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Entwicklung und Struktur der Wirtschaft


1.2.2013
Die Wirtschaftsstruktur der Länder des Nahen Ostens unterscheidet sich in vielen Bereichen von der Ökonomie europäischer Staaten. Neben historischen Besonderheiten bei der Staats- und Gesellschaftsentwicklung, unterschiedlichen Entwicklungspfaden nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rolle des Tourismus spielen dabei die Einnahmen aus dem Export von Erdöl eine wichtige Rolle.

Um ihre Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen, investieren viele Golfmonarchien massiv in den Dienstleistungs- und Immobiliensektor. Blick auf die Sheikh Zayed Road in DubaiUm ihre Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen, investieren viele Golfmonarchien massiv in den Dienstleistungs- und Immobiliensektor. Blick auf die Sheikh Zayed Road in Dubai (© Gavin Hellier / Getty Images)

Beginnende Industrialisierung



Entwicklung und Struktur der WirtschaftEntwicklung und Struktur der Wirtschaft (© Internetquelle: http://www.laenderdaten.de/laender.aspx, online zugegriffen im Juli 2012)
Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein existierte im Nahen Osten eine wirtschaftliche Organisationsform, die als "tributgebundene Produktionsweise" bezeichnet wird. Tributgebunden deswegen, weil dabei die Bauern oder Kaufleute Abgaben (Tribute) an den Herrscher bzw. den Staat leisten mussten. Dieser kontrollierte die Wirtschaftsprozesse mithilfe einer umfassenden Bürokratie und überließ das meiste agrarisch genutzte Land Pächtern zur Bewirtschaftung gegen eine Gebühr, die Militärbeamte für den jeweiligen Landesherren einzogen. In diesem System konnte daher weder eine Schicht von Großgrundbesitzern entstehen noch eine unabhängig vom Staat existierende Schicht von Unternehmern. Interne Finanzprobleme, verursacht vor allem durch steigende Kosten für die Kriegsführung bei zurückgehenden Steuereinnahmen, und die Expansion des europäischen Imperialismus höhlten diese tributgebundene Produktionsweise bis Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend aus und führten letztendlich am Ende des 19. Jahrhunderts zu deren Zusammenbruch.

Die Einbindung des Nahen Ostens in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem erfolgte in den drei Subregionen des Nahen Ostens aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Zeiten:
  • Im geografischen Zentrum (der heutigen Türkei, den östlichen Mittelmeeranrainern und Ägypten) dominierte seit Beginn des 19. Jahrhunderts der Anbau landwirtschaftlicher Produkte für den Export nach Europa und der Absatz europäischer Industriewaren.
  • Im Maghreb, dem westlichen Teil Nordafrikas, bewirkte der Konkurrenzkampf der imperialistischen Großmächte (zunächst zwischen Frankreich und Großbritannien, später zwischen Frankreich und Deutschland) eine erste wirtschaftliche Einbindung. Erst als sich hier um die Wende zum 20. Jahrhundert französische Siedlerkolonien – in Libyen italienische – bildeten, intensivierte sich auch die landwirtschaftliche Nutzung. Sie bewirkte eine weiter zunehmende Integration in die Weltwirtschaft.
  • Die Golfregion wurde zunächst allein aus politisch-strategischen Interessen Großbritanniens (Pax Britannica) und erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts, nach der beginnenden Erdölförderung, auch aus ökonomischen Gründen in die Weltwirtschaft eingebunden.
Die tributgebundene Produktionsweise und die Durchdringung durch den europäischen Imperialismus verhinderten, dass neben der traditionellen Kaufmannschaft – dem Basar – eine Unternehmerschicht und damit auch eine Arbeiterklasse entstanden. Erst ab den 1920er-Jahren trat in Ägypten im Umfeld der Bank Misr und unter Führung des Bankiers Tal’at Harb ein kleine Gruppe einheimischer Unternehmer hervor. Zuvor hatte sich Mohammed Ali (1805 bis 1848 ägyptischer Vizekönig und osmanischer Pascha) an einer frühen Industrialisierung des Landes versucht.

