1.2.2013 | Von:
Prof. Dr. Henner Fürtig

Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Von der formalen zur realen Unabhängigkeit

Am 23. Juli 1952 stürzte eine Gruppe "Freier Offiziere" den probritischen König Faruq in Kairo und leitete damit eine neue Runde des arabischen Kampfes um nationale Unabhängigkeit ein. Auch in vielen anderen arabischen Ländern bildeten fortan Vertreter der unteren Mittelschichten, zumeist des Militärs, das Rückgrat der Befreiungsbewegung und aus ihr hervorgehender republikanischer Regime. Oberst Gamal Abdel Nasser, der Gründer der "Freien Offiziere" und neue "starke Mann" Ägyptens, erzwang 1954 den Rückzug britischer Truppen aus der Suezkanalzone und verstaatlichte am 26. Juli 1956 die von Großbritannien und Frankreich betriebene Suezkanalgesellschaft, das Symbol westlicher Beherrschung Ägyptens. Im verzweifelten Bestreben, die Einnahmen als Betreiber und die Kontrolle über den strategisch wertvollen Transportweg nicht zu verlieren, besetzten daraufhin französische und britische Truppen am 31. Oktober 1956 die Kanalzone. Bereits zwei Tage zuvor hatte Israel in Absprache mit London und Paris seinerseits einen Angriff gegen Ägypten begonnen (Suezkrise). Zwar eroberte Israel innerhalb weniger Tage die Sinaihalbinsel sowie den Gazastreifen, musste sich aber – genauso wie Großbritannien und Frankreich – nach Drohungen der Sowjetunion, zugunsten Ägyptens militärisch einzugreifen, sowie eines klaren Gegenvotums der USA und der UN wieder zurückziehen. So wandelte sich der militärische Anfangserfolg Israels und der europäischen Kolonialmächte in einen langfristigen politischen Erfolg Ägyptens, das die ehemalige Kolonialmacht aus dem Land drängen konnte und den Suezkanal unter seiner Kontrolle behielt. Fortan wurde die israelisch-ägyptische Grenze von bewaffneten UN-Friedenstruppen gesichert.

Nach 1948 hatte damit ein weiterer Nahostkrieg eine Zeitenwende in der Region markiert. Die "klassische" Kolonialepoche ging zu Ende, die neuen Kräfte in der Region waren die selbstbewusster gewordenen arabischen Nationalisten auf der einen sowie die Kontrahenten USA und Sowjetunion auf der anderen Seite. Fortan bestimmte der "Kalte Krieg" der beiden neuen Supermächte zu einem wesentlichen Teil die Geschicke des Nahen Ostens, er zwang die jeweiligen Regierungen zu einem "Balanceakt" zwischen den Fronten und in den meisten Fällen auch zu einer Parteinahme. Durch die Lagerbildung wurde der weitere Dekolonisierungsprozess stark beeinträchtigt. Schon 1955 war beispielsweise der Irak zum Kern eines antikommunistischen Militärbündnisses (Bagdad-Pakt: Großbritannien, Irak, Iran, Pakistan, und die Türkei sowie die USA als Beobachterin) auserkoren worden, während die Sowjetunion sich als Schutzpatron der arabischen Befreiungsbewegungen positionierte.

Obwohl die USA die Suezkrise, den Zweiten Nahostkrieg, durch ihr Votum zugunsten Ägyptens genutzt hatten, um ihre Weltkriegsalliierten Großbritannien und Frankreich im Nahen Osten als führende westliche Macht abzulösen, brachte die Suezkrise auch eine veränderte Sichtweise der US-Administration auf die nahöstliche Konfliktlage mit sich. Hinter dem Bestreben nach nationaler Unabhängigkeit wurde allzu oft der "lange Arm Moskaus" vermutet, was den politischen Spielraum der USA erheblich einschränkte und viele der arabischen Führer geradezu auf die Seite des Ostblocks trieb. Als besonders signifikant gilt in diesem Zusammenhang die "Eisenhower-Doktrin". Der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower (reg. 1953-1961) hatte am 5. Januar 1957 in ihr erklärt, dass sein Land an jedem Ort und mit allen Mitteln (also auch Nuklearwaffen) prowestliche Regime vor kommunistischer Unterwanderung oder einer Bedrohung durch die Sowjetunion schützen werde. Die Doktrin wurde zweimal ausdrücklich angewendet: im April 1957, als eine US-Flotte den jordanischen König Hussein I. vor der Opposition schützte, und in der Libanonkrise 1958, als US-Truppen den Sturz des prowestlichen christlichen Staatspräsidenten Camille Chamoun verhinderten. Die aggressive und damit kontraproduktive Wirkung seiner Doktrin veranlasste Eisenhower jedoch 1959, anlässlich eines USA-Besuchs des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita S. Chruschtschow, der Koexistenz beider Machtblöcke den Vorzug zu geben. In sich verändernder Form begleitete der Kalte Krieg die Entwicklung im Nahen Osten aber bis zu seinem Ende zu Beginn der 1990er-Jahre (siehe auch S. 58 ff.).

