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1.2.2013 | Von:
Prof. Dr. Henner Fürtig

Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung

Nach dem ersten Weltkrieg teilen die Siegermächte den Nahen Osten unter sich auf. Nur nach und nach erlangen die arabischen Staaten ihre Unabhängigkeit, ein gemeinsames arabisches Nationalgefühl entsteht und verschwindet wieder. Erst der gemeinsame Feind, der neue Staat Israel, schweißt die arabischen Staaten zusammen.
Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen.Der Traum von einem arabischen Großstaat: 1958 schließen sich Ägypten, Syrien und Jemen zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) zusammen. (© picture-alliance/dpa-UPI)

Einleitung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Einwohner des Nahen Ostens und Nordafrikas Untertanen des Osmanischen Sultans, der als Kalif für viele auch gleichzeitig das religiöse Oberhaupt darstellte. Zwar entstanden in dieser Zeit erste Ansätze einer arabischen Nationalbewegung, aber vornehmlich als Reaktion auf den erstarkenden türkischen Nationalismus und ohne zentrale Führung. "Nahda" (Erwachen) war das Schlüsselwort für die frühen arabischen Nationalisten. In ihren Klubs diskutierten sie ein breites Spektrum philosophischer, naturwissenschaftlicher und literarischer Fragen; bis zum Ersten Weltkrieg forderten sie eher eine Gleichberechtigung bzw. Anerkennung ihrer Kultur – etwa durch die Zulassung des Arabischen als Amtssprache – als staatliche Souveränität für arabischsprachige Regionen.

Erst die Gegnerschaft zwischen der Entente (Großbritannien, Frankreich, Russland) und den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich) im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 politisierte die Bewegung, weil sich ihren Emanzipationsbestrebungen jetzt die Unterstützung durch Großbritannien und Frankreich bot. Als der Sultan in seiner Eigenschaft als Kalif im November 1914 zum "Heiligen Krieg" gegen die ungläubigen Feinde, also die Entente, aufrief, suchte London eine arabische muslimische Persönlichkeit, die hinreichend renommiert war, um dem osmanischen Aufruf zum Dschihad die Gefolgschaft zu entziehen. Der britische Vorschlag, das Kalifat wieder "in arabische Hände" zu legen, wurde vom Scherifen Hussein von Mekka, aus der Prophetenfamilie der Bani Haschim (Haschimiten), bereitwillig aufgenommen. Er wollte nicht nur arabischer Kalif, sondern auch Führer eines zukünftigen arabischen Einheitsstaates werden. Deshalb nahm er 1915 einen lebhaften Briefwechsel mit dem Hochkommissar des britischen Protektorats Ägypten, Henry McMahon, auf. Dieser schickte seinerseits Abgesandte, allen voran Thomas Edward Lawrence ("Lawrence von Arabien"), um die Araber unter Führung des Scherifen zum offenen Aufstand gegen die Osmanen zu bewegen. Der "Aufstand in der Wüste" brach im Juni 1916 tatsächlich aus und störte empfindlich die Nachschub- und Verbindungslinien der Osmanen auf der arabischen Halbinsel.
Als Gegenleistung für die militärische Unterstützung versprach die britische Regierung, nach dem Sieg über das Osmanische Reich einen unabhängigen arabischen Staat zu gewähren. Nach der Kapitulation der Osmanen am 30. Oktober 1918 hatten die aufständischen Araber also allen Grund, von der Einlösung der britischen Zusicherungen auszugehen. Sie konnten nicht wissen, dass sich London schon längst mit Paris anderweitig geeinigt hatte. Am 16. Mai 1916 waren die britischen und französischen Diplomaten Mark Sykes und Georges Picot übereingekommen, die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in Form von "Einflusszonen" untereinander aufzuteilen (Sykes-Picot-Abkommen). Ein gutes Jahr später, am 2. November 1917, hatte der britische Außenminister Arthur James Balfour zudem im Namen seiner Regierung erklärt, die Errichtung einer "jüdischen Heimstatt" in Palästina zu unterstützen (Balfour-Deklaration). Damit waren schon vor der osmanischen Niederlage weitreichende Entscheidungen gefallen.

Aus gutem Grund hielten Frankreich und insbesondere Großbritannien die Abkommen geheim, denn sie bedeuteten nichts weniger als den Bruch aller Zusagen gegenüber den Arabern, allen voran Hussein von Mekka. Bis zum Kriegsende war London natürlich an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert. Noch im Januar 1918 hatte die britische Regierung, gemeinsam mit der französischen, eine Deklaration über die "Befreiungsmission" verfasst, die den "von den Türken unterdrückten Völkern" die Souveränität nach dem "Sieg über den gemeinsamen Feind" verhieß. Letzteres erfolgte wohl notgedrungen: Im gleichen Monat hatte US-Präsident Woodrow Wilson seinen 14-Punkte-Plan verkündet, der allen Völkern der Erde das Recht auf Selbstbestimmung zusprach, von London und Paris aber als Fehdehandschuh eines weiteren Mitbewerbers um die Neuordnung der Region mit ihren vermuteten reichen Erdölschätzen interpretiert wurde.

Letztlich sorgte die Oktoberrevolution in Russland 1917 für die Aufdeckung der britisch-französischen Geheimpläne. In ihrem Bestreben, die "verbrecherischen" Pläne des gestürzten Zaren und seiner "imperialistischen Helfershelfer" zu enthüllen, öffneten die Bolschewiken die geheimen Staatsarchive. Im Januar 1918 kam so auch eine Kopie des Sykes-Picot-Abkommens ans Tageslicht; die Fiktion der "Befreiungsmission" war nicht länger aufrechtzuerhalten.

Staatsbildung im Schatten des Verrats

Nachrichten verbreiteten sich bekanntlich vor einem Jahrhundert ungleich langsamer als in der Gegenwart. Als Faisal, der Sohn des Scherifen Hussein, Anfang Oktober 1918 an der Spitze der mit der britischen Orientarmee unter General Allenby verbündeten arabischen Truppen in Damaskus einmarschierte, waren ihm über das Sykes-Picot-Abkommen allenfalls Gerüchte zu Ohren gekommen. Deshalb schickte er sich umgehend an, die syrische Metropole zur Hauptstadt des nun zu errichtenden arabischen Reiches zu machen. Am 5. Oktober 1918 ernannte er einen "Direktorenrat", quasi eine provisorische Regierung. Gemäß der Bestimmungen des Sykes-Picot-Abkommens, die Syrien Frankreich zugesprochen hatten, begann am 22. Oktober 1918 der britische Rückzug aus Syrien und der Ersatz durch französische Truppen, der am 1. November 1919 abgeschlossen war. Jetzt konnten Faisal und die arabische Nationalbewegung nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die britischen Verbündeten offensichtlich nicht gedachten, den während des Krieges eingegangenen Vertrag einzuhalten. Vielmehr deutete sich die Ablösung der osmanischen Herrschaft durch eine neue, europäisch-westliche an. Nicht nur in Syrien, sondern auch in anderen arabischen Regionen von Irak im Osten über Ägypten im Zentrum bis Marokko im Westen erhoben sich daraufhin die Bewohner gegen die Ausweitung und Vertiefung der kolonialen Unterdrückung. Britische und französische Truppen konnten die heftigen Aufstände in ihren jeweiligen Einflussgebieten zwar blutig niederschlagen, aber der Westen hatte das in ihn gesetzte Vertrauen endgültig verspielt.

Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916Britisch-Französische Interessengebietsaufteilung 1916 (© www.passia.org – Mahmoud Abu Rumieleh)
Unter dem Eindruck der revolutionären Nachkriegsunruhen in Europa und im Nahen Osten, Lenins Machtübernahme in Russland sowie der Offerten von US-Präsident Wilson an antikoloniale Bewegungen veränderten London und Paris die Form ihrer Kolonialherrschaft. Am 20. April 1920 ließen sie sich in San Remo seitens des von ihnen dominierten Völkerbunds "Mandate" über die begehrten Gebiete erteilen, um sie auf die Unabhängigkeit "vorzubereiten". In leichter Abänderung des Sykes-Picot-Abkommens erfolgte nun eine Aufteilung Syriens in Palästina, Libanon und "Rest-Syrien", wobei die beiden letztgenannten Regionen unter französisches, Palästina – ebenso wie der östliche Nachbar Irak – unter britisches Mandat fielen. In diesem Gefüge war für Faisal zunächst kein Platz mehr. Am 28. Juli 1920 unterlag er südlich von Damaskus französischen Truppen und floh ins italienische Exil. Doch am 21. August 1921 ernannten ihn seine ehemaligen britischen Verbündeten zum König des Irak. Fast gleichzeitig bestätigten sie auch die Herrschaft seines Bruders Abdullah über Transjordanien. Ihr Vater, Scherif Hussein, musste hingegen 1924 vor Ibn Sa‘ud, dem Begründer des modernen Saudi-Arabien, kapitulieren. Letztlich war die Inthronisierung Faisals symptomatisch für die europäische Kolonialstrategie. In der Regel sicherte das Mandatssystem das nahezu uneingeschränkte Wirken eines Hochkommissars im jeweiligen Mandatsgebiet. Wurde der Widerstand der Einheimischen aber zu groß und standen hinreichend verlässliche Bündnispartner im Mandat zur Verfügung, wählten Großbritannien und Frankreich in der Folgezeit einen indirekteren Weg der Herrschaftssicherung durch die Einrichtung von Marionettenregimen. So erreichten Staaten wie etwa Ägypten oder Irak die formale Unabhängigkeit schon vor dem Zweiten Weltkrieg, die faktische aber – wie die meisten anderen Staaten des Nahen Ostens auch – erst weit danach.

Islamismus oder Nationalismus

Die Einbrüche westlicher Mächte in den Nahen Osten riefen bei zeitgenössischen islamischen Denkern heftige Reaktionen hervor. Das Osmanische Reich hatte ihnen viele Jahrhunderte lang auch als sichere Bastion der Überlegenheit ihres Glaubens gegolten. Wie hatte es im 19. Jahrhundert gegenüber dem Westen wirtschaftlich, technisch, militärisch und wissenschaftlich so offensichtlich ins Hintertreffen geraten können? Zahlreiche Gelehrte erklärten diese Entwicklung mit der Abkehr der Gläubigen von den Wurzeln des Islam und der Übernahme islamfremder Elemente aus anderen Ideologien und Systemen. Diese Schlussfolgerung war im Grunde nicht neu. Entsprechende Mahnungen hatte es in allen Jahrhunderten seit Bestehen des Islam gegeben. Organisatorische Dichte erreichten sie im ausgehenden 18. Jahrhundert mit dem Wahhabismus und im beginnenden 19. Jahrhundert mit der 1837 von Mohammed as-Senussi gegründeten gleichnamigen Bruderschaft, die seitdem den Islam in Libyen prägt. Beide Bewegungen forderten eine Rückkehr zur Praktizierung des Islam wie in Zeiten der "frommen Altvorderen" (arab.: as-salaf as-salih), also der Zeitgenossen des Propheten und der ersten vier Kalifen. Der heutige Begriff des Salafismus geht auf diesen Ursprung zurück (siehe auch S. 16 ff.).

Gelehrte wie Gamal ad-Din al-Afghani (1838/9-1897) und Mohammed Abduh (1849-1905) bauten auf diesen Vorstellungen auf. Sie revolutionierten sie aber gleichzeitig, indem sie verkündeten, dass der Traditionalismus, die ständige unkritische Wiederholung und Nachahmung des Gewohnten, das eigentliche Übel sei und die Muslime zurückgeworfen habe. Es gehe nun um die vernunftgesteuerte Neuinterpretation der heiligen Texte. Während die Reformer des frühen 20. Jahrhunderts also die überlieferten Quellen durch rationale Neuinterpretation zu beleben suchten, beharrten die Salafisten auf ihrer wortwörtlichen Umsetzung. An der Schnittstelle des Reformislam und des ultra-konservativen Salafismus wirkte Raschid Rida (1865-1935). Durch seine direkten Erfahrungen mit dem westlichen Kolonialismus kam er zu dem Schluss, dass nur ein islamisches politisches System in der Lage sei, die Probleme der Muslime zu lösen. Mit dieser These ebnete er den Weg zum "politischen Islam" oder Islamismus. Inspiriert von Rida kamen immer mehr islamische Aktivisten zu der Überzeugung, dass die politischen Aspekte ihrer Religion gegenüber den spirituellen zu stärken seien. Die Errichtung einer "gerechten islamischen Ordnung" sei keine ferne Vision, sondern Auftrag für das Hier und Jetzt. Diese Erkenntnis, verbunden mit Alltagserfahrungen des britischen Kolonialismus, leitete auch den ägyptischen Grundschullehrer Hassan al-Banna, als er 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft gründete.

