexes Wahlrecht mit gemischtkonfessionellen Wahlbezirken und verschiedene Mechanismen der wechselseitigen Kontrolle von Verfassungsorganen sollen die Vertreter der Konfessionen zu Zusammenarbeit statt zu Konkurrenz bewegen. Dies verhinderte eine Machtkonzentration in den Händen Weniger oder einer einzelnen ethnisch-konfessionellen Gemeinschaft, wie sie in den übrigen arabischen Ländern ansonsten üblich war. Im Nationalpakt von 1943 wurde die politische Rollenzuschreibung der Konfessionen weiterhin gefestigt: Maroniten dürfen seither den Staatspräsidenten, Sunniten den Ministerpräsidenten und Schiiten den seinerzeit eher protokollarischen Parlamentspräsidenten stellen.

Darüber hinaus genießen die Religionsgemeinschaften weitreichende Autonomie im Familienrecht, im Bildungssystem und in der Organisation sozialer Dienste. Die Eliten der jeweiligen Gemeinschaften üben weitreichende Kontrolle über das Leben ihrer Glaubensmitglieder aus. Diese wenden sich für Dienstleistungen nicht als gleichberechtigte Bürger an den Staat, sondern erhalten sie meist nur vermittelt über die Vertreter ihrer Gemeinschaften. Es gibt im Libanon beispielsweise keine zivile Eheschließung, was Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen erschwert und die Grenzen zwischen den Konfessionen zementiert. Auch Parteien, Medien, Schulen, ja selbst staatliche Sicherheitsdienste sind meistens einer Konfessionsgemeinschaft zuzuordnen.

Die Verteilung politischer Ämter nach Religionszugehörigkeit und die "Mentalität des Konfessionalismus" sind maßgeblich verantwortlich für die Zersplitterung der Gesellschaft, für einen hohen Grad an Klientelismus und Korruption sowie für die Schwäche des libanesischen Staats.

Unterschiedliche Geburten- und Abwanderungsraten der Gemeinschaften führten zu einer Verzerrung der Machtverhältnisse. Christen bilden heute nur noch eine Bevölkerungsminderheit, sie hielten aber bis zum Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 die Mehrheit der Parlaments- und Kabinettssitze sowie viele Führungsämter. Der Bürgerkrieg war kein eigentlicher Religionskrieg, aber dennoch spielte die ethnisch-konfessionelle Zugehörigkeit häufig eine größere Rolle als politische Überzeugungen. Milizen verübten immer wieder Massaker an Angehörigen anderer Gemeinschaften. Der Krieg führte in einigen Regionen zur Flucht und Vertreibung einzelner Gemeinschaften, sodass relativ homogene christliche und muslimische Siedlungsgebiete entstanden.

Auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, geraten fast alle politischen Kontroversen ins Fahrwasser konfessioneller Konkurrenz, selbst wenn sie fern jeder religiösen Bedeutung sind wie etwa die Versorgung mit Elektrizität, die rechtliche Stellung der Palästinaflüchtlinge oder die Landesverteidigung. Externe Mächte nutzten diese Uneinigkeit wiederholt aus und nahmen über lokale Stellvertreter Einfluss. So mischen Iran und Saudi-Arabien, Israel und Syrien, die USA, Frankreich und viele weitere Länder im Kräftespiel des Landes mit. Syrien hatte von 1976 bis 2005 Truppen im Land stationiert und massiv die libanesische Innenpolitik beeinflusst. Israel besetzte 1978 mit Hilfe christlicher Milizen Teile des Südlibanon als "Sicherheitszone", nach libanesischer Lesart hat es sich bis heute nicht vom gesamten libanesischen Territorium zurückgezogen. Gegen diese Besatzung kämpften zunächst linke und nationalistische, palästinensische und libanesische Milizen. Seit 1982 engagiert sich in diesem Konflikt in zunehmendem Maße die schiitische Hisbollah, die von den USA und Israel als "Terrororganisation" klassifiziert wird. Im Libanon erwarb sie sich hingegen das Image einer "Befreiungsbewegung", da sie die israelischen Truppen im Jahr 2000 zum Rückzug und zur Aufgabe des "Sicherheitszone" zwang. Neben ihrem "Islamischen Widerstand" baute sie soziale Dienste auf, ist seit 1992 im Parlament vertreten und beteiligte sich seit 2005 an verschiedenen Koalitionsregierungen mit christlichen und anderen muslimischen Parteien. Von ihren innerlibanesischen Gegnern wird sie wegen ihrer Waffenpräsenz kritisiert, wobei allerdings auch andere Parteien bis heute bewaffnete Verbände unterhalten. Zahlreiche politische Morde und bewaffnete Auseinandersetzungen halten das Land seit 2005 in Atem. Der im März 2011 ausgebrochene Aufstand in Syrien, der dort zum Bürgerkrieg eskalierte, führte auch im Libanon zu Kämpfen zwischen Verbündeten und Gegnern des syrischen Regimes.

Trotz all dieser Schwierigkeiten hat sich der Libanon eine erstaunliche politische und kulturelle Offenheit, Freiheit und Vielfalt bewahrt. Bis zum "Arabischen Frühling" war er die einzige Demokratie im arabischen Raum, in der bei regelmäßig stattfindenden, vergleichsweise freien Wahlen zahlreiche Kandidaten und Parteien gegeneinander antreten können, in der sich Regierungen, Staats- und Ministerpräsidenten abwechseln und in dessen Parlament meist sehr kontrovers diskutiert wird. Die meisten Libanesen haben es gelernt, wie in einem Mosaik mit den vielen verschiedenen Formen von Religion(en) und Kultur(en) auf engem Raum zusammenzuleben.

Stephan Rosiny