Vom ägyptischen Erfolg beflügelt, erreichte die arabische Nationalbewegung im folgenden Jahrzehnt den Durchbruch bei der Erlangung vollständiger Souveränität. Am 14. Juli 1958 folgten irakische "Freie Offiziere" dem Beispiel ihrer ägyptischen Vorbilder, stürzten die probritische Monarchie, proklamierten die Republik und wiesen britische Militärs aus. In Nordafrika hatte Libyen schon 1951 die Unabhängigkeit erreicht, 1956 waren Tunesien und Marokko gefolgt. In Algerien tobte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon seit zwei Jahren einer der längsten und blutigsten Kolonialkriege im arabischen Raum. Frankreich hatte Algerien als Siedlungskolonie, letztlich als Teil des "Mutterlandes" betrachtet. Erst 1962 konnte es seine Souveränität erringen. Auf der Arabischen Halbinsel war Saudi-Arabien seit seiner Gründung 1932 souverän gewesen, von den dortigen britischen Domänen machte Kuwait 1961 den Anfang. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Arabischen Emirate am 2. Dezember 1971 setzte schließlich den generellen Schlusspunkt unter das Kapitel europäischer Kolonialgeschichte im Nahen Osten.

Quellentext

Ägyptens "Gloria" unter Nasser

Gamal Abdel Nasser (1918-1970) gilt als populärster arabischer Politiker des 20. Jahrhunderts. Zwar verhalfen ihm auch Glück und politisches Geschick zu diesem Ansehen, aber es bedurfte noch anderer Faktoren, um diesen Aufstieg zu begründen. Dazu zählen nicht zuletzt biografische Merkmale, die ihn zu einem "Archetypus" des arabischen Nationalisten im 20. Jahrhundert machten.

Nasser stammte aus einfachen Verhältnissen: Sein Vater war Postbeamter. Eine gediegene Bildung ermöglichte ihm erst der Eintritt in die Kairoer Militärakademie 1937. Hier fand er rasch Gleichgesinnte: junge Männer aus der unteren Mittelschicht, deren Frustration durch demütigende Erfahrungen mit der britischen Kolonialmacht stetig zunahm. Der gemeinsame Kampf gegen die Kolonialherrschaft wurde deshalb 1939 zum wichtigsten Motiv für die Gründung der Geheimorganisation der "Freien Offiziere". Zunächst wenig mehr als ein Dutzend Mitglieder umfassend, versuchte die Organisation während des Weltkriegs, ihren Einfluss in der Armee auszubauen und Konzepte für ein zukünftiges unabhängiges Ägypten zu entwerfen. Prominente Militärs und Politiker wie der spätere Feldmarschall Abd al-Hakim Amer oder der zukünftige Präsident Anwar as-Sadat gehörten neben Nasser zu ihren Gründern.

1948 nahm Nasser als Hauptmann am Ersten Nahostkrieg teil und erlebte hier unmittelbar das politische und militärische Versagen der bisherigen Führungselite seines Landes. Fortan ergänzte er die Liste seiner politischen Ziele um die Beseitigung der ägyptischen Monarchie, die er im festen Bündnis mit Großbritannien sah. Am 23. Juli 1952 stürzten die „Freien Offiziere“ die Monarchie und riefen am 18. Juni 1953 die Republik aus, deren Präsident Nasser 1954 wurde. Erst nach diesem Erfolg weitete er seinen ägyptischen Nationalismus zum Panarabismus, dem Streben nach einem arabischen Einheitsstaat, aus. Im Gegensatz zu anderen panarabischen Modellen sah er allerdings Ägypten als Zentrum dieses Einheitsstaates. Voller Selbstbewusstsein gründete er mit Josip Broz Tito aus Jugoslawien, Jawaharlal Nehru aus Indien und Gastgeber Ahmad Sukarno – 1955 im indonesischen Bandung – die Organisation blockfreier Staaten.