Trotz der starken antiwestlichen und antikolonialistischen Ausrichtung des Islamismus war es der arabische Nationalismus, der in den kommenden Jahrzehnten den ideologischen Rahmen des antikolonialen Kampfes stellte. Das ergab sich hauptsächlich aus der Tatsache, dass die Kolonialmächte – in der Regel außerordentlich willkürliche – Grenzen neuer Territorialstaaten in der arabischen "Erbmasse" des Osmanischen Reiches gezogen hatten. Diese Grenzen bewirkten, dass Unabhängigkeit zunächst immer nur für das konkrete Mandat, Protektorat oder anderweitig abhängige Gebiet erzielt werden konnte. Obwohl die panarabische Vision eines gemeinsamen souveränen arabischen Staates weiterbestand, entwickelte sich aus dieser Konstellation der ägyptische, syrische oder algerische Nationalismus. Gleichzeitig entstanden lokale Eliten, die in Kollaboration mit den Kolonialmächten eigene Machtpositionen aufbauten, die sie nicht mehr zugunsten des Panarabismus aufgeben wollten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich zwischen den Weltkriegen zwei neue grundlegende Weichenstellungen in der arabischen Welt herausbildeten. Erstens avancierte der Westen in Gestalt seiner prominenten Kolonialmächte zum Hauptgegner. Zweitens fand der Kampf der arabischen Nationalbewegung – ungeachtet aller gegenteiligen Beteuerungen – nicht mehr in einem gesamt-, das heißt panarabischen Kontext, sondern im Rahmen der von eben jenen Kolonialmächten gezogenen nationalstaatlichen Grenzen statt.

Quellentext

Ein libyscher Nationalheld

Im Jahre 1843 musste ein frommer Mann die allen Muslimen heilige Stadt Mekka verlassen: Muhammad Ibn Ali al Senussi begab sich nach Westen und ließ sich mit einigen Getreuen in der Libyschen Wüste, in dem Ort Dschagbub,
nieder. Aus Mekka hatte man ihn vertrieben, weil er sechs Jahre zuvor eine religiöse Bruderschaft gegründet hatte, die bald den Namen Senussija erhielt. In Mekka war man – daran hat sich bis heute nichts geändert – unter dem Einfluss der strengen wahhabitischen Bewegung gegenüber den Sufi-Bruderschaften feindselig eingestellt. Doch auch Rivalitäten mit anderen Gelehrten mögen den Sufi zum Verlassen Mekkas veranlasst haben.

Senussi, 1787 geboren, war ein Schüler eines bekannten marokkanischen Mystikers mit Namen Ahmad Ibn Idris, den er ebenfalls in Mekka kennengelernt hatte. Muhammad al Senussi gelang es von Libyen aus, Keimzellen seines Senussi-Ordens aufzubauen, die bis nach Timbuktu am Niger-Bogen reichten; doch Schwerpunkt dieser islamischen Bruderschaft wurde das Gebiet zwischen Zentrallibyen und der Halbinsel Cyrenaika. Als der Sufi-Meister im Jahre 1859 starb, nannte man ihn schon den „Groß-Senussi“. Er hatte eine machtvolle spirituelle Bewegung geschaffen, hätte sich jedoch niemals träumen lassen, dass diese einmal die Keimzelle zur Gründung eines Staates werden würde.

Libyen, die drei großen Regionen Tripolitanien (Tripolis), Cyrenaika (Benghasi) und der Fezzan mit Orten wie Murzuq, Ghat, Ghadames und Sebha, gehörte damals noch zum Osmanischen Reich. Dessen Herrschaft war freilich recht locker. Und das Verhältnis des Senussi-Ordens zum Sultan in Konstantinopel war unter den Nachfolgern des Ordensgründers ambivalent. Einerseits wandte man sich gegen die Türken, obschon sie Muslime waren, andererseits boten die Türken auch Schutz gegen die Aspirationen auswärtiger Mächte. In der Nachbarschaft war Algerien bereits seit 1831 französisch, Tunis war es seit 1881. In Ägypten hatten sich 1882 die Briten festgesetzt. Immer stärker versuchten die Italiener von Norden her, ebenfalls einen kolonialen Anteil in Nordafrika zu erlangen. Der Widerstand dagegen kam hauptsächlich von den Senussi, zu deren Zentrum mehr und mehr die Kufra-Oasen, eineinhalbtausend Kilometer tief in der Wüste gelegen, aber auch die Halbinsel Cyrenaika mit ihrem städtischen Zentrum Benghasi wurde.

Im Jahre 1911 kam es zum Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und Italien. Der Sultan Mehmed V. Res¸ad hatte einen jungen Offizier nach Tripolitanien und in die Cyrenaika entsandt, der helfen sollte, den Widerstand gegen die italienischen Kolonisatoren zu organisieren. Dieser Mustafa Kemal, in Saloniki geboren und in Istanbul zum Offizier ausgebildet, sollte bald – im Ersten Weltkrieg und danach unter dem Namen Kemal Atatürk als Gründer der Türkischen Republik – weltbekannt werden. Kemal hatte damals schon mit jenen Kalifatsideen, die das Türkische Reich trugen, innerlich gebrochen, doch war er in Libyen immerhin als osmanischer Patriot und als Untertan des Padischah loyal tätig.

Nach der Niederlage der Türken im Krieg von 1911 besetzten die Italiener Tripolitanien und die Cyrenaika. Daraufhin entfesselten die Libyer einen Guerilla-Krieg, der Jahrzehnte dauerte. Ihr charismatischer Anführer war Omar al Muchtar, ein Korangelehrter, der die Truppen der Kolonialherren in Hunderte blutiger Gefechte verstrickte. Zentrum des Widerstandes war der Dschebel al Achdar, der Grüne Berg, in der Cyrenaika. Immer wieder konnte sich der populäre Guerilla-Führer seiner Gefangennahme entziehen, erst 1931 gelang es den Italienern, seiner habhaft zu werden. Am 16. September desselben Jahres wurde Omar al Muchtar, schon über siebzig Jahre alt, in Benghasi hingerichtet. Der Widerstand dauerte jedoch fort. Erst nachdem die Italiener 1935 das Zentrum der Senussi, die Kufra-Oasen, erobert hatten, war ihre Macht über das Land einigermaßen gefestigt. [...]

Im Zweiten Weltkrieg wurde Libyen Schauplatz der Kämpfe zwischen Deutschen, Italienern und den Briten. Namen wie Benghasi, Tobruk, die Kufra-Oasen waren im Zusammenhang mit den Schlachten Erwin Rommels in aller Munde. Knapp hinter der libyschen Grenze, in El Alamein auf ägyptischem Boden, wurde Rommels Vormarsch nach Alexandria und Kairo 1942 gestoppt. Nach dem Krieg galt Libyen dann als Treuhandmandat der Briten, bis das Land im Jahre 1951 unabhängig wurde. Bis zum Umsturz Gaddafis und seiner Freien Offiziere im Jahre 1969 herrschte König Idris I., der ebenfalls dem Orden der Senussi entstammte, ein Greis, der milde regierte und nach seiner Absetzung ins Exil in die Türkei ging.

