6.1.2014 | Von:
Hans Vorländer

Grundzüge der athenischen Demokratie

Die antike griechische Polisdemokratie ruft mit ihrem hohen Grad an bürgerlicher Beteiligung Bewunderung, aber auch Kritik hervor. Die politische Theorie antiker Denker wie Platon und Aristoteles gilt als wegweisend für die Entwicklung der modernen Demokratie.

Rede- und Überzeugungskunst gelten in der Antike als wichtige Fähigkeiten
eines Politikers. Berühmt dafür ist Demosthenes, der ab 346 v. Chr. die Geschicke Athens leitet. Kreidelithographie von 1832Rede- und Überzeugungskunst gelten in der Antike als wichtige Fähigkeiten eines Politikers. Berühmt dafür ist Demosthenes, der ab 346 v. Chr. die Geschicke Athens leitet. Kreidelithographie von 1832 (© akg-images)
In den Jahren 508/07 bis 322 v. Chr. herrschte in Athen eine direkte Demokratie, mit einer Bürgerbeteiligung, deren Ausmaß von keiner späteren Demokratie wieder erreicht worden ist. Jeder Bürger konnte an der Volksversammlung sowie an den Gerichtsversammlungen teilnehmen, jeder Bürger war befugt, ein Amt zu bekleiden. Wie schon das Wort besagt, das zurückgeht auf das griechische ta politika, nämlich "das, was die Stadt angeht", war "Politik" die Angelegenheit des Bürgers in der Polis. Das ist das bleibende Vermächtnis der griechischen Demokratie, wenngleich aus heutiger Perspektive darauf hinzuweisen ist, dass Frauen, Sklaven und Metöken – Bewohner ohne Bürgerstatus, sehr oft Fremdarbeiter – nicht als Bürger im politischen Sinne des Wortes galten und deshalb auch von der Beteiligung ausgeschlossen blieben.

Die Demokratie in Athen bildete sich eher langsam, Schritt für Schritt, im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. heraus. Die Reformen von Solon im Jahre 594 v. Chr. und von Kleisthenes 508/507 v. Chr. brachen die Macht des Adels und schufen die Grundlagen für die politische Beteiligung breiterer Volksschichten. Die erfolgreiche Zurückweisung der beiden persischen Einfälle in Griechenland (490 und 480 v. Chr.) stärkte die Demokratie, deren goldenes Zeitalter vor allem mit dem Namen Perikles (ca. 500-429 v. Chr.) verbunden ist.

Er bestimmte für mehr als dreißig Jahre die Politik Athens und schloss einen fünfzehnjährigen Frieden mit der konkurrierenden Stadt Sparta. Im Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta von 431 bis 404 v. Chr. zeigten sich vorübergehend Krisen der Demokratie, die dann jedoch bis etwa 322 v. Chr., bis in die Epoche Alexander des Großen hinein, eine neue Blüte erlebte. Danach endete die klassische Epoche der athenischen Demokratie: Nach Alexanders Tod (323 v. Chr.) und der Vernichtung der athenischen Flotte im Krieg zwischen Griechenland und Makedonien wurde Athen von den siegreichen Makedoniern in ihr Reich eingegliedert.

Quellentext

Aus einer Rede des Perikles

[…] Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner der fremden; viel eher sind wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft. Nach dem Gesetz haben in den Streitigkeiten der Bürger alle ihr gleiches Teil, der Geltung nach aber hat im öffentlichen Wesen den Vorzug, wer sich irgendwie Ansehen erworben hat, nicht nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst; und ebenso wird keiner aus Armut, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, durch die Unscheinbarkeit seines Namens verhindert. Sondern frei leben wir miteinander im Staat […].

Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus zugleich und unsere Stadt, und den verschiedenen Tätigkeiten zugewandt, ist doch auch in staatlichen Dingen keiner ohne Urteil. Denn einzig bei uns heißt einer, der daran gar keinen Teil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter, und nur wir entscheiden in den Staatsgeschäften selber oder denken sie doch richtig durch. Denn wir sehen nicht im Wort eine Gefahr fürs Tun, wohl aber darin, sich nicht durch Reden zuerst zu belehren, ehe man zur nötigen Tat schreitet. Denn auch darin sind wir wohl besonders, daß wir am meisten wagen und doch auch, was wir anpacken wollen, erwägen, indes die anderen Unverstand verwegen und Vernunft bedenklich macht. Die größte innere Kraft aber wird man denen mit Recht zusprechen, die die Schrecken und Freuden am klarsten erkennen und darum den Gefahren nicht ausweichen. […]

Thucydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges / Thukydides, hg. und übers. von Georg Peter Landmann, Artemis und Winkler Verlag, Düsseldorf/Zürich 2002, (Buch II 37 und 40), Seite 111 ff.

Wegbereitende Reformen

Solons neues politisches SystemSolons neues politisches System (© http://bildung.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/olymp100/ssolon.htm)
Solon (circa 640-561/558 v. Chr.) hatte große soziale Missstände in Athen behoben, indem er mittels der sogenannten Lastenabschüttelung die verarmten Bauern von ihren Hypotheken und durch die Abschaffung der Schuldknechtschaft aus der Sklaverei befreite. Die Bevölkerung wurde in vier Vermögensklassen eingeteilt.

Solon setzte damit zugleich auch die Voraussetzungen einer politischen Neuordnung durch, weil das alte, aristokratische Prinzip der auf Herkunft und Abstammung basierenden gesellschaftlichen Stellung durchbrochen wurde. Er erweiterte damit die Beteiligungsrechte für die unteren Schichten des Volkes und erschütterte die Vorherrschaft einiger weniger adliger Familien.

Kleisthenes (570-506 v. Chr.) reformierte dann 508/507 die gesamte Sozialstruktur und legte damit die Basis für die Demokratie in Athen. Mit der territorialen Neueinteilung Athens löste er die alten Stammesverbände auf, zerbrach so die Machtstrukturen der adligen Familien und schuf eine einheitliche, nicht mehr von der sozialen Herkunft abhängige politische Bürgerschaft.

Zur neuen Grundlage der politischen Ordnung wurden die Gemeinden, die Demen. Diese waren, modern gesprochen, Kommunen lokaler Selbstverwaltung. Hier entstand eine politische Gemeinschaft, in der sich ein Sinn für bürgerschaftliches Handeln und politische Verantwortung entwickeln konnte. Die Demen wiederum delegierten eine ihrer Bürgerzahl entsprechende Quote von Mitgliedern in einen ebenfalls neu geschaffenen "Rat der Fünfhundert", die sogenannte Boule.

Athens neue Verfassung seit KleisthenesAthens neue Verfassung seit Kleisthenes (© http://bildung.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/339483x434877d/rewrite/olymp100/skleist.htm)
Gleichzeitig gelang es Kleisthenes, die Demen wieder in dreißig sogenannte Trittyen zusammenzufassen. In je zehn dieser Trittyen waren die Regionen von Stadt, Küste und Binnenland eingeteilt. Indem Kleisthenes je eine Trittys aus den verschiedenen Regionen zu einer neuen Phyle kombinierte, waren nicht nur "Querschnitte" durch die Regionen hergestellt, sondern die gesamte Bevölkerung Attikas war nun auch nach repräsentativen Kriterien politisch neu zusammengesetzt. Ein neues politisches Gemeinwesen ersetzte das alte, auf Klientelbindungen beruhende System von Abhängigkeiten und Patronage der alten aristokratischen Ordnung. Zwei weitere Reformen verhalfen der Demokratie in Athen dann schließlich zum vollen Durchbruch. Zum einen wurde der Areopag, der Adelsrat, als letzte Bastion der Aristokratie entmachtet, seine Befugnisse – Überwachung der Gesetze, Verfahren bei politischen Delikten, Beamtenkontrolle – wurden gestrichen oder auf das Volk übertragen.

Zum anderen führte Perikles, der für mehr als 30 Jahre das "goldene Zeitalter" der Demokratie in Athen prägte, Diäten ein. Dies waren Tagegelder für die Bürger als Ausgleich für den Verdienstausfall, den sie durch die Teilnahme an Versammlungen und die Übernahme von Ämtern erlitten.