Nassers Stern als arabischer Führer ging jedoch erst danach auf. Nach der Verstaatlichung der Suezkanalgesellschaft im Juli 1956 und der darauf folgenden Intervention Großbritanniens, Frankreichs und Israels im Oktober (Zweiter Nahostkrieg) griffen schließlich die UN sowie die Supermächte USA und Sowjetunion zugunsten Ägyptens ein. Über Nacht galt Nasser als arabischer Staatsmann, der den bis dahin als unüberwindlich geltenden Kolonialmächten nicht nur die Stirn zu bieten wagte, sondern sich auch gegen sie durchsetzte. Seine Popularitätskurve in der arabischen Welt stieg rasant. Sehr zum Missvergnügen örtlicher Politiker waren es fortan Nasser-Porträts und Nasser-Losungen, die die antikolonialen Massendemonstrationen in den arabischen Ländern beherrschten. Unausgesprochen galten Umstürze nun erst dann als legitim, wenn Nasser sie gebilligt hatte. Es verstand sich von selbst, dass alle wichtigen internationalen arabischen Institutionen, wenn schon nicht in Kairo beheimatet, dann aber von Kairo aus kontrolliert wurden.

Der Zusammenschluss Ägyptens mit Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) am 1. Februar 1958, der sich ab 8. März 1958 auch Jemen in Konföderation anschloss, kann wohl als Höhepunkt des panarabischen Wirkens Nassers gelten. Gleichzeitig war dem ägyptischen Präsidenten in der Sowjetunion ein mächtiger äußerer Verbündeter entstanden. In Verkennung der tatsächlichen Ziele Nassers hatten es die zunächst angefragten USA abgelehnt, dessen ehrgeizige wirtschaftliche Entwicklungspläne zu unterstützen. Der Logik des Kalten Krieges folgend wandte sich Nasser daraufhin an die Sowjetunion, die die zugedachte Rolle bereitwillig übernahm. Moskau unterstützte nicht nur den Bau des Assuan-Staudamms, sondern leistete auch umfangreiche wirtschaftliche und militärische Hilfe.

Paradoxerweise markierte die VAR sowohl den Höhe- als auch den Wendepunkt in der politischen Karriere Nassers. Am 28. September 1961 brach sie insbesondere deshalb auseinander, weil eine arabische Einheit in Nassers Lesart vor allem ägyptische Dominanz bedeutete, die die syrische, mit Abstrichen auch die jemenitische Bevölkerung nicht bereit war hinzunehmen. Mit dem Scheitern der VAR erhielt Nassers Ansehen erste "Kratzer". Es erlitt weitere Einbußen durch seine glücklose militärische Intervention im jemenitischen Bürgerkrieg ab 1962, erlosch aber erst wirklich mit der verheerenden militärischen Niederlage Ägyptens und seiner Verbündeten im Sechstagekrieg mit Israel im Juni 1967 (Dritter Nahostkrieg). Die mit dem Panarabismus verflochtenen Hoffnungen waren über Nacht zerstoben, Nasser verwaltete die Niederlage lediglich noch bis zu seinem Tod durch Herzversagen am 28. September 1970.

Henner Fürtig

Erdöl als historischer "Wirkstoff"

OPEC - Organisation der Erdöl exportierenden LänderOPEC - Organisation der Erdöl exportierenden Länder (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 647 610)
Die frühen 1970er-Jahre markierten auch das Ende eines weiteren Abhängigkeitsverhältnisses, das die Geschicke der Region seit Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt hatte: die Unterdrückung und Ausbeutung der Förderländer durch ausländische Erdölkonzerne.