Omar al Muchtar gilt in Libyen als Nationalheld. [...]

Wolfgang Günter Lerch, "Die Söhne des Senussi", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Februar 2011

Antizionismus als Identitätsfaktor?

Die Balfour-Deklaration von 1917 markierte einen großen Erfolg für die 1897 in Basel gegründete "Zionistische Weltorganisation". Ihre Bestrebungen, internationale Unterstützung für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu finden, waren lange wirkungslos geblieben: Politisch gehörte das spätere Mandatsgebiet Palästina 1917 noch zum Osmanischen Reich, das dem zionistischen Ansinnen ablehnend gegenüberstand. In den europäischen Hauptstädten stieß der Zionismus bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ebenfalls nur auf geringes Interesse; nicht zuletzt deshalb, weil er zwar bei den unter Pogromen leidenden Juden Osteuropas und Russlands einen gewissen Widerhall fand, ihm aber die jüdische Bevölkerung Mittel- und Westeuropas eher Desinteresse entgegenbrachte.

Das Eingehen der britischen Regierung auf die Ziele der "Zionistischen Weltorganisation" lässt sich im Wesentlichen auf zwei Gründe zurückführen. Zum Ersten verstärkte die ungünstige Kriegsentwicklung schon seit 1916 die Anstrengungen der britischen Regierung, die USA zu einem Kriegseintritt auf Seiten der Entente zu bewegen. Die starke jüdische Gemeinde in den USA sollte durch die Balfour-Deklaration veranlasst werden, einen positiven politischen Einfluss auf den Entscheidungsfindungsprozess in den USA auszuüben. Zum Zweiten bekam der Nahe Osten als potenzielle Brücke zwischen den Besitzungen des Empires bis nach Indien und als Erdöllagerstätte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts einen stetig wachsenden strategischen Stellenwert. Nicht von ungefähr hatte man sich bereits ein Jahr zuvor mit Frankreich über die Aufteilung des Nahen Ostens nach dem Sieg über die Osmanen geeinigt (Sykes-Picot-Abkommen). In diesem Kontext konnte die zionistische Bewegung die Rolle eines "natürlichen Verbündeten" bei der Durchsetzung britischer Interessen in der zukünftigen Einflusszone spielen. Die arabisch-muslimische Mehrheitsbevölkerung im britischen Mandatsgebiet Palästina befürchtete deshalb von Beginn an eine einseitige Bevorzugung der jüdischen Mitbewohner. Seit Ende der 1920er-Jahre verstärkten vor allem zwei Entwicklungen diesen Eindruck:

Erstens hatte die Mandatsverwaltung ehemalige osmanische Staatsländereien großzügig an jüdische Siedler verteilt bzw. preisgünstig verkauft. Das frei verfügbare Ackerland wurde knapp, die Bodenpreise stiegen, was zahlreiche arabische Grundbesitzer ihrerseits zum Verkauf an jüdische Siedler veranlasste und damit das Angebot an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche für arabische Kleinbauern und -pächter verringerte.

Zweitens stiegen die jüdischen Einwanderungszahlen infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland. Zwischen 1933 und 1939 wanderten offiziell 176 000 Juden nach Palästina ein, davon 50 000 allein aus Deutschland. Infolgedessen verschob sich die Zusammensetzung der Bevölkerung im Mandatsgebiet weiter zu Ungunsten der Araber. Wenn ihr Anteil 1922 noch bei 90 Prozent gelegen hatte, so war er bis 1936 auf 70 Prozent abgesunken.

Der Großmufti (oberster islamischer Rechtsgelehrter) von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, entwickelte sich in diesen Jahren zum radikalsten antizionistischen Führer in Palästina. Indem er den Konflikt zwischen Juden und Arabern als religiösen Kampf darstellte, schuf er eine für die Zwischenkriegszeit eher ungewöhnliche Liaison zwischen Islamisten und Nationalisten. Bereits in den 1920er-Jahren kam es zu ersten blutigen Ausschreitungen. Übergriffe auf jüdische Siedlungen, auf zivile und militärische Einrichtungen der Briten nahmen zu. Im November 1935 forderte al-Husseini die britische Mandatsmacht auf, sowohl die weitere jüdische Einwanderung als auch den Landverkauf an jüdische Siedler zu verbieten. Mitte April 1936 fügte er die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit hinzu und rief am 19. April einen sechsmonatigen Generalstreik aus. Die Streikleitung übernahm ein am 25. April 1936 gegründetes "Arabisches Hochkomitee" unter al-Husseinis Führung. Aus dem Streik wurde ein Aufstand, arabische Freischärler verübten Anschläge gegen jüdische und britische Einrichtungen, britische Sicherheitskräfte und jüdische paramilitärische Verbände schlugen zurück. Am 30. Juli 1936 erklärten die Briten das Kriegsrecht. Aufständische wurden inhaftiert, teilweise hingerichtet, ihr Besitz beschlagnahmt oder zerstört.

Verschiedene Vermittlungsversuche scheiterten, Mitte 1937 eskalierte der Aufstand erneut. Im September 1937 verboten die Mandatsbehörden das "Arabische Hochkomitee", al-Husseini floh in den Libanon. Trotzdem hielten die Kämpfe an. Obwohl 20 000 zusätzliche britische Truppen und knapp 15 000 jüdische paramilitärische Kämpfer im Einsatz waren, dauerte es bis zum Herbst 1938, ehe die britische Kontrolle über das Mandatsgebiet weitgehend wiederhergestellt war.

Die britische Palästinapolitik im Allgemeinen und der "Arabische Aufstand" im Besonderen radikalisierten die gesamte arabische Unabhängigkeitsbewegung. In der Unterstützung der arabischen Palästinenser und der Ablehnung des zionistischen Staatsprojekts fand der sich gerade in verschiedenen Flaggen zeigende arabische Nationalismus einen gemeinsamen Nenner. Je konturloser das Projekt eines gemeinsamen arabischen Staates wurde, desto stärker entfaltete sich die Wirkung von Symbolen und Parolen: Allen voran stand der Antizionismus.

Arabische Liga und Gründung Israels

Kostengründe und begrenzte personelle Ressourcen hatten die britische Kolonialmacht schon seit dem Ende des Ersten Weltkrieges veranlasst, in vielen ihrer Einflussgebiete eine indirekte Herrschaft auszuüben, die ihre Macht kaum schmälerte, aber eine einheimische abhängige Elite als "Puffer" zur Bevölkerung installierte. Diese Elite war unmittelbar an der Fortdauer des externen Einflusses interessiert und stand deshalb auch für Szenarien einer formalen Unabhängigkeit zur Verfügung. Da die aufwändige Kriegführung während des Zweiten Weltkrieges die Kolonialmächte längerfristig geschwächt hatte, konzentrierten Großbritannien und Frankreich sich nach 1945 auf ihre wirtschaftlich und strategisch wichtigsten Kolonien, während das geschlagene Italien als nahöstliche Kolonialmacht (Libyen) gänzlich ausschied.

