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6.1.2014 | Von:
Hans Vorländer

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert

Wellen der Demokratisierung

Das Maß der FreiheitDas Maß der Freiheit (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 603 620, Quelle: Freedom House (2013))
Das 20. Jahrhundert hat der Demokratie ihre größte Krise, aber auch einen nachhaltigen Triumph beschert. Der deutsche Fall verdeutlicht diese Paradoxie von Verfall und Aufstieg demokratischer Ordnung in besonderer Weise.

Generell hatte der Triumph der alliierten Siegermächte im Zweiten Weltkrieg eine Welle der Demokratisierung zur Folge, die in den 1960er-Jahren zu 36 Demokratien führte. Zwischen 1974 und 1990 vollzogen nochmals etwa 30 Länder den Übergang zu Formen demokratischer Herrschaft. Und zuletzt führten Proteste, Aufstände und Rebellionen in Staaten Nordafrikas und Arabiens, so in Tunesien, Ägypten und Libyen zum Sturz von Diktaturen und autokratischen Regimen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann die Zahl der Demokratien weltweit auf etwa 120 Staaten beziffert werden. Es entstanden demokratische Regime in Lateinamerika, in Südkorea und Taiwan, zum Teil in Afrika und schließlich in den Staaten Mittel- und Osteuropas sowie im Nahen Osten. Die Demokratie scheint sich auf einem Siegeszug zu befinden.

Regionale MusterRegionale Muster (© Quelle: Freedom House; Arch Puddington, Freedom in the World 2013)
Doch wäre ein solches Resümee voreilig. In manchen Regionen der Welt ist die Demokratie nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. So ist sie beispielsweise in einem Großteil Afrikas, Südostasiens, im Nahen Osten, aber auch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion als Regierungsform unterrepräsentiert. Auch verläuft der Übergang von diktatorischen und autoritären Regimen zu demokratischen Ordnungen keineswegs immer so gradlinig, dass die neue Demokratie auch voll entwickelt und stabil wird, ist oder bleibt. Manche Transitionsprozesse bleiben stecken. Werden Maßstäbe angelegt, die zu einer voll entwickelten Demokratie gehören, wie direkte, geheime und gleiche Wahlen, die rechtsstaatliche Garantie von Grund- und Bürgerrechten, ein freies Medien- und Parteiensystem sowie eine lebendige Bürgergesellschaft, so zeigt sich schnell, dass viele neue Demokratien keineswegs alle Merkmale, vor allem nicht sofort und unwiderruflich erfüllen. Dies wirft die Frage nach den Bedingungen für erfolgreiche Demokratisierungsprozesse und den Voraussetzungen für die Stabilität von Demokratien auf.