Nachdem 1908 in Südwestpersien (heute Iran) die ersten Erdölvorkommen im Nahen Osten gefunden worden waren, hatte ein internationaler Wettlauf um ihre Kontrolle eingesetzt. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegskrise unterbrachen den Wettlauf kurzzeitig, ehe er Ende der 1920er-Jahre mit erneuter Heftigkeit ausbrach. Letztlich festigte aber erst die Entdeckung gewaltiger Erdölfelder auf der Arabischen Halbinsel kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Stellenwert der Region als ertragreichster Fundort des wichtigsten Einzelrohstoffs des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die wichtigsten internationalen Erdölunternehmen die Fördergebiete untereinander auf. Die politischen Machtverhältnisse widerspiegelnd, gaben dabei zunächst britische, später US-amerikanische Unternehmen den Ton an, aber Dauerrivalität herrschte auch mit französischen, niederländischen und italienischen Konkurrenten. Einigkeit bestand lediglich in einem Punkt: den Herkunftsländern die Verfügungsgewalt über ihre wertvollste Ressource zu verweigern. Beispielhaft dafür steht der Versuch des iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh, 1951 die Erdölproduktion seines Landes zu verstaatlichen. Die westlichen Erdölunternehmen setzen daraufhin bei ihren Regierungen einen nahezu lückenlosen Boykott iranischen Erdöls durch. Mossadegh wurde schließlich im August 1953 durch einen von der CIA mitorganisierten Putsch gestürzt. Das sicherte den Ölfluss zu den gleichen Bedingungen wie vorher, und den USA gelang es gleichzeitig, die Monopolkontrolle der Briten über das Öl zu brechen.

Vor diesem Hintergrund gestaltete es sich für die Förderländer außerordentlich mühselig, den westlichen Erdölmultis nach und nach Zugeständnisse abzutrotzen und die eigenen Gewinnmargen schrittweise zu erhöhen. Die Gründung der Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC=Organization of the Petroleum Exporting Countries), der auch nahezu alle Nahostländer angehören (Irak, Iran, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate (VAE)), markierte 1960 einen wichtigen Zwischenerfolg, weil sie die Verhandlungsmacht der Förderländer gegenüber dem Westen erheblich stärkte. Es sollte allerdings noch ein gutes Jahrzehnt dauern, bis alle namhaften Förderländer die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre Erdöl- und Erdgasressourcen erlangt hatten. Damit übernahmen sie allerdings auch die mit Kosten verbundene Aufgabe, die nunmehr veralteten Erdölförderanlagen nachzurüsten. Mitte der 1970er-Jahre war somit die politische wie auch die wirtschaftliche Souveränität der nahöstlichen Staaten erreicht.

Quellentext

Überraschend lebensfähig: die Vereinigten Arabischen Emirate

Als sich am 2. Dezember 1971 die Scheiche von sechs kleinen Emiraten [Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ajman, Umm al Qaiwain und Fujairah] zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammenschlossen, gaben nur wenige dem neuen Staat eine Überlebenschance. Kaum jemand kannte die kleinen Staaten an der Peripherie der arabischen Welt. [...]

Der Beschluss der britischen Labour-Regierung von 1968, sich innerhalb von drei Jahren aus allen abhängigen Territorien "östlich von Suez" zurückzuziehen, hatte die armen Emirate in die Unabhängigkeit gestoßen. Die Hoffnung auf Erdöl erleichterte ihnen den Zusammenschluss. Seit 1963 exportierte Abu Dhabi Erdöl. Noch lange aber sprudelten die Öleinnahmen nicht reichlich. Als die sechs Scheiche den Staatsvertrag unterschrieben, waren nicht einmal die beiden wichtigsten Städte Abu Dhabi und Dubai mit einer geteerten Straße verbunden. Binnen drei Jahren hatten sie die Grundlagen eines funktionsfähigen Staats zu legen. Bis zum britischen Abzug musstensie eine Verfassung schreiben, sich Institutionen geben. Sie mussten die Beziehungen untereinander nun ohne Einflussnahme von außen regeln und sich selbst verteidigen. [...]