Die Arabische LigaDie Arabische Liga (© picture-alliance / dpa-Grafik 15 935)
So waren es bereits sechs formal selbstständige Staaten (Ägypten, Irak, Transjordanien, Libanon, Saudi-Arabien und Syrien), die am 22. März 1945 in Kairo die "Liga der Arabischen Staaten" oder auch "Arabische Liga" gründeten. Jemen trat im Mai 1945 bei. Gemäß ihrer Charta handelte es sich bei der Liga um einen Konsultations- und Nichtangriffspakt, der die einzelstaatliche Souveränität aller Mitglieder achtete und damit die Entwicklung der vergangenen beiden Jahrzehnte in Richtung auf eine arabische Staatenvielfalt verstetigte. Lediglich am Rande wurde auf das Fernziel verwiesen, einen gesamtarabischen Staat zu schaffen. Es war einmal mehr der Palästinakonflikt, der eine einigende Wirkung entfaltete, denn ein kaum verheimlichter Zweck der Ligagründung bestand darin, die Gründung eines Staates Israel auf dem Boden des britischen Mandatsgebiets Palästina zu verhindern.

Nachdem die Briten unmittelbar nach Kriegsende vergeblich versucht hatten, den USA das Mandat zu überantworten, delegierten sie es an die Vereinten Nationen (UN=United Nations), die 1945 entstandene Nachfolgeorganisation des Völkerbunds. Am 29. November 1947 nahm die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 einen Teilungsplan für Palästina an. Er teilte das Land in einen jüdischen und einen arabischen Staat auf. Der Großraum Jerusalem sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Die Mehrheit der jüdischen Bewohner akzeptierte den Plan, die arabischen Führer lehnten ihn vehement ab. Am 14. Mai 1948 schuf Israel mit seiner Staatsgründung unter Israels erstem Premierminister David Ben Gurion vollendete Tatsachen. Am Tag darauf erklärte die Arabische Liga dem neu gegründeten Staat den Krieg.

Der Erste Nahostkrieg begann unmittelbar danach mit dem Einmarsch ägyptischer, syrischer, jordanischer, libanesischer und irakischer Truppen in Israel. Ihr unkoordiniertes Handeln, ihr Interesse, die jeweils anderen an der Besetzung Palästinas und damit an Machtzuwachs zu hindern, sowie antiquierte militärische Strukturen ließen den Angriff jedoch schnell versanden. Am 1. Juni 1948 trat ein auf Druck der UN vereinbarter Waffenstillstand in Kraft. Die Atempause nutzte insbesondere Israel, um sich für eine weitere Kriegsphase besser vorzubereiten. Schon in den Anfangstagen des Krieges hatte sich gezeigt, dass die israelischen Truppen besser ausgebildet und bewaffnet waren. Außerdem kam dem jungen Staat zugute, dass er trotz eines Waffenembargos der UNO mit Zustimmung der Sowjetunion Waffen aus osteuropäischen Beständen kaufen konnte. Zwischen Oktober 1948 und Januar 1949 führten mehrere israelische Offensiven zu einer katastrophalen Niederlage der arabischen Angreifer. Am 24. Februar 1949 schloss Ägypten einen Waffenstillstand, dem sich die anderen kriegführenden arabischen Staaten bis Juli anschlossen. So kontrollierte Israel am Ende des Krieges ein weitaus größeres Gebiet, als es durch den UN-Teilungsplan von 1947 zugesprochen bekommen hatte. Im Ergebnis der Waffenstillstandsverhandlungen und unter Vermittlung der UNO wurde die Westbank der Verwaltung Jordaniens und der Gazastreifen Ägypten unterstellt. Die arabische Seite erkannte die neuen Grenzen zwar nicht an, doch die USA, Frankreich und Großbritannien traten als Garantiemächte zugunsten Israels auf. Im kollektiven Gedächtnis der Kriegführenden blieb der Erste Nahostkrieg diametral unterschiedlich verankert. Während die arabische Welt Israels Staatsgründung, die Vertreibung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung und die Niederlage im Krieg als "Nakba", als Katastrophe wahrnahm, ist der Waffengang von 1948/49 in Israel als "Unabhängigkeitskrieg" tradiert (siehe auch S. 54 ff.).

Der Ausgang des Ersten Nahostkrieges schärfte das Profil der arabischen Unabhängigkeitsbewegung. Die als einseitige Parteinahme zugunsten Israels wahrgenommene Politik der Westmächte führte zu einer erneuten Zuspitzung des Kampfes gegen die Kolonialherrschaft Großbritanniens und Frankreichs. Das Versagen der einheimischen Eliten im Nahostkrieg rüttelte an deren Legitimität. Die Monarchen und Paschas wurden als unfähige Handlanger der Kolonialmächte und nunmehr auch Israels gebrandmarkt und folglich zu Feinden der Nationalbewegung erklärt.

Von der formalen zur realen Unabhängigkeit

Am 23. Juli 1952 stürzte eine Gruppe "Freier Offiziere" den probritischen König Faruq in Kairo und leitete damit eine neue Runde des arabischen Kampfes um nationale Unabhängigkeit ein. Auch in vielen anderen arabischen Ländern bildeten fortan Vertreter der unteren Mittelschichten, zumeist des Militärs, das Rückgrat der Befreiungsbewegung und aus ihr hervorgehender republikanischer Regime. Oberst Gamal Abdel Nasser, der Gründer der "Freien Offiziere" und neue "starke Mann" Ägyptens, erzwang 1954 den Rückzug britischer Truppen aus der Suezkanalzone und verstaatlichte am 26. Juli 1956 die von Großbritannien und Frankreich betriebene Suezkanalgesellschaft, das Symbol westlicher Beherrschung Ägyptens. Im verzweifelten Bestreben, die Einnahmen als Betreiber und die Kontrolle über den strategisch wertvollen Transportweg nicht zu verlieren, besetzten daraufhin französische und britische Truppen am 31. Oktober 1956 die Kanalzone. Bereits zwei Tage zuvor hatte Israel in Absprache mit London und Paris seinerseits einen Angriff gegen Ägypten begonnen (Suezkrise). Zwar eroberte Israel innerhalb weniger Tage die Sinaihalbinsel sowie den Gazastreifen, musste sich aber – genauso wie Großbritannien und Frankreich – nach Drohungen der Sowjetunion, zugunsten Ägyptens militärisch einzugreifen, sowie eines klaren Gegenvotums der USA und der UN wieder zurückziehen. So wandelte sich der militärische Anfangserfolg Israels und der europäischen Kolonialmächte in einen langfristigen politischen Erfolg Ägyptens, das die ehemalige Kolonialmacht aus dem Land drängen konnte und den Suezkanal unter seiner Kontrolle behielt. Fortan wurde die israelisch-ägyptische Grenze von bewaffneten UN-Friedenstruppen gesichert.

