"Herr Pfahlsitzer, wann gehst du auf die Toilette?"


20.12.2013
Kai Frohner leitet seit 14 Jahren den Kinderfunk beim BR.Kai Frohner leitet seit 14 Jahren den Kinderfunk beim BR.
Seit 1999 leitet Kai Frohner den Kinderfunk im Bayerischen Rundfunk (BR). Langweilig wird ihm dabei nie, denn unter seiner jungen Hörerschaft herrscht eine natürliche Fluktuation. Stammhörer entwachsen dem Programm meist nach vier Jahren. Für die Redakteure bedeutet das, immer am Puls der Zeit zu bleiben. Nach dem Motto: "Kinder wissen selbst am besten, was sie im Radio hören wollen", wird im BR die Beteiligung des jungen Publikums am Programm ganz groß geschrieben. Auf der 4. bpb-KinderMedienKonferenz Ende des Jahres in Berlin, plauderte der Radiomacher aus dem Nähkästchen.

Sendeplatz für Kinder



radioMikro heißt die Kindersendung, die montags bis samstags zwischen 18.30 Uhr und 19 Uhr sowie sonntags zwischen 7 Uhr und 8 Uhr im Programm von Bayern 2 ausgestrahlt wird. Die eigentliche Zielgruppe sind die Sechs- bis Zehnjährigen. "Sicher hören uns auch noch manche 13-Jährige", sagt Frohner, "aber die geben das dann nicht so gerne zu". Sieben feste Mitarbeiter, einige davon in Teilzeit, und rund 30 freie Redakteure und Moderatoren beschäftigt der BR für das Kinderprogramm. Damit ist die Redaktion im Vergleich zu anderen ARD-Anstalten laut Frohner gut besetzt. Mit Ausnahme des BR, des WDR und des Deutschlandradios hätten die meisten öffentlich-rechtlichen Radiosender ihre Angebote für Kinder in den vergangenen Jahren eher reduziert oder gar eingestellt. Schuld sei der Sparzwang. "Kinderfunk hat in den Häusern keine Lobby", sagt Frohner, "wenn gespart werden muss, dann dort, wo der wenigste Widerstand zu erwarten ist." Häufig hätten sogar Pensionierungen das Schicksal einer Kinderredaktion besiegelt, sie sei einfach nicht neu besetzt worden.



Klaro - Die Kindernachrichten vom BR



radioMikro gibt es jetzt seit 11 Jahren. Schon etwas früher, im November 2000, stand das Konzept für Klaro - ca. 8 Minuten lange Kindernachrichten, die immer freitags im Kinderfunk ausgestrahlt werden. Und die sind ganz anders, als man es sonst gewohnt ist. Während Kindernachrichten in der Regel von Erwachsenen ausgesucht und formuliert werden - vielleicht noch von Kindern moderiert - sind bei Klaro die Kinder die alleinigen Bestimmer. "Wir wollten einen anderen Weg gehen", sagt Frohner, "die Reporter werden bei unseren Kindernachrichten zu ‚Erfüllungsgehilfen', Sendungsgestalter sind allein die Kinder".

Das Konzept



Und das geht so: Einmal pro Woche besuchen die Reporter vom Bayerischen Rundfunk eine vierte Grundschulklasse irgendwo in Bayern. Jedes Team ist mit zwei Leuten besetzt: einem Kinderreporter, der weiß, wie man Kinder interviewt und einem - meist jüngeren - Nachrichtenredakteur aus dem Erwachsenenprogramm, der die aktuelle Nachrichtenlage kennt. Die Schulen können sich bewerben oder werden direkt angesprochen. In der Redaktion des Kinderfunks hängt eine riesige Karte des Freistaats. Jede bereits besuchte Grundschule wird mit einer Nadel abgesteckt. An die 500 sind es mittlerweile. 2000 stehen noch zur Auswahl.

Eltern und Lehrer helfen mit



Bevor die Reporter anrücken, setzen sie auf die Mithilfe von Lehrern und Eltern. Deren Aufgabe ist es, die Kinder auf die Sendung vorzubereiten. Die Eltern werden gebeten, die Kinder vorher Nachrichtensendungen im Fernsehen sehen zu lassen. "Das klingt allerdings einfacher, als es ist", sagt Frohner, "je weiter wir in ländliche Gebiete kommen, um so weniger wird ferngesehen oder umso strenger wird für die Kinder der Zugang zu TV und Internet reglementiert." Dafür empfängt man die Kinderreporter auf dem Land mit viel größerem Enthusiasmus als in der Stadt, wo sich wesentlich mehr Ablenkung vom Schulalltag bietet.

Die Lehrer sollen den Kindern helfen, Nachrichten einzuordnen oder erklären, wie die Nachrichten in die Medien kommen. Sie entlocken den Kindern, was sie interessiert und besprechen Themenvorschläge für den Tag, wenn die Reporter vor der Tür stehen. Fünf Themenvorschläge sind erwünscht, vier kommen in die Sendung. Meist sind das Umweltthemen, Katastrophen und ihre Auswirkungen, Sport, Konflikte mit der Polizei. Je engagierter der Lehrer, umso besser funktioniert das später mit den Radioaufnahmen. Was der Kinderreporter nicht mag: Zettel, von denen die Kinder die Fragen ablesen. "Misslungen", nennt das Frohner. Die Kinder sollen frei reden.

Experten fürs Diffizile



Die Sendung ist so aufgebaut, dass die Kinder erst die Nachricht erzählen und dann ihre Fragen dazu stellen, die später im Sender von Experten beantwortet werden. All das wird dann zu einer acht- bis neun-minütigen Sendung zusammengeschnitten. Oft bringen die Kinder Themenvorschläge, auf die Erwachsene selten kommen. Wie beispielsweise die kleine Zeitungsmeldung von einem 14-Jährigen, der ein Auto gestohlen hat und damit von Bayern nach Holland fuhr. "Kann der schon Auto fahren?"- "Wie hat er es geschafft, ein Auto zu klauen?" - "Wie hat die Polizei ihn erwischt?" - "Was passiert mit ihm jetzt?", wollen die Kinder wissen.

Manchmal hoffen die Kinder auch, dass die Reporter ihnen helfen, ihre Ängste abzubauen. Besonders bei Themen wie Katastrophen oder auch Verbrechen wie Kindesentführung. Dann kommen ganz konkrete Fragen: "Wie können wir uns davor schützen?" Das allerdings kann besser der Polizeipsychologe beantworten. Mit den Fragen im Gepäck fahren die Kinderreporter zurück ins Studio nach München und holen sich die jeweiligen Experten vors Mikrofon. Ihnen spielen sie die Kinderfragen im Originalton vor. "Dadurch wird der Experte sofort in die Lage versetzt, in den ‚Modus Kind' umzuschalten", erklärt Kai Frohner, "sie antworten dann so, dass Kinder es auch verstehen."

Weltmeister im Pfahlsitzen versus Tsunami



Im kuriosesten Fall bei den Kindernachrichten "Klaro" ging es um den Weltmeister im Pfahlsitzen. Da konnte die Redaktion keinen anderen Experten finden als den Weltmeister selbst, der die Kinderfragen beantwortete: "Putzt du dir denn auch die Zähne? Wann gehst du auf die Toilette? Muss man etwas verrückt sein?" Eine interessante Erfahrung aus 13 Jahren Klaro-Nachrichten: Nachrichtenthemen haben für Kinder viel länger Bestand als bei Erwachsenen. So wollen sie beispielsweise bei einer Naturkatastrophe wie dem Tsunami noch nach Wochen wissen, wie es inzwischen den Kindern geht oder ob die Schulen schon wieder aufgebaut wurden.

Zwei Tage sind die Kinderreporter meistens unterwegs. Im Studio werden die Fragen dann geordnet, Kinder- und Experten-O-Töne zusammengeschnitten und alles zu einer runden Sendung gemischt. Als Belohnung für all die Mühen gibt es vom Elternbeirat manchmal einen Kuchen oder sogar einen Bericht im Lokalteil der örtlichen Zeitung.