Die Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate bauten ihren Staat ohne [die] Last der Ideologien und Geschichte auf. Kaum eine Generation später war ihr neuer Staat zum Vorbild geworden. Rasch zog er die Besten aus dem zunehmend erfolglosen alten Arabien an. [...]. Zwei Faktoren haben ermöglicht, dass mit dem neuen Staat ein Vorbild für ein neues, ein positives Arabien entstehen konnte.
Zum einen war es dem legendären Verhandlungsgeschick von Scheich Zayed Bin Sultan Al Nahyan (1918-2004) zu verdanken, dass die Emirate, die einander über Jahrhunderte meist befehdet hatten, in die Föderation einwilligten und an dieser auch festhielten. Mit seinem sicheren beduinischen Instinkt hatte Scheich Zayed, der seit 1966 Emir von Abu Dhabi war und 1971 Gründungspräsident der Föderation wurde, auch in schwierigen Situationen stets einen Konsens herbeigeführt. Zudem sorgte er dafür, dass der neue Reichtum alle erreichte. Während Saddam Hussein und Gaddafi den Ölreichtum ihrer Länder verprassten, waren gute Regierungsführung und Gerechtigkeit von Beginn an Kennzeichen der Vereinigten Arabischen Emirate.

Zum anderen erweiterte Dubai die Freiheiten des Einzelnen, und es nutzte mit seiner Lage in der geographischen Mitte der Welt die beginnende Globalisierung als Chance. Noch heute bieten wenige andere Orte in der arabischen Welt diesen Grad an persönlicher Freiheit. In Dubai ist nicht der Islam radikal, sondern der Kapitalismus. Nahezu alles ist möglich, auch die Krise. Jene des Jahres 2009 wurde nicht als göttliche Strafe für Übermut gesehen, sondern als Lehre, sich als rohstoffarmes Emirat nun auf die Kernkompetenzen Logistik und Handel zu konzentrieren. Dubai wächst wieder, wenn auch weniger geschwind als in der Vergangenheit.

Die Krise, aus der das reiche Abu Dhabi das ärmere Dubai gerettet hat, führte beide enger zusammen. Mental reiben sie sich aber weiter. Aus Dubai kamen stets die Ideen, wie man internationale Unternehmen anzieht und das Interesse der Welt weckt. Seine Einwohner sind seit 200 Jahren Fernhändler und Seefahrer. Sie haben mit Risiko umzugehen gelernt, hatten als Erste am Golf die Welt zwischen Sansibar und Indien kennengelernt. Mit seinen Freizonen schuf Dubai einen rechtlichen Rahmen, der Abertausende Unternehmen aus aller Welt anzog, die von hier aus einen Markt von mehreren Milliarden Menschen bearbeiten. Die Freizonen sind aufeinander abgestimmt, so dass Synergieeffekte entstehen. Die Seehäfen und Flughäfen, die bereits zu den größten der Welt zählen, sind Knotenpunkte des Welthandels.

[...] Der niederländische Architekt Rem Koolhaas brachte das Erfolgsmodell Dubais auf die Formel: "Für einen Iraner ist Dubai Freiheit, für einen Inder eine Geschäftsmöglichkeit, für einen Araber die Hoffnung, dass arabische Modernität funktioniert." Europäer und Amerikaner erwähnte er nicht.

Abu Dhabi ist ungleich konservativer. Seine Einwohner sind noch immer stark dem Verhalten der Beduinen verhaftet, die mit viel Geschick und Vorsicht in der lebensfeindlichen Wüste ihr tägliches Überleben zu sichern hatten. Vor einem halben Jahrhundert lebten in Abu Dhabi erst 4000 Menschen, weit mehr lebten in der Wüste und in den Oasen. Nach dem Tod von Scheich Zayed im Jahr 2004, der wie kein anderer die beduinischen Tugenden verkörperte, der sich von der Wüste inspirieren ließ und nicht von Beratern, zählt die Geschwindigkeit aber auch in Abu Dhabi. Wofür Dubai einige Jahrzehnte gebraucht hat, das will Abu Dhabi in wenigen Jahren erreichen: eine moderne Stadt mit weltweiter Ausstrahlung zu sein. Anders als Dubai will Abu Dhabi aber auch eine breite industrielle Basis schaffen und ein reiches kulturelles Angebot. Das Erdöl, von dem Abu Dhabi fast ein Zehntel aller bekannten Vorkommen besitzt, soll es ermöglichen.

[...] Ganz frei von Krisen sind die Vereinigten Arabischen Emirate am 40. Jahrestag ihrer Gründung [...] nicht. Dennoch sind sie eine der wenigen Erfolgsgeschichten, die die moderne arabische Welt kennt.

Rainer Hermann, "Eine arabische Erfolgsgeschichte", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Dezember 2011