Nach 1948 hatte damit ein weiterer Nahostkrieg eine Zeitenwende in der Region markiert. Die "klassische" Kolonialepoche ging zu Ende, die neuen Kräfte in der Region waren die selbstbewusster gewordenen arabischen Nationalisten auf der einen sowie die Kontrahenten USA und Sowjetunion auf der anderen Seite. Fortan bestimmte der "Kalte Krieg" der beiden neuen Supermächte zu einem wesentlichen Teil die Geschicke des Nahen Ostens, er zwang die jeweiligen Regierungen zu einem "Balanceakt" zwischen den Fronten und in den meisten Fällen auch zu einer Parteinahme. Durch die Lagerbildung wurde der weitere Dekolonisierungsprozess stark beeinträchtigt. Schon 1955 war beispielsweise der Irak zum Kern eines antikommunistischen Militärbündnisses (Bagdad-Pakt: Großbritannien, Irak, Iran, Pakistan, und die Türkei sowie die USA als Beobachterin) auserkoren worden, während die Sowjetunion sich als Schutzpatron der arabischen Befreiungsbewegungen positionierte.

Obwohl die USA die Suezkrise, den Zweiten Nahostkrieg, durch ihr Votum zugunsten Ägyptens genutzt hatten, um ihre Weltkriegsalliierten Großbritannien und Frankreich im Nahen Osten als führende westliche Macht abzulösen, brachte die Suezkrise auch eine veränderte Sichtweise der US-Administration auf die nahöstliche Konfliktlage mit sich. Hinter dem Bestreben nach nationaler Unabhängigkeit wurde allzu oft der "lange Arm Moskaus" vermutet, was den politischen Spielraum der USA erheblich einschränkte und viele der arabischen Führer geradezu auf die Seite des Ostblocks trieb. Als besonders signifikant gilt in diesem Zusammenhang die "Eisenhower-Doktrin". Der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower (reg. 1953-1961) hatte am 5. Januar 1957 in ihr erklärt, dass sein Land an jedem Ort und mit allen Mitteln (also auch Nuklearwaffen) prowestliche Regime vor kommunistischer Unterwanderung oder einer Bedrohung durch die Sowjetunion schützen werde. Die Doktrin wurde zweimal ausdrücklich angewendet: im April 1957, als eine US-Flotte den jordanischen König Hussein I. vor der Opposition schützte, und in der Libanonkrise 1958, als US-Truppen den Sturz des prowestlichen christlichen Staatspräsidenten Camille Chamoun verhinderten. Die aggressive und damit kontraproduktive Wirkung seiner Doktrin veranlasste Eisenhower jedoch 1959, anlässlich eines USA-Besuchs des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita S. Chruschtschow, der Koexistenz beider Machtblöcke den Vorzug zu geben. In sich verändernder Form begleitete der Kalte Krieg die Entwicklung im Nahen Osten aber bis zu seinem Ende zu Beginn der 1990er-Jahre (siehe auch S. 58 ff.).

Vom ägyptischen Erfolg beflügelt, erreichte die arabische Nationalbewegung im folgenden Jahrzehnt den Durchbruch bei der Erlangung vollständiger Souveränität. Am 14. Juli 1958 folgten irakische "Freie Offiziere" dem Beispiel ihrer ägyptischen Vorbilder, stürzten die probritische Monarchie, proklamierten die Republik und wiesen britische Militärs aus. In Nordafrika hatte Libyen schon 1951 die Unabhängigkeit erreicht, 1956 waren Tunesien und Marokko gefolgt. In Algerien tobte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon seit zwei Jahren einer der längsten und blutigsten Kolonialkriege im arabischen Raum. Frankreich hatte Algerien als Siedlungskolonie, letztlich als Teil des "Mutterlandes" betrachtet. Erst 1962 konnte es seine Souveränität erringen. Auf der Arabischen Halbinsel war Saudi-Arabien seit seiner Gründung 1932 souverän gewesen, von den dortigen britischen Domänen machte Kuwait 1961 den Anfang. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Arabischen Emirate am 2. Dezember 1971 setzte schließlich den generellen Schlusspunkt unter das Kapitel europäischer Kolonialgeschichte im Nahen Osten.

Quellentext

Ägyptens "Gloria" unter Nasser

Gamal Abdel Nasser (1918-1970) gilt als populärster arabischer Politiker des 20. Jahrhunderts. Zwar verhalfen ihm auch Glück und politisches Geschick zu diesem Ansehen, aber es bedurfte noch anderer Faktoren, um diesen Aufstieg zu begründen. Dazu zählen nicht zuletzt biografische Merkmale, die ihn zu einem "Archetypus" des arabischen Nationalisten im 20. Jahrhundert machten.

Nasser stammte aus einfachen Verhältnissen: Sein Vater war Postbeamter. Eine gediegene Bildung ermöglichte ihm erst der Eintritt in die Kairoer Militärakademie 1937. Hier fand er rasch Gleichgesinnte: junge Männer aus der unteren Mittelschicht, deren Frustration durch demütigende Erfahrungen mit der britischen Kolonialmacht stetig zunahm. Der gemeinsame Kampf gegen die Kolonialherrschaft wurde deshalb 1939 zum wichtigsten Motiv für die Gründung der Geheimorganisation der "Freien Offiziere". Zunächst wenig mehr als ein Dutzend Mitglieder umfassend, versuchte die Organisation während des Weltkriegs, ihren Einfluss in der Armee auszubauen und Konzepte für ein zukünftiges unabhängiges Ägypten zu entwerfen. Prominente Militärs und Politiker wie der spätere Feldmarschall Abd al-Hakim Amer oder der zukünftige Präsident Anwar as-Sadat gehörten neben Nasser zu ihren Gründern.

1948 nahm Nasser als Hauptmann am Ersten Nahostkrieg teil und erlebte hier unmittelbar das politische und militärische Versagen der bisherigen Führungselite seines Landes. Fortan ergänzte er die Liste seiner politischen Ziele um die Beseitigung der ägyptischen Monarchie, die er im festen Bündnis mit Großbritannien sah. Am 23. Juli 1952 stürzten die „Freien Offiziere“ die Monarchie und riefen am 18. Juni 1953 die Republik aus, deren Präsident Nasser 1954 wurde. Erst nach diesem Erfolg weitete er seinen ägyptischen Nationalismus zum Panarabismus, dem Streben nach einem arabischen Einheitsstaat, aus. Im Gegensatz zu anderen panarabischen Modellen sah er allerdings Ägypten als Zentrum dieses Einheitsstaates. Voller Selbstbewusstsein gründete er mit Josip Broz Tito aus Jugoslawien, Jawaharlal Nehru aus Indien und Gastgeber Ahmad Sukarno – 1955 im indonesischen Bandung – die Organisation blockfreier Staaten.

Nassers Stern als arabischer Führer ging jedoch erst danach auf. Nach der Verstaatlichung der Suezkanalgesellschaft im Juli 1956 und der darauf folgenden Intervention Großbritanniens, Frankreichs und Israels im Oktober (Zweiter Nahostkrieg) griffen schließlich die UN sowie die Supermächte USA und Sowjetunion zugunsten Ägyptens ein. Über Nacht galt Nasser als arabischer Staatsmann, der den bis dahin als unüberwindlich geltenden Kolonialmächten nicht nur die Stirn zu bieten wagte, sondern sich auch gegen sie durchsetzte. Seine Popularitätskurve in der arabischen Welt stieg rasant. Sehr zum Missvergnügen örtlicher Politiker waren es fortan Nasser-Porträts und Nasser-Losungen, die die antikolonialen Massendemonstrationen in den arabischen Ländern beherrschten. Unausgesprochen galten Umstürze nun erst dann als legitim, wenn Nasser sie gebilligt hatte. Es verstand sich von selbst, dass alle wichtigen internationalen arabischen Institutionen, wenn schon nicht in Kairo beheimatet, dann aber von Kairo aus kontrolliert wurden.

Der Zusammenschluss Ägyptens mit Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) am 1. Februar 1958, der sich ab 8. März 1958 auch Jemen in Konföderation anschloss, kann wohl als Höhepunkt des panarabischen Wirkens Nassers gelten. Gleichzeitig war dem ägyptischen Präsidenten in der Sowjetunion ein mächtiger äußerer Verbündeter entstanden. In Verkennung der tatsächlichen Ziele Nassers hatten es die zunächst angefragten USA abgelehnt, dessen ehrgeizige wirtschaftliche Entwicklungspläne zu unterstützen. Der Logik des Kalten Krieges folgend wandte sich Nasser daraufhin an die Sowjetunion, die die zugedachte Rolle bereitwillig übernahm. Moskau unterstützte nicht nur den Bau des Assuan-Staudamms, sondern leistete auch umfangreiche wirtschaftliche und militärische Hilfe.

Paradoxerweise markierte die VAR sowohl den Höhe- als auch den Wendepunkt in der politischen Karriere Nassers. Am 28. September 1961 brach sie insbesondere deshalb auseinander, weil eine arabische Einheit in Nassers Lesart vor allem ägyptische Dominanz bedeutete, die die syrische, mit Abstrichen auch die jemenitische Bevölkerung nicht bereit war hinzunehmen. Mit dem Scheitern der VAR erhielt Nassers Ansehen erste "Kratzer". Es erlitt weitere Einbußen durch seine glücklose militärische Intervention im jemenitischen Bürgerkrieg ab 1962, erlosch aber erst wirklich mit der verheerenden militärischen Niederlage Ägyptens und seiner Verbündeten im Sechstagekrieg mit Israel im Juni 1967 (Dritter Nahostkrieg). Die mit dem Panarabismus verflochtenen Hoffnungen waren über Nacht zerstoben, Nasser verwaltete die Niederlage lediglich noch bis zu seinem Tod durch Herzversagen am 28. September 1970.

Henner Fürtig

Erdöl als historischer "Wirkstoff"

OPEC - Organisation der Erdöl exportierenden LänderOPEC - Organisation der Erdöl exportierenden Länder (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 647 610)
Die frühen 1970er-Jahre markierten auch das Ende eines weiteren Abhängigkeitsverhältnisses, das die Geschicke der Region seit Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt hatte: die Unterdrückung und Ausbeutung der Förderländer durch ausländische Erdölkonzerne.

Nachdem 1908 in Südwestpersien (heute Iran) die ersten Erdölvorkommen im Nahen Osten gefunden worden waren, hatte ein internationaler Wettlauf um ihre Kontrolle eingesetzt. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegskrise unterbrachen den Wettlauf kurzzeitig, ehe er Ende der 1920er-Jahre mit erneuter Heftigkeit ausbrach. Letztlich festigte aber erst die Entdeckung gewaltiger Erdölfelder auf der Arabischen Halbinsel kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Stellenwert der Region als ertragreichster Fundort des wichtigsten Einzelrohstoffs des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die wichtigsten internationalen Erdölunternehmen die Fördergebiete untereinander auf. Die politischen Machtverhältnisse widerspiegelnd, gaben dabei zunächst britische, später US-amerikanische Unternehmen den Ton an, aber Dauerrivalität herrschte auch mit französischen, niederländischen und italienischen Konkurrenten. Einigkeit bestand lediglich in einem Punkt: den Herkunftsländern die Verfügungsgewalt über ihre wertvollste Ressource zu verweigern. Beispielhaft dafür steht der Versuch des iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh, 1951 die Erdölproduktion seines Landes zu verstaatlichen. Die westlichen Erdölunternehmen setzen daraufhin bei ihren Regierungen einen nahezu lückenlosen Boykott iranischen Erdöls durch. Mossadegh wurde schließlich im August 1953 durch einen von der CIA mitorganisierten Putsch gestürzt. Das sicherte den Ölfluss zu den gleichen Bedingungen wie vorher, und den USA gelang es gleichzeitig, die Monopolkontrolle der Briten über das Öl zu brechen.

Vor diesem Hintergrund gestaltete es sich für die Förderländer außerordentlich mühselig, den westlichen Erdölmultis nach und nach Zugeständnisse abzutrotzen und die eigenen Gewinnmargen schrittweise zu erhöhen. Die Gründung der Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC=Organization of the Petroleum Exporting Countries), der auch nahezu alle Nahostländer angehören (Irak, Iran, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate (VAE)), markierte 1960 einen wichtigen Zwischenerfolg, weil sie die Verhandlungsmacht der Förderländer gegenüber dem Westen erheblich stärkte. Es sollte allerdings noch ein gutes Jahrzehnt dauern, bis alle namhaften Förderländer die uneingeschränkte Verfügungsgewalt über ihre Erdöl- und Erdgasressourcen erlangt hatten. Damit übernahmen sie allerdings auch die mit Kosten verbundene Aufgabe, die nunmehr veralteten Erdölförderanlagen nachzurüsten. Mitte der 1970er-Jahre war somit die politische wie auch die wirtschaftliche Souveränität der nahöstlichen Staaten erreicht.

