1.2.2013 | Von:
Prof. Dr. Henner Fürtig

Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Antizionismus als Identitätsfaktor?

Die Balfour-Deklaration von 1917 markierte einen großen Erfolg für die 1897 in Basel gegründete "Zionistische Weltorganisation". Ihre Bestrebungen, internationale Unterstützung für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu finden, waren lange wirkungslos geblieben: Politisch gehörte das spätere Mandatsgebiet Palästina 1917 noch zum Osmanischen Reich, das dem zionistischen Ansinnen ablehnend gegenüberstand. In den europäischen Hauptstädten stieß der Zionismus bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ebenfalls nur auf geringes Interesse; nicht zuletzt deshalb, weil er zwar bei den unter Pogromen leidenden Juden Osteuropas und Russlands einen gewissen Widerhall fand, ihm aber die jüdische Bevölkerung Mittel- und Westeuropas eher Desinteresse entgegenbrachte.

Das Eingehen der britischen Regierung auf die Ziele der "Zionistischen Weltorganisation" lässt sich im Wesentlichen auf zwei Gründe zurückführen. Zum Ersten verstärkte die ungünstige Kriegsentwicklung schon seit 1916 die Anstrengungen der britischen Regierung, die USA zu einem Kriegseintritt auf Seiten der Entente zu bewegen. Die starke jüdische Gemeinde in den USA sollte durch die Balfour-Deklaration veranlasst werden, einen positiven politischen Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess in den USA auszuüben. Zum Zweiten bekam der Nahe Osten als potenzielle Brücke zwischen den Besitzungen des Empires bis nach Indien und als Erdöllagerstätte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts einen stetig wachsenden strategischen Stellenwert. Nicht von ungefähr hatte man sich bereits ein Jahr zuvor mit Frankreich über die Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Sieg über die Osmanen geeinigt (Sykes-Picot-Abkommen). In diesem Kontext konnte die zionistische Bewegung die Rolle eines "natürlichen Verbündeten" bei der Durchsetzung britischer Interessen in der zukünftigen Einflusszone spielen. Die arabisch-muslimische Mehrheitsbevölkerung im britischen Mandatsgebiet Palästina befürchtete deshalb von Beginn an eine einseitige Bevorzugung der jüdischen Mitbewohner. Seit Ende der 1920er-Jahre verstärkten vor allem zwei Entwicklungen diesen Eindruck:

Erstens hatte die Mandatsverwaltung ehemalige osmanische Staatsländereien großzügig an jüdische Siedler verteilt bzw. preisgünstig verkauft. Das frei verfügbare Ackerland wurde knapp, die Bodenpreise stiegen, was zahlreiche arabische Grundbesitzer ihrerseits zum Verkauf an jüdische Siedler veranlasste und damit das Angebot an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche für arabische Kleinbauern und -pächter verringerte.

Zweitens stiegen die jüdischen Einwanderungszahlen infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland. Zwischen 1933 und 1939 wanderten offiziell 176 000 Juden nach Palästina ein, davon 50 000 allein aus Deutschland. Infolgedessen verschob sich die Zusammensetzung der Bevölkerung im Mandatsgebiet weiter zu Ungunsten der Araber. Wenn ihr Anteil 1922 noch bei 90 Prozent gelegen hatte, so war er bis 1936 auf 70 Prozent abgesunken.

