20.2.2014 | Von:
Błażej Warkocki

Analyse: Die drei Emanzipationswellen der Schwulen in Polen

"Sie sollen uns sehen" – gegen Homophobie

Wollte man ein Datum für den Durchbruch benennen, wäre das mit Sicherheit (obwohl natürlich symbolisch) das Jahr 2003. Damals wurden in polnischen Städten im Rahmen der Aktionen "Niech nas zobaczą" (Sie sollen uns sehen) Plakate mit gleichgeschlechtlichen Paaren aufgehängt. Leider wurden sie schnell heruntergerissen. Das gesamte künstlerische Projekt von Karolina Breguła kann man sich in mehreren Galerien in Polen ansehen. Fünfzehn Männerpaare und fünfzehn Frauenpaare, eher junge Menschen aus Großstädten, sie halten sich an den Händen und schauen uns in die Augen. Diese Porträts haben eine enorme Diskussion und ungewöhnliche Kontroversen ausgelöst. Sie waren Symptom für etwas Neues: Die homosexuelle Frage drang in den öffentlichen Diskurs durch und wurde politisch. Mit der Zeit unterlag sie einer Art Kommerzialisierung. In diesem Zeitraum entstand auch die neue schwul-lesbische Organisation "Kampania Przeciw Homofobii" (Kampagne gegen Homophobie). Allein der Name der Organisation deutet auf eine gewisse Veränderung im emanzipatorischen Denken hin. Das Problem war nicht mehr der Homosexuelle, dessen Normalität bewiesen werden musste. Mit dieser neuen Sichtweise begann man, die Vorurteile gegen nichtheterosexuelle Personen, sprich die Homophobie, als Problem zu benennen. Homosexualität wurde auch zu einem Brennpunkt der nationalen Identität. Aus dieser – der nationalen – Perspektive wurden Homosexuelle als "Fremde" (und nicht mehr als "Andere" wie in den 1980er Jahren) wahrgenommen. Besonders deutlich wurde dies in der Zeit, als die Gleichheitsparade verboten wurde. Dazu schreibt Przemysław Czapliński: "Im kollektiven Diskurs ist der sexuell Andersartige vom Anderen zum Fremden geworden", wofür das Vorgehen der Polizei am 19. November 2005 in Posen ein deutliches Beispiel war. "Der Gleichheitsmarsch wurde von einer Gegendemonstration aufgehalten, deren Teilnehmer unter anderem ›Schwule in die Gaskammer‹ und ›Wir machen mit euch das, was Hitler mit den Juden gemacht hat‹ riefen. Die Polizei hat gegen die antisemitischen und schwulenfeindlichen Rufe nichts unternommen, dafür aber 65 Teilnehmer des Gleichheitsmarsches festgenommen. Diejenigen, die die feindseligen Parolen gerufen haben, haben ihr Recht darauf zu bestimmen, wer ein Fremder ist, ausgetestet und die Erfahrung gemacht, dass ein solches Vorgehen nicht nur erlaubt, sondern sogar gesetzlich geschützt ist." Tatsächlich wurden für diese dritte Etappe der Emanzipation die Gleichheitsparaden und -märsche besonders wichtig.

Zu Beginn wurden die Paraden von den Medien nicht stark wahrgenommen, erst das Verbot (zunächst in Warschau durch den Stadtpräsidenten Lech Kaczyński im Jahr 2004) führte dazu, dass der schwul-lesbische Kampf um Anerkennung und gleiche Rechte medial sichtbar und zu einer brennenden politischen Frage geworden ist. Gleichzeitig hat sich damals der schwulenfeindliche Diskurs mit dem Homosexuellen als dem Fremden herausgebildet. Mit seinen extremen Versionen haben wir bis heute zu tun. Bisweilen kann man geradezu den Eindruck gewinnen, dass der moderne Homophobietyp, der in den rechtsgerichteten Medien residiert, bereits alle Grenzen des Anstands überschritten hat und teilweise die Gestalt eines Pogromdiskurses annimmt. Für die schwule Identität hat das neue Jahrzehnt, insbesondere nach dem Jahr 2003, auch Veränderungen gebracht. Vor allem vollzog sich langsam eine technologische Revolution, die neue und effektive Emanzipationstools lieferte. Das Internet und seine Möglichkeiten förderten die Aktivität und eine neue schwule und lesbische Identität. Gleichzeitig jