18.6.2014

"Fussball schafft Gemeinsamkeiten über Abgrenzungen hinweg"

Interview mit Prof. Dr. Albrecht Sonntag, Zentrum für Europastudien

Albrecht Sonntag ist Leiter des Zentrums für Europastudien an der Ecole de Management in Angers. Er beschäftigt sich mit der integrativen und sinnstiftenden Rolle des Fußballs in der europäischen Gesellschaft und koordiniert ein internationales Projekt.

Albrecht SonntagAlbrecht Sonntag
Professor Sonntag, das FREE-Projekt ist ein europaweites Forschungsprojekt von neun beteiligten Universitäten, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, verkürzt beschrieben, die Phänomene und Entwicklungen um den Fußball europaweit wissenschaftlich zu untersuchen. Können Sie vielleicht etwas vereinfacht beschreiben, welche genauen Forschungsziele dieses Projekt hat?

Prof. Dr. Albrecht Sonntag: Der Konzeption des Projekts liegt eine Ausschreibung des 7. Europäischen Rahmenprogramms für Forschung und Entwicklung mit dem Titel "Die Anthropologie der Europäischen Integration" zugrunde. Es ging darum, wechselseitige Wahrnehmungsmuster und Identitätsdynamiken im heutigen Europa in der Alltagskultur, also außerhalb der politisch-ökonomischen Sphäre, auf innovative und interdisziplinäre Weise zu erforschen. Vom Fußball war dabei ursprünglich überhaupt nicht die Rede. Meinen Mitstreitern und mir allerdings erschien der Fußball, Europas wichtigste Ausdrucksform der Populärkultur, als denkbar geeigneter Untersuchungsgegenstand für ein solches Forschungsziel. Insbesondere dank der fundamentalen Ambivalenz, die ihm innewohnt, denn der Fußball produziert eben nicht nur symbolische Singularitäten, mit denen sich soziale Gruppen voneinander abgrenzen, sondern trägt auch zur Anerkennung anderer Gruppen bei und schafft Gemeinsamkeiten über soziale, sprachlich-kulturelle und territoriale Abgrenzungen hinweg. Das FREE-Projekt ("Football Research in an Enlarged Europe" www.free-project.eu) versucht, diese teils widersprüchlichen Mechanismen besser zu verstehen und die Bedeutung des Fußballs in der europäischen Gesellschaft neu auszuloten.

Mit welchen Forschungsmethoden sollen diese Ziele erreicht werden und in welche Aufgabenbereiche gliedert sich das Projekt?

Sonntag: FREE wurde ganz konsequent als interdisziplinäres Forschungsprojekt konzipiert. Entsprechend besteht das Konsortium zu etwa gleichen Teilen aus Historikern, Anthropologen, Soziologen und Politikwissenschaftlern, die ihre jeweiligen Forschungsmethoden in die verschiedenen Aufgabenbereiche ("Work Packages") einbringen und gemeinsam die geplanten europaweiten quantitativen und qualitativen Untersuchungen durchführen.

Fußball transnational: Die Sympathien dieses schwedischen Fans sind länderübergreifend skandinavischFußball transnational: Die Sympathien dieses schwedischen Fans sind länderübergreifend skandinavisch. (© dpa)
In den historischen Teilbereichen geht es zum einen darum, die Entstehung der europäischen Fußballwettbewerbe und ihre Auswirkungen nachzuvollziehen und zu analysieren; zum anderen um ein besseres Verständnis des Platzes, den der Fußball als transnationales Medienereignis im kollektiven Gedächtnis der Europäer einnimmt.

Die soziologisch-anthropologischen Aufgabenbereiche interessieren sich für die identitätsstiftende Funktion des Fußballs auf den unterschiedlichsten Ebenen und in verschiedenen Intensitäten. Fußball als Ort der Konstruktion des Bilds vom "Anderen", mit einem besonderen Augenmerk für Wahrnehmungsmuster zwischen Ost und West. Ein anderer Schwerpunkt dieses Bereichs ist das Phänomen der "Feminisierung" des Fußballs, ein Prozess, der sowohl die Praxis des Spiels als auch Formen des Konsumverhaltens und Mechanismen der Identifikation betrifft.

Abgerundet wird das Projekt von zwei politischen Dimensionen: Zum einen geht es um die relative Bedeutung des europaweiten Kommunikationsraums, den der Fußball schafft, zum anderen um die Wahrnehmung des sogenannten europäischen Sportmodells und verschiedener Optionen der Strukturierung, Verwaltung und Regulierung des Fußballs auf europäischer Ebene.

Auf welchem Stand befindet sich das Projekt im Moment, welche Aufgabenschritte wurden bereits erledigt, welche stehen noch aus?

Sonntag: Das FREE-Projekt lief im April 2012 an und ist auf insgesamt drei Jahre angesetzt. Alle Arbeitsbereiche wurden gleichzeitig gestartet und treiben ihre Forschung gemäß jeweils individuell ausgearbeiteten Plänen voran. Der erste gemeinsam erarbeitete Meilenstein war Ende 2012 eine breite Onlineumfrage unter einem fußballinteressierten Zielpublikum. Eine weitere quantitative Untersuchung folgt dann 2013, diesmal in einer zufällig ausgewählten Zielgruppe. 2013 und 2014 werden auch zwei Wellen qualitativer Untersuchungen mit anthropologischen Methoden durchgeführt. Das zugegeben ambitionierte methodische Design des Projekts sieht vor, dass die Teilbereiche einerseits unabhängig ihre fachspezifische Forschung betreiben können und andererseits gleichzeitig die Expertise der teilnehmenden Wissenschaftler in die gemeinsam ausgearbeiteten und durchgeführten Feldforschungen einbringen.

Der Fußball im Allgemeinen sowie fußballspezifische Themen im Speziellen zum Beispiel Fankulturen, Gewalt im Fußball(-publikum) etc. sind in der wissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahren zu sehr populären Forschungsthemen aufgestiegen – inwiefern wurde das FREE Projekt dadurch beeinflusst beziehungsweise wurde eventuell sogar ein Nährboden für die anvisierten Untersuchungen geschaffen? Wo wurden herausragende Werke in Europa veröffentlicht und welche sind das aus Ihrer Sicht?

Sonntag: FREE erntet jetzt die Früchte der Pioniere der Fußballforschung, die sich seit den 1980er-Jahren – damals oft wegen ihres trivialen Forschungsgegenstandes belächelt – mit den multiplen Dimensionen dieses nur scheinbar einfachen Spiels auseinandergesetzt haben. Heute ist der Fußball als Objekt sozialwissenschaftlicher Forschung salonfähig geworden. FREE hat nun die Möglichkeit, über die traditionellen Grenzen der bisherigen Arbeiten hinauszugehen, die in der Regel auf einzelne Sprach- und Kulturräume begrenzt waren und kaum über die Mittel verfügten, ihre Hypothesen mit angemessener Feldforschung auf europäischer Ebene zu überprüfen.

Welche Themensetzungen innerhalb des Projekts haben für Sie eine besondere Relevanz, gerade im Hinblick auf die Vielfalt an wissenschaftlich zu erforschenden Themen, zu denen der Fußball provoziert?

Sonntag: Wie man aus den sechs Arbeitsbereichen des Projekts ablesen kann, lässt FREE bewusst einige Themen aus, die von den Medien gerne aufgegriffen werden. Rassismus, Homophobie, Gewalt, Hooliganismus spielen in unserem Projekt nur am Rande eine Rolle, weil sie unserer Auffassung nach im Rahmen des Massenphänomens Fußball nur eine Randerscheinung darstellen, deren wirkliche Bedeutung überschätzt wird. FREE interessiert sich für den "Mainstream", für die große Masse der Stadionbesucher oder Fernsehzuschauer, die nicht zu Exzessen neigt, und auch für die Menschen, die der Fußball nur alle zwei Jahre bei internationalen Großereignissen mit seinem Identifikationsangebot vor die Riesenbildschirme in den Städten lockt.

Gerade vor dem Hintergrund der heterogenen Entwicklungen des Fußballs in den letzten Jahren in den jeweiligen europäischen Ländern stellt sich die Frage, ob sich überhaupt Gemeinsamkeiten feststellen lassen und wenn ja, welche?

Sonntag: Richtig, genau darum geht es bei FREE. Der Fußball wird in verschiedenen Sprach- und Kulturräumen unterschiedlich erlebt, er löst starke Zugehörigkeitsgefühle zu bestimmten sozialen Gruppen aus, und er reaktiviert oft stereotype Bilder von "Uns" und den "Anderen".

Freundschaft über Grenzen hinweg: Der FC St. Pauli hat seit den frühen 1990er Jahren eine Fanfreundschaft mit Celtic GlasgowFreundschaft über Grenzen hinweg: Der FC St. Pauli hat seit den frühen 1990er Jahren eine Fanfreundschaft mit Celtic Glasgow. (© imago/David Hagemann)


Aber das ist, wie schon eingangs angedeutet, eben nur eine Seite der Medaille. Gleichzeitig ist er auch Begegnung zwischen den Kulturen und Subkulturen, macht er Bilder und Wahrnehmungen vergleichbar, stellt er eine wichtige europaweite Gemeinsamkeit dar. Eine miteinander geteilte Leidenschaft produziert eben nicht nur Antagonismen, sondern auch spontane Empathie und hilft, seine eigenen Wahrnehmungen zu hinterfragen. Gerade weil dieses Phänomen so zweideutig und widersprüchlich ist, stellt es einen relevanten Forschungsgegenstand dar, der einiges über die Befindlichkeiten von uns Europäern in einer Epoche allgemeiner Verunsicherung und brüchiger Identitäten aussagt.

Fußballfans trugen häufig zur Bildung der spezifischen Identität ihres Vereins bei; trotzdem sind sie selten aktiv in die Vereinspolitik eingebunden, insbesondre wenn Investoren den Verein übernommen haben. Wie sehen Sie diese Situation gegenwärtig in Europa?

Sonntag: Die Strukturen der "football governance", also der Verwaltung und Organisation des Fußballs werden auf europäischer Ebene im Moment neu ausgehandelt, und dabei kommt unseres Erachtens den organisierten Fans eine wichtige Rolle zu. Um die Tendenzen des sich abzeichnenden "stakeholder empowerment" – also etwa einer als gerechter empfundenen Verteilung von Mitspracherechten - genauer auf den Zahn zu fühlen, arbeiten wir in dem betreffenden Teilbereich (der nicht von ungefähr von unserem britischen Partner geleitet wird) gezielt mit europäischen Fanorganisationen zusammen. Wie wir auch ganz allgemein wirklich Wert darauf legen, nicht im akademischen Elfenbeinturm zu verweilen, sondern offen für Ideen, Initiativen und Feedback der Zivilgesellschaft zu bleiben.

Herr Sonntag, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Das Interview führte Thomas Prasser.