Der Großmufti (oberster islamischer Rechtsgelehrter) von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, entwickelte sich in diesen Jahren zum radikalsten antizionistischen Führer in Palästina. Indem er den Konflikt zwischen Juden und Arabern als religiösen Kampf darstellte, schuf er eine für die Zwischenkriegszeit eher ungewöhnliche Liaison zwischen Islamisten und Nationalisten. Bereits in den 1920er-Jahren kam es zu ersten blutigen Ausschreitungen. Übergriffe auf jüdische Siedlungen, auf zivile und militärische Einrichtungen der Briten nahmen zu. Im November 1935 forderte al-Husseini die britische Mandatsmacht auf, sowohl die weitere jüdische Einwanderung als auch den Landverkauf an jüdische Siedler zu verbieten. Mitte April 1936 fügte er die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit hinzu und rief am 19. April einen sechsmonatigen Generalstreik aus. Die Streikleitung übernahm ein am 25. April 1936 gegründetes "Arabisches Hochkomitee" unter al-Husseinis Führung. Aus dem Streik wurde ein Aufstand, arabische Freischärler verübten Anschläge gegen jüdische und britische Einrichtungen, britische Sicherheitskräfte und jüdische paramilitärische Verbände schlugen zurück. Am 30. Juli 1936 erklärten die Briten das Kriegsrecht. Aufständische wurden inhaftiert, teilweise hingerichtet, ihr Besitz beschlagnahmt oder zerstört.

Verschiedene Vermittlungsversuche scheiterten, Mitte 1937 eskalierte der Aufstand erneut. Im September 1937 verboten die Mandatsbehörden das "Arabische Hochkomitee", al-Husseini floh in den Libanon. Trotzdem hielten die Kämpfe an. Obwohl 20 000 zusätzliche britische Truppen und knapp 15 000 jüdische paramilitärische Kämpfer im Einsatz waren, dauerte es bis zum Herbst 1938, ehe die britische Kontrolle über das Mandatsgebiet weitgehend wiederhergestellt war.

Die britische Palästinapolitik im Allgemeinen und der "Arabische Aufstand" im Besonderen radikalisierten die gesamte arabische Unabhängigkeitsbewegung. In der Unterstützung der arabischen Palästinenser und der Ablehnung des zionistischen Staatsprojekts fand der sich gerade in verschiedenen Flaggen zeigende arabische Nationalismus einen gemeinsamen Nenner. Je konturloser das Projekt eines gemeinsamen arabischen Staates wurde, desto stärker entfaltete sich die Wirkung von Symbolen und Parolen: Allen voran stand der Antizionismus.

Arabische Liga und Gründung Israels

Kostengründe und begrenzte personelle Ressourcen hatten die britische Kolonialmacht schon seit dem Ende des Ersten Weltkrieges veranlasst, in vielen ihrer Einflussgebiete eine indirekte Herrschaft auszuüben, die ihre Macht kaum schmälerte, aber eine einheimische abhängige Elite als "Puffer" zur Bevölkerung installierte. Diese Elite war unmittelbar an der Fortdauer des externen Einflusses interessiert und stand deshalb auch für Szenarien einer formalen Unabhängigkeit zur Verfügung. Da die aufwändige Kriegführung während des Zweiten Weltkrieges die Kolonialmächte längerfristig geschwächt hatte, konzentrierten Großbritannien und Frankreich sich nach 1945 auf ihre wirtschaftlich und strategisch wichtigsten Kolonien, während das geschlagene Italien als nahöstliche Kolonialmacht (Libyen) gänzlich ausschied.

Die Arabische LigaDie Arabische Liga (© picture-alliance / dpa-Grafik 15 935)
So waren es bereits sechs formal selbstständige Staaten (Ägypten, Irak, Transjordanien, Libanon, Saudi-Arabien und Syrien), die am 22. März 1945 in Kairo die "Liga der Arabischen Staaten" oder auch "Arabische Liga" gründeten. Jemen trat im Mai 1945 bei. Gemäß ihrer Charta handelte es sich bei der Liga um einen Konsultations- und Nichtangriffspakt, der die einzelstaatliche Souveränität aller Mitglieder achtete und damit die Entwicklung der vergangenen beiden Jahrzehnte in Richtung auf eine arabische Staatenvielfalt verstetigte. Lediglich am Rande wurde auf das Fernziel verwiesen, einen gesamtarabischen Staat zu schaffen. Es war einmal mehr der Palästinakonflikt, der eine einigende Wirkung entfaltete, denn ein kaum verheimlichter Zweck der Ligagründung bestand darin, die Gründung eines Staates Israel auf dem Boden des britischen Mandatsgebiets Palästina zu verhindern.