Quellentext

Überraschend lebensfähig: die Vereinigten Arabischen Emirate

Als sich am 2. Dezember 1971 die Scheiche von sechs kleinen Emiraten [Abu Dhabi, Dubai, Sharjah, Ajman, Umm al Qaiwain und Fujairah] zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammenschlossen, gaben nur wenige dem neuen Staat eine Überlebenschance. Kaum jemand kannte die kleinen Staaten an der Peripherie der arabischen Welt. [...]

Der Beschluss der britischen Labour-Regierung von 1968, sich innerhalb von drei Jahren aus allen abhängigen Territorien "östlich von Suez" zurückzuziehen, hatte die armen Emirate in die Unabhängigkeit gestoßen. Die Hoffnung auf Erdöl erleichterte ihnen den Zusammenschluss. Seit 1963 exportierte Abu Dhabi Erdöl. Noch lange aber sprudelten die Öleinnahmen nicht reichlich. Als die sechs Scheiche den Staatsvertrag unterschrieben, waren nicht einmal die beiden wichtigsten Städte Abu Dhabi und Dubai mit einer geteerten Straße verbunden. Binnen drei Jahren hatten sie die Grundlagen eines funktionsfähigen Staats zu legen. Bis zum britischen Abzug musstensie eine Verfassung schreiben, sich Institutionen geben. Sie mussten die Beziehungen untereinander nun ohne Einflussnahme von außen regeln und sich selbst verteidigen. [...]

Die Gründer der Vereinigten Arabischen Emirate bauten ihren Staat ohne [die] Last der Ideologien und Geschichte auf. Kaum eine Generation später war ihr neuer Staat zum Vorbild geworden. Rasch zog er die Besten aus dem zunehmend erfolglosen alten Arabien an. [...]. Zwei Faktoren haben ermöglicht, dass mit dem neuen Staat ein Vorbild für ein neues, ein positives Arabien entstehen konnte.
Zum einen war es dem legendären Verhandlungsgeschick von Scheich Zayed Bin Sultan Al Nahyan (1918-2004) zu verdanken, dass die Emirate, die einander über Jahrhunderte meist befehdet hatten, in die Föderation einwilligten und an dieser auch festhielten. Mit seinem sicheren beduinischen Instinkt hatte Scheich Zayed, der seit 1966 Emir von Abu Dhabi war und 1971 Gründungspräsident der Föderation wurde, auch in schwierigen Situationen stets einen Konsens herbeigeführt. Zudem sorgte er dafür, dass der neue Reichtum alle erreichte. Während Saddam Hussein und Gaddafi den Ölreichtum ihrer Länder verprassten, waren gute Regierungsführung und Gerechtigkeit von Beginn an Kennzeichen der Vereinigten Arabischen Emirate.

Zum anderen erweiterte Dubai die Freiheiten des Einzelnen, und es nutzte mit seiner Lage in der geographischen Mitte der Welt die beginnende Globalisierung als Chance. Noch heute bieten wenige andere Orte in der arabischen Welt diesen Grad an persönlicher Freiheit. In Dubai ist nicht der Islam radikal, sondern der Kapitalismus. Nahezu alles ist möglich, auch die Krise. Jene des Jahres 2009 wurde nicht als göttliche Strafe für Übermut gesehen, sondern als Lehre, sich als rohstoffarmes Emirat nun auf die Kernkompetenzen Logistik und Handel zu konzentrieren. Dubai wächst wieder, wenn auch weniger geschwind als in der Vergangenheit.

Die Krise, aus der das reiche Abu Dhabi das ärmere Dubai gerettet hat, führte beide enger zusammen. Mental reiben sie sich aber weiter. Aus Dubai kamen stets die Ideen, wie man internationale Unternehmen anzieht und das Interesse der Welt weckt. Seine Einwohner sind seit 200 Jahren Fernhändler und Seefahrer. Sie haben mit Risiko umzugehen gelernt, hatten als Erste am Golf die Welt zwischen Sansibar und Indien kennengelernt. Mit seinen Freizonen schuf Dubai einen rechtlichen Rahmen, der Abertausende Unternehmen aus aller Welt anzog, die von hier aus einen Markt von mehreren Milliarden Menschen bearbeiten. Die Freizonen sind aufeinander abgestimmt, so dass Synergieeffekte entstehen. Die Seehäfen und Flughäfen, die bereits zu den größten der Welt zählen, sind Knotenpunkte des Welthandels.

[...] Der niederländische Architekt Rem Koolhaas brachte das Erfolgsmodell Dubais auf die Formel: "Für einen Iraner ist Dubai Freiheit, für einen Inder eine Geschäftsmöglichkeit, für einen Araber die Hoffnung, dass arabische Modernität funktioniert." Europäer und Amerikaner erwähnte er nicht.

Abu Dhabi ist ungleich konservativer. Seine Einwohner sind noch immer stark dem Verhalten der Beduinen verhaftet, die mit viel Geschick und Vorsicht in der lebensfeindlichen Wüste ihr tägliches Überleben zu sichern hatten. Vor einem halben Jahrhundert lebten in Abu Dhabi erst 4000 Menschen, weit mehr lebten in der Wüste und in den Oasen. Nach dem Tod von Scheich Zayed im Jahr 2004, der wie kein anderer die beduinischen Tugenden verkörperte, der sich von der Wüste inspirieren ließ und nicht von Beratern, zählt die Geschwindigkeit aber auch in Abu Dhabi. Wofür Dubai einige Jahrzehnte gebraucht hat, das will Abu Dhabi in wenigen Jahren erreichen: eine moderne Stadt mit weltweiter Ausstrahlung zu sein. Anders als Dubai will Abu Dhabi aber auch eine breite industrielle Basis schaffen und ein reiches kulturelles Angebot. Das Erdöl, von dem Abu Dhabi fast ein Zehntel aller bekannten Vorkommen besitzt, soll es ermöglichen.

[...] Ganz frei von Krisen sind die Vereinigten Arabischen Emirate am 40. Jahrestag ihrer Gründung [...] nicht. Dennoch sind sie eine der wenigen Erfolgsgeschichten, die die moderne arabische Welt kennt.

Rainer Hermann, "Eine arabische Erfolgsgeschichte", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Dezember 2011


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