"Beim Jugendradio muss es knallen und zischen"

Interview mit Maximilian Ulrich, 1. Preisträger des W(ahl)-Award Hörfunk


4.2.2014
Das Kamerateam, das im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung Radio Fritz-Reporter Maximilian Ulrich im Studio beim Rundfunk Berlin-Brandenburg für einen Video-Einspieler besuchte, hätte den jungen Mann bei der Preisverleihung des W(ahl)-Award | 2013 fast nicht wiedererkannt. Kennen gelernt hatten sie den Absolventen der Electronic Media School (EMS) in schrillem Hoodie mit Beanie-Mütze. Zur Feierstunde im Bayreuther Herzogkeller kam der 26-Jährige im grauen Anzug und frisch vom Friseur. "Das Team hat mich ziemlich plötzlich überfallen und im Radio sieht mich ja niemand", scherzte Ulrich über seinen legeren Video-Auftritt.

Den Namen Maximilian Ulrich sollte man sich indes in der Medienbranche merken, denn in dem jungen Radioreporter und Videojournalisten steckt ein vielseitiges Talent. Das hat er nicht nur mit seinem frech, frischen Wahlwörter-Wiki zur Bundestagswahl 2013 bei Radio Fritz bewiesen, für das Ulrich im Rahmen des Forums Lokaljournalismus vergangene Woche in Bayreuth mit dem 1. Preis des W(ahl)-Awards der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet wurde. 2013 wirkte Ulrich auch schwerpunktmäßig an einem ambitionierten Multimedia-Projekt des rbb Inforadios namens Wegmarken mit, das sich der Geschichte Berlins in der Zeit des Nationalsozialismus widmete.

Aus einer Journalistenfamilie stammend, war Ulrichs Berufswunsch nach dem Abitur 2005 in Leipzig erst einmal "alles außer Journalismus". Er studierte Geschichte in seiner Geburtsstadt Berlin und Philosophie in Potsdam. Heute ist für ihn der Journalismus "das einzig Richtige".
Jule Käppel und Maximilian Ulrich von Radio Fritz nehmen den 1. Preis in der Kategorie Hörfunk entgegen, mit Laudator Thorsten Schilling (links).Jule Käppel und Maximilian Ulrich von Radio Fritz nehmen den 1. Preis in der Kategorie Hörfunk entgegen, mit Laudator Thorsten Schilling (links). (© bpb)

Man darf die Hörer nicht blamieren



Tobias Köpplinger hat Maximilian Ulrich für den Nordbayerischen Kurier interviewt. Dabei erklärte der Radiomann dem Zeitungsreporter, wie man junge Hörer fürs Radio begeistert.

Herr Ulrich, wie passen in der Wahlberichterstattung Abseitsregel und Überhangmandat zusammen?

Maximilian Ulrich: Beides sind Begriffe, da sagt jeder: Ja klar, kenne ich, da weiß ich ungefähr, was das ist. Aber wenn man die Nagelprobe macht, dann wissen es die Leute doch nur halb. Da existiert viel Halbwissen. Ich glaube, Überhangmandat hat jeder schon mal gehört. Und eigentlich ist das auch gar nicht so kompliziert. Man muss nur einmal lernen, wann Überhangmandate auftreten, dann versteht man das. So wie jeder Fußballbegeisterte sagen kann, was Abseits ist und was nicht.

Bestand irgendwann die Gefahr, dass sich die Leute vorgeführt vorkamen? Wie haben sie das umschifft?

Ulrich: Die Gefahr besteht natürlich. Wir haben in den Beiträgen mit Umfragetönen gearbeitet. Beim Überhangmandat haben viele Leute Antworten geliefert, die falsch waren oder zumindest nicht korrekt. Ich glaube, es ist eine große Kunst, dass sich niemand vorgeführt vorkommt. Am besten man lässt die Leute nur das sagen, wobei man sich selbst auch ertappt, wobei sich der Hörer auch ertappt. Die Leute sagen dann schon: ja, ich weiß eigentlich, wie das ist, aber genau kriege ich das nicht mehr zusammen. Wir haben drauf geachtet, dass sich niemand total blamiert. Aber die meisten Befragten konnten etwas sagen, wussten, was ein Überhangmandat ist oder was es mit Erst- und Zweitstimme auf sich hat.

Gab es irgendwann einmal den Vorwurf, die Politikberichterstattung von Radio Fritz sei nicht ernsthaft genug?

Ulrich: Ich finde nicht, dass da Ernsthaftigkeit fehlt. Mir war es wichtig, dass alles journalistisch astrein ist. Ich erzähle da ja keinen Blödsinn. Aber: Journalismus muss nicht staubtrocken sein, er darf auch mal lustig sein oder einen schönen Vergleich haben. Das ist alles erlaubt. Ich finde, das ist sogar ein Muss. Politischer Journalismus braucht einen gewissen Unterhaltungswert, die Politik ist doch manchmal selbst schon tröge. Journalisten müssen die Themen herausgreifen, die spannend sind. Damit meine ich nicht, sich über Merkels Frisur lustig zu machen. Es geht darum, Themen allgemein verständlich aufzubereiten.

Wie wichtig sind neue, frische und freche Formate für die Zukunft?

Ulrich: Ich weiß nicht, ob unsere Beiträge irgendeinem Hörer die Politik näher gebracht haben. Aber daran ist zu einem großen Teil die Politik selbst schuld. Ich kann nachvollziehen, wenn es eine große Politikverdrossenheit gibt. Wenn man sich anschaut, wie lange die Koalitionsverhandlungen dauerten, wie absurd da diskutiert und geredet wird, wie langweilig der Bundestagswahlkampf eigentlich war. Es ist nicht unbedingt Aufgabe der Journalisten, das zu ändern. Da müssen auch die Politiker mithelfen. Ich glaube, dass Radio in Zukunft weg muss von den ganz trockenen Fakten, Fakten, Fakten-Beiträgen. Es darf durchaus mal gelacht werden. Ich hätte zu Überhangmandaten auch ein zehnminütiges Infostück machen können, aber das muss auch in 1.30 Minuten funktionieren.

So wie Koalition und Schlussmachen. Woher kam die Idee?

Ulrich: Die kam von mir. Ich habe mir überlegt, wie würde ich das Thema Koalition meinem kleinen Bruder erklären. Einen Vergleich zu finden und zu ziehen, finde ich ganz passend. Man kann eine Koalition durchaus wie eine Liebesbeziehung beschreiben. Bei Erklärstücken gibt es einen einfachen Trick: Man sucht sich eine Metapher und arbeitet sich daran ab. Das habe ich gemacht und die Koalition von Anfang bis zum Ende als Liebesbeziehung erzählt.

Was nehmen Sie aus den Wahlbeiträgen in die Zukunft mit?

Ulrich: Ich produziere meine Beiträge oft so: Ich spreche nicht alleine, binde andere Stimmen, Töne, Effekte und Musik ein. So produzieren wir bei Radio Fritz immer. Das funktioniert nicht bei jedem Radiosender, aber beim Jugendradio muss man Beiträge so machen: Da muss es knallen und zischen.

In Kooperation mit demNordbayerischen Kurier fand vom 29. bis 31. Januar 2014 in Bayreuth das 22. Forum Lokaljournalismus statt. Ein Höhepunkt war die Verleihung des W(ahl)-Award 2013 für die informativsten und originellsten Bundestagswahlberichterstattungen.