Nachdem die Briten unmittelbar nach Kriegsende vergeblich versucht hatten, den USA das Mandat zu überantworten, delegierten sie es an die Vereinten Nationen (UN=United Nations), die 1945 entstandene Nachfolgeorganisation des Völkerbunds. Am 29. November 1947 nahm die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 einen Teilungsplan für Palästina an. Er teilte das Land in einen jüdischen und einen arabischen Staat auf. Der Großraum Jerusalem sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Die Mehrheit der jüdischen Bewohner akzeptierte den Plan, die arabischen Führer lehnten ihn vehement ab. Am 14. Mai 1948 schuf Israel mit seiner Staatsgründung unter Israels erstem Premierminister David Ben Gurion vollendete Tatsachen. Am Tag darauf erklärte die Arabische Liga dem neu gegründeten Staat den Krieg.

Der Erste Nahostkrieg begann unmittelbar danach mit dem Einmarsch ägyptischer, syrischer, jordanischer, libanesischer und irakischer Truppen in Israel. Ihr unkoordiniertes Handeln, ihr Interesse, die jeweils anderen an der Besetzung Palästinas und damit an Machtzuwachs zu hindern, sowie antiquierte militärische Strukturen ließen den Angriff jedoch schnell versanden. Am 1. Juni 1948 trat ein auf Druck der UN vereinbarter Waffenstillstand in Kraft. Die Atempause nutzte insbesondere Israel, um sich für eine weitere Kriegsphase besser vorzubereiten. Schon in den Anfangstagen des Krieges hatte sich gezeigt, dass die israelischen Truppen besser ausgebildet und bewaffnet waren. Außerdem kam dem jungen Staat zugute, dass er trotz eines Waffenembargos der UNO mit Zustimmung der Sowjetunion Waffen aus osteuropäischen Beständen kaufen konnte. Zwischen Oktober 1948 und Januar 1949 führten mehrere israelische Offensiven zu einer katastrophalen Niederlage der arabischen Angreifer. Am 24. Februar 1949 schloss Ägypten einen Waffenstillstand, dem sich die anderen kriegführenden arabischen Staaten bis Juli anschlossen. So kontrollierte Israel am Ende des Krieges ein weitaus größeres Gebiet, als es durch den UN-Teilungsplan von 1947 zugesprochen bekommen hatte. Im Ergebnis der Waffenstillstandsverhandlungen und unter Vermittlung der UNO wurde die Westbank der Verwaltung Jordaniens und der Gazastreifen Ägypten unterstellt. Die arabische Seite erkannte die neuen Grenzen zwar nicht an, doch die USA, Frankreich und Großbritannien traten als Garantiemächte zugunsten Israels auf. Im kollektiven Gedächtnis der Kriegführenden blieb der Erste Nahostkrieg diametral unterschiedlich verankert. Während die arabische Welt Israels Staatsgründung, die Vertreibung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung und die Niederlage im Krieg als "Nakba", als Katastrophe wahrnahm, ist der Waffengang von 1948/49 in Israel als "Unabhängigkeitskrieg" tradiert (siehe auch S. 54 ff.).

Der Ausgang des Ersten Nahostkrieges schärfte das Profil der arabischen Unabhängigkeitsbewegung. Die als einseitige Parteinahme zugunsten Israels wahrgenommene Politik der Westmächte führte zu einer erneuten Zuspitzung des Kampfes gegen die Kolonialherrschaft Großbritanniens und Frankreichs. Das Versagen der einheimischen Eliten im Nahostkrieg rüttelte an deren Legitimität. Die Monarchen und Paschas wurden als unfähige Handlanger der Kolonialmächte und nunmehr auch Israels gebrandmarkt und folglich zu Feinden der Nationalbewegung erklärt.