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Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung


1.2.2013
Nach dem ersten Weltkrieg teilen die Siegermächte den Nahen Osten unter sich auf. Nur nach und nach erlangen die arabischen Staaten ihre Unabhängigkeit, ein gemeinsames arabisches Nationalgefühl entsteht und verschwindet wieder. Erst der gemeinsame Feind, der neue Staat Israel, schweißt die arabischen Staaten zusammen.

Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen.Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen. (© picture-alliance/dpa-UPI)

Einleitung



Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Einwohner des Nahen Ostens und Nordafrikas Untertanen des Osmanischen Sultans, der als Kalif für viele auch gleichzeitig das religiöse Oberhaupt darstellte. Zwar entstanden in dieser Zeit erste Ansätze einer arabischen Nationalbewegung, aber vornehmlich als Reaktion auf den erstarkenden türkischen Nationalismus und ohne zentrale Führung. "Nahda" (Erwachen) war das Schlüsselwort für die frühen arabischen Nationalisten. In ihren Klubs diskutierten sie ein breites Spektrum philosophischer, naturwissenschaftlicher und literarischer Fragen; bis zum Ersten Weltkrieg forderten sie eher eine Gleichberechtigung bzw. Anerkennung ihrer Kultur – etwa durch die Zulassung des Arabischen als Amtssprache – als staatliche Souveränität für arabischsprachige Regionen.

Erst die Gegnerschaft zwischen der Entente (Großbritannien, Frankreich, Russland) und den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 politisierte die Bewegung, weil sich ihren Emanzipationsbestrebungen jetzt die Unterstützung durch Großbritannien und Frankreich bot. Als der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif im November 1914 zum "Heiligen Krieg" gegen die ungläubigen Feinde, also die Entente, aufrief, suchte London eine arabische muslimische Persönlichkeit, die hinreichend renommiert war, um dem osmanischen Aufruf zum Dschihad die Gefolgschaft zu entziehen. Der britische Vorschlag, das Kalifat wieder "in arabische Hände" zu legen, wurde vom Scherifen Hussein von Mekka, aus der Prophetenfamilie der Bani Haschim (Haschimiten), bereitwillig aufgenommen. Er wollte nicht nur arabischer Kalif, sondern auch Führer eines zukünftigen arabischen Einheitsstaates werden. Deshalb nahm er 1915 einen lebhaften Briefwechsel mit dem Hochkommissar des britischen Protektorats Ägypten, Henry McMahon, auf. Dieser schickte seinerseits Abgesandte, allen voran Thomas Edward Lawrence ("Lawrence von Arabien"), um die Araber unter Führung des Scherifen zum offenen Aufstand gegen die Osmanen zu bewegen. Der "Aufstand in der Wüste" brach im Juni 1916 tatsächlich aus und störte empfindlich die Nachschub- und Verbindungslinien der Osmanen auf der arabischen Halbinsel.
Als Gegenleistung für die militärische Unterstützung versprach die britische Regierung, nach dem Sieg über das Osmanische Reich einen unabhängigen arabischen Staat zu gewähren. Nach der Kapitulation der Osmanen am 30. Oktober 1918 hatten die aufständischen Araber also allen Grund, von der Einlösung der britischen Zusicherungen auszugehen. Sie konnten nicht wissen, dass sich London schon längst mit Paris anderweitig geeinigt hatte. Am 16. Mai 1916 waren die britischen und französischen Diplomaten Mark Sykes und Georges Picot übereingekommen, die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in Form von "Einflusszonen" untereinander aufzuteilen (Sykes-Picot-Abkommen). Ein gutes Jahr später, am 2. November 1917, hatte der britische Außenminister Arthur James Balfour zudem im Namen seiner Regierung erklärt, die Errichtung einer "jüdischen Heimstatt" in Palästina zu unterstützen (Balfour-Deklaration). Damit waren schon vor der osmanischen Niederlage weitreichende Entscheidungen gefallen.

Aus gutem Grund hielten Frankreich und insbesondere Großbritannien die Abkommen geheim, denn sie bedeuteten nichts weniger als den Bruch aller Zusagen gegenüber den Arabern, allen voran Hussein von Mekka. Bis zum Kriegsende war London natürlich an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert. Noch im Januar 1918 hatte die britische Regierung, gemeinsam mit der französischen, eine Deklaration über die "Befreiungsmission" verfasst, die den "von den Türken unterdrückten Völkern" die Souveränität nach dem "Sieg über den gemeinsamen Feind" verhieß. Letzteres erfolgte wohl notgedrungen: Im gleichen Monat hatte US-Präsident Woodrow Wilson seinen 14-Punkte-Plan verkündet, der allen Völkern der Erde das Recht auf Selbstbestimmung zusprach, von London und Paris aber als Fehdehandschuh eines weiteren Mitbewerbers um die Neuordnung der Region mit ihren vermuteten reichen Erdölschätzen interpretiert wurde.

Letztlich sorgte die Oktoberrevolution in Russland 1917 für die Aufdeckung der britisch-französischen Geheimpläne. In ihrem Bestreben, die "verbrecherischen" Pläne des gestürzten Zaren und seiner "imperialistischen Helfershelfer" zu enthüllen, öffneten die Bolschewiken die geheimen Staatsarchive. Im Januar 1918 kam so auch eine Kopie des Sykes-Picot-Abkommens ans Tageslicht; die Fiktion der "Befreiungsmission" war nicht länger aufrechtzuerhalten.

Staatsbildung im Schatten des Verrats



Nachrichten verbreiteten sich bekanntlich vor einem Jahrhundert ungleich langsamer als in der Gegenwart. Als Faisal, der Sohn des Scherifen Hussein, Anfang Oktober 1918 an der Spitze der mit der britischen Orientarmee unter General Allenby verbündeten arabischen Truppen in Damaskus einmarschierte, waren ihm über das Sykes-Picot-Abkommen allenfalls Gerüchte zu Ohren gekommen. Deshalb schickte er sich umgehend an, die syrische Metropole zur Hauptstadt des nun zu errichtenden arabischen Reiches zu machen. Am 5. Oktober 1918 ernannte er einen "Direktorenrat", quasi eine provisorische Regierung. Gemäß der Bestimmungen des Sykes-Picot-Abkommens, die Syrien Frankreich zugesprochen hatten, begann am 22. Oktober 1918 der britische Rückzug aus Syrien und der Ersatz durch französische Truppen, der am 1. November 1919 abgeschlossen war. Jetzt konnten Faisal und die arabische Nationalbewegung nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die britischen Verbündeten offensichtlich nicht gedachten, den während des Krieges eingegangenen Vertrag einzuhalten. Vielmehr deutete sich die Ablösung der osmanischen Herrschaft durch eine neue, europäisch-westliche an. Nicht nur in Syrien, sondern auch in anderen arabischen Regionen von Irak im Osten über Ägypten im Zentrum bis Marokko im Westen erhoben sich daraufhin die Bewohner gegen die Ausweitung und Vertiefung der kolonialen Unterdrückung. Britische und französische Truppen konnten die heftigen Aufstände in ihren jeweiligen Einflussgebieten zwar blutig niederschlagen, aber der Westen hatte das in ihn gesetzte Vertrauen endgültig verspielt.

Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916 (© www.passia.org – Mahmoud Abu Rumieleh)
Unter dem Eindruck der revolutionären Nachkriegsunruhen in Europa und im Nahen Osten, Lenins Machtübernahme in Russland sowie der Offerten von US-Präsident Wilson an antikoloniale Bewegungen veränderten London und Paris die Form ihrer Kolonialherrschaft. Am 20. April 1920 ließen sie sich in San Remo seitens des von ihnen dominierten Völkerbunds "Mandate" über die begehrten Gebiete erteilen, um sie auf die Unabhängigkeit "vorzubereiten". In leichter Abänderung des Sykes-Picot-Abkommens erfolgte nun eine Aufteilung Syriens in Palästina, Libanon und "Rest-Syrien", wobei die beiden letztgenannten Regionen unter französisches, Palästina – ebenso wie der östliche Nachbar Irak – unter britisches Mandat fielen. In diesem Gefüge war für Faisal zunächst kein Platz mehr. Am 28. Juli 1920 unterlag er südlich von Damaskus französischen Truppen und floh ins italienische Exil. Doch am 21. August 1921 ernannten ihn seine ehemaligen britischen Verbündeten zum König des Irak. Fast gleichzeitig bestätigten sie auch die Herrschaft seines Bruders Abdullah über Transjordanien. Ihr Vater, Scherif Hussein, musste hingegen 1924 vor Ibn Sa‘ud, dem Begründer des modernen Saudi-Arabien, kapitulieren. Letztlich war die Inthronisierung Faisals symptomatisch für die europäische Kolonialstrategie. In der Regel sicherte das Mandatssystem das nahezu uneingeschränkte Wirken eines Hochkommissars im jeweiligen Mandatsgebiet. Wurde der Widerstand der Einheimischen aber zu groß und standen hinreichend verlässliche Bündnispartner im Mandat zur Verfügung, wählten Großbritannien und Frankreich in der Folgezeit einen indirekteren Weg der Herrschaftssicherung durch die Einrichtung von Marionettenregimen. So erreichten Staaten wie etwa Ägypten oder Irak die formale Unabhängigkeit schon vor dem Zweiten Weltkrieg, die faktische aber – wie die meisten anderen Staaten des Nahen Ostens auch – erst weit danach.

Islamismus oder Nationalismus



Die Einbrüche westlicher Mächte in den Nahen Osten riefen bei zeitgenössischen islamischen Denkern heftige Reaktionen hervor. Das Osmanische Reich hatte ihnen viele Jahrhunderte lang auch als sichere Bastion der Überlegenheit ihres Glaubens gegolten. Wie hatte es im 19. Jahrhundert gegenüber dem Westen wirtschaftlich, technisch, militärisch und wissenschaftlich so offensichtlich ins Hintertreffen geraten können? Zahlreiche Gelehrte erklärten diese Entwicklung mit der Abkehr der Gläubigen von den Wurzeln des Islam und der Übernahme islamfremder Elemente aus anderen Ideologien und Systemen. Diese Schlussfolgerung war im Grunde nicht neu. Entsprechende Mahnungen hatte es in allen Jahrhunderten seit Bestehen des Islam gegeben. Organisatorische Dichte erreichten sie im ausgehenden 18. Jahrhundert mit dem Wahhabismus und im beginnenden 19. Jahrhundert mit der 1837 von Mohammed as-Senussi gegründeten gleichnamigen Bruderschaft, die seitdem den Islam in Libyen prägt. Beide Bewegungen forderten eine Rückkehr zur Praktizierung des Islam wie in Zeiten der "frommen Altvorderen" (arab.: as-salaf as-salih), also der Zeitgenossen des Propheten und der ersten vier Kalifen. Der heutige Begriff des Salafismus geht auf diesen Ursprung zurück (siehe auch S. 16 ff.).

Gelehrte wie Gamal ad-Din al-Afghani (1838/9-1897) und Mohammed Abduh (1849-1905) bauten auf diesen Vorstellungen auf. Sie revolutionierten sie aber gleichzeitig, indem sie verkündeten, dass der Traditionalismus, die ständige unkritische Wiederholung und Nachahmung des Gewohnten, das eigentliche Übel sei und die Muslime zurückgeworfen habe. Es gehe nun um die vernunftgesteuerte Neuinterpretation der heiligen Texte. Während die Reformer des frühen 20. Jahrhunderts also die überlieferten Quellen durch rationale Neuinterpretation zu beleben suchten, beharrten die Salafisten auf ihrer wortwörtlichen Umsetzung. An der Schnittstelle des Reformislam und des ultra-konservativen Salafismus wirkte Raschid Rida (1865-1935). Durch seine direkten Erfahrungen mit dem westlichen Kolonialismus kam er zu dem Schluss, dass nur ein islamisches politisches System in der Lage sei, die Probleme der Muslime zu lösen. Mit dieser These ebnete er den Weg zum "politischen Islam" oder Islamismus. Inspiriert von Rida kamen immer mehr islamische Aktivisten zu der Überzeugung, dass die politischen Aspekte ihrer Religion gegenüber den spirituellen zu stärken seien. Die Errichtung einer "gerechten islamischen Ordnung" sei keine ferne Vision, sondern Auftrag für das Hier und Jetzt. Diese Erkenntnis, verbunden mit Alltagserfahrungen des britischen Kolonialismus, leitete auch den ägyptischen Grundschullehrer Hassan al-Banna, als er 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft gründete.