Importsubstitution und Strukturreform



Weil sich in der Türkei bereits 1923 ein vom europäischen Imperialismus unabhängiger Staat gründete, setzte die türkische Industrialisierung etwa 20 Jahre früher ein als im Rest des Nahen Ostens. Dort begann der Aufbau moderner industrieller Sektoren erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dabei können vier verschiedene Entwicklungspfade unterschieden werden.
  • In einer "Revolution von oben" führten die Republiken Ägypten, Algerien, Irak, Syrien, Türkei und Tunesien eine staatliche Strategie der Importsubstitution durch, Eigenproduktion sollte Auslandsimporte ersetzen. Dazu wurden in ausländischem Besitz befindliche Unternehmen verstaatlicht und schlüsselfertige Industriekomplexe aufgebaut. Den Binnenmarkt kontrollierte fast vollständig die staatliche Bürokratie, sie legte beispielsweise sämtliche Preise, Produktionsquoten und die Höhe der Kredite fest. Gleichzeitig wurden die Importe von ausländischen Produkten durch die Einführung von hohen Zöllen eingeschränkt (Abschottung nach außen).
  • Die relativ ressourcenarmen Monarchien Marokko und Jordanien stießen gemeinsam mit den einheimischen Unternehmern des Privatsektors eine Importsubstitution an. Auch hier sorgten Schutzzölle für eine Abschottung nach außen, die vor allem die neu entstehenden Industriesektoren vor ausländischer Konkurrenz bewahren sollte. Der Binnenmarkt wurde nur teilweise kontrolliert.
  • In den Golfmonarchien entstand eine auf den Einnahmen aus Ölexporten basierende, staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die im Wesentlichen die Aufgabe hatte, diese Einnahmen an die Gesellschaft und die einheimischen Unternehmer des Privatsektors zu verteilen. Hier existierten im Gegensatz zur Importsubstitution im übrigen Nahen Osten niedrige Außenwirtschaftsbarrieren, und es wurden aus der industrialisierten Welt unbegrenzt Waren eingeführt. Investitionen gingen vor allem in die Infrastruktur, den Bau- und Dienstleistungssektor und teilweise in die Landwirtschaft. Eine Industrialisierung im engeren Sinne konzentrierte sich in dieser Phase weitgehend auf die Förderung und Weiterverarbeitung von Erdöl und später Erdgas.
  • Der vierte und letzte Pfad wurde ausschließlich von Israel beschritten. Dort entwickelte sich, vollständig getrennt von den restlichen Ländern des Nahen Ostens, ein Wirtschaftssystem, das in vielen Aspekten vergleichbar mit dem eines europäischen Staates ist. Es basierte zwar ebenfalls auf staatlicher Kontrolle, auf Importsubstitution und hohen Außenhandelsbarrieren. Dazu kamen jedoch von Beginn an eine systematische Förderung der Landwirtschaft, die gezielte staatliche Unterstützung von Exportsektoren – zunächst landwirtschaftliche Produkte und Textilien – und seit den 1970er-Jahren eine zunehmende Spezialisierung auf Hochtechnologie und ein selektiver Abbau der Außenhandelsbarrieren. Diese Alleinstellungsmerkmale Israels beruhten maßgeblich auf der Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Europa und später den USA sowie auf gezielten Investitionen aus dem Ausland. Beide Aspekte spielten seit Beginn der jüdischen Migration nach Palästina am Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle und haben bis in die Gegenwart nicht an Bedeutung verloren.
Alle Länder der Region erreichten zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren sehr hohe wirtschaftliche Wachstumsraten, und sie vollbrachten erstaunliche wirtschaftliche Leistungen (zum Beispiel den Bau des Assuan-Hochdamms in Ägypten 1970 oder den Aufbau von schwerindustriellen Komplexen wie Stahl- und Zementwerken oder Raffinerien). Zwischen dem Ende der 1970er- und der Mitte der 1980er-Jahre brachten jedoch interne und externe Gründe die wirtschaftliche Dynamik in den importsubstituierenden Ländern zum Erliegen. Zunächst litt die einheimische Wirtschaft unter einer ineffizienten Organisation der Binnenmärkte durch die vom Staat festgelegten Preise und Produktionsmengen. Dadurch sanken die Staatseinnahmen, und es stieg die Verschuldung durch die Kreditaufnahme bei nationalen und internationalen Banken. Gleichzeitig führte der Zusammenbruch des internationalen Währungssystems fester Wechselkurse, des sogenannten Bretton-Woods-Systems, zu steigenden internationalen Zinsen. Damit erhöhten sich die Kosten für eine weitere Verschuldung. Viele Staaten konnten deswegen keine neuen Kredite aufnehmen oder waren nicht in der Lage, bestehende zurückzuzahlen.

Außer den kleinen Golfstaaten und Saudi-Arabien, die durch den einträglichen Export von Erdöl über ausreichend eigene finanzielle Mittel verfügten, sowie Irak und Syrien, die zusätzlich ideologische Vorbehalte hemmten, waren alle Länder seit circa Anfang der 1980er-Jahre auf die Hilfe externer Akteure angewiesen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank machten die Gewährung von Krediten von einer Strukturreform abhängig. Diese Strukturanpassung, exemplarisch zusammengefasst im sogenannten Washington Consensus, verlangte, dass der Staat die Kontrolle der Binnenmärkte reduzierte, Staatsunternehmen und staatliche Dienstleistungen, zum Beispiel Wasser- und Energieversorgung, privatisierte, Außenhandelsbarrieren abbaute sowie das Besteuerungssystem verbesserte. In den meisten Ländern führten diese Maßnahmen zunächst zu weiteren Problemen, wie einer hohen Arbeitslosigkeit und dem Abbau sozialstaatlicher Leistungen. Erst in den 1990er-Jahren gab es wieder eine Phase ökonomischen Wachstums, die diesmal vor allem vom Privatsektor getragen war. Doch das größte der ökonomischen Probleme, die hohe Arbeitslosigkeit, ließ sich damit nicht beseitigen.