Trotz der starken antiwestlichen und antikolonialistischen Ausrichtung des Islamismus war es der arabische Nationalismus, der in den kommenden Jahrzehnten den ideologischen Rahmen des antikolonialen Kampfes stellte. Das ergab sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass die Kolonialmächte – in der Regel außerordentlich willkürliche – Grenzen neuer Territorialstaaten in der arabischen "Erbmasse" des Osmanischen Reiches gezogen hatten. Diese Grenzen bewirkten, dass Unabhängigkeit zunächst immer nur für das konkrete Mandat, Protektorat oder anderweitig abhängige Gebiet erzielt werden konnte. Obwohl die panarabische Vision eines gemeinsamen souveränen arabischen Staates weiterbestand, entwickelte sich aus dieser Konstellation der ägyptische, syrische oder algerische Nationalismus. Gleichzeitig entstanden lokale Eliten, die in Kollaboration mit den Kolonialmächten eigene Machtpositionen aufbauten, die sie nicht mehr zugunsten des Panarabismus aufgeben wollten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich zwischen den Weltkriegen zwei neue grundlegende Weichenstellungen in der arabischen Welt herausbildeten. Erstens avancierte der Westen in Gestalt seiner prominenten Kolonialmächte zum Hauptgegner. Zweitens fand der Kampf der arabischen Nationalbewegung – ungeachtet aller gegenteiligen Beteuerungen – nicht mehr in einem gesamt-, das heißt panarabischen Kontext, sondern im Rahmen der von eben jenen Kolonialmächten gezogenen nationalstaatlichen Grenzen statt.

Quellentext

Ein libyscher Nationalheld

Im Jahre 1843 musste ein frommer Mann die allen Muslimen heilige Stadt Mekka verlassen: Muhammad Ibn Ali al Senussi begab sich nach Westen und ließ sich mit einigen Getreuen in der Libyschen Wüste, in dem Ort Dschagbub, nieder. Aus Mekka hatte man ihn vertrieben, weil er sechs Jahre zuvor eine religiöse Bruderschaft gegründet hatte, die bald den Namen Senussija erhielt. In Mekka war man – daran hat sich bis heute nichts geändert – unter dem Einfluss der strengen wahhabitischen Bewegung gegenüber den Sufi-Bruderschaften feindselig eingestellt. Doch auch Rivalitäten mit anderen Gelehrten mögen den Sufi zum Verlassen Mekkas veranlasst haben.

Senussi, 1787 geboren, war ein Schüler eines bekannten marokkanischen Mystikers mit Namen Ahmad Ibn Idris, den er ebenfalls in Mekka kennengelernt hatte. Muhammad al Senussi gelang es von Libyen aus, Keimzellen seines Senussi-Ordens aufzubauen, die bis nach Timbuktu am Niger-Bogen reichten; doch Schwerpunkt dieser islamischen Bruderschaft wurde das Gebiet zwischen Zentrallibyen und der Halbinsel Cyrenaika. Als der Sufi-Meister im Jahre 1859 starb, nannte man ihn schon den „Groß-Senussi“. Er hatte eine machtvolle spirituelle Bewegung geschaffen, hätte sich jedoch niemals träumen lassen, dass diese einmal die Keimzelle zur Gründung eines Staates werden würde.

Libyen, die drei großen Regionen Tripolitanien (Tripolis), Cyrenaika (Benghasi) und der Fezzan mit Orten wie Murzuq, Ghat, Ghadames und Sebha, gehörte damals noch zum Osmanischen Reich. Dessen Herrschaft war freilich recht locker. Und das Verhältnis des Senussi-Ordens zum Sultan in Konstantinopel war unter den Nachfolgern des Ordensgründers ambivalent. Einerseits wandte man sich gegen die Türken, obschon sie Muslime waren, andererseits boten die Türken auch Schutz gegen die Aspirationen auswärtiger Mächte. In der Nachbarschaft war Algerien bereits seit 1831 französisch, Tunis war es seit 1881. In Ägypten hatten sich 1882 die Briten festgesetzt. Immer stärker versuchten die Italiener von Norden her, ebenfalls einen kolonialen Anteil in Nordafrika zu erlangen. Der Widerstand dagegen kam hauptsächlich von den Senussi, zu deren Zentrum mehr und mehr die Kufra-Oasen, eineinhalbtausend Kilometer tief in der Wüste gelegen, aber auch die Halbinsel Cyrenaika mit ihrem städtischen Zentrum Benghasi wurde.

Im Jahre 1911 kam es zum Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und Italien. Der Sultan Mehmed V. Res¸ad hatte einen jungen Offizier nach Tripolitanien und in die Cyrenaika entsandt, der helfen sollte, den Widerstand gegen die italienischen Kolonisatoren zu organisieren. Dieser Mustafa Kemal, in Saloniki geboren und in Istanbul zum Offizier ausgebildet, sollte bald – im Ersten Weltkrieg und danach unter dem Namen Kemal Atatürk als Gründer der Türkischen Republik – weltbekannt werden. Kemal hatte damals schon mit jenen Kalifatsideen, die das Türkische Reich trugen, innerlich gebrochen, doch war er in Libyen immerhin als osmanischer Patriot und als Untertan des Padischah loyal tätig.

Nach der Niederlage der Türken im Krieg von 1911 besetzten die Italiener Tripolitanien und die Cyrenaika. Daraufhin entfesselten die Libyer einen Guerilla-Krieg, der Jahrzehnte dauerte. Ihr charismatischer Anführer war Omar al Muchtar, ein Korangelehrter, der die Truppen der Kolonialherren in Hunderte blutiger Gefechte verstrickte. Zentrum des Widerstandes war der Dschebel al Achdar, der Grüne Berg, in der Cyrenaika. Immer wieder konnte sich der populäre Guerilla-Führer seiner Gefangennahme entziehen, erst 1931 gelang es den Italienern, seiner habhaft zu werden. Am 16. September desselben Jahres wurde Omar al Muchtar, schon über siebzig Jahre alt, in Benghasi hingerichtet. Der Widerstand dauerte jedoch fort. Erst nachdem die Italiener 1935 das Zentrum der Senussi, die Kufra-Oasen, erobert hatten, war ihre Macht über das Land einigermaßen gefestigt. [...]

Im Zweiten Weltkrieg wurde Libyen Schauplatz der Kämpfe zwischen Deutschen, Italienern und den Briten. Namen wie Benghasi, Tobruk, die Kufra-Oasen waren im Zusammenhang mit den Schlachten Erwin Rommels in aller Munde. Knapp hinter der libyschen Grenze, in El Alamein auf ägyptischem Boden, wurde Rommels Vormarsch nach Alexandria und Kairo 1942 gestoppt. Nach dem Krieg galt Libyen dann als Treuhandmandat der Briten, bis das Land im Jahre 1951 unabhängig wurde. Bis zum Umsturz Gaddafis und seiner Freien Offiziere im Jahre 1969 herrschte König Idris I., der ebenfalls dem Orden der Senussi entstammte, ein Greis, der milde regierte und nach seiner Absetzung ins Exil in die Türkei ging.

Omar al Muchtar gilt in Libyen als Nationalheld. [...]

Wolfgang Günter Lerch, "Die Söhne des Senussi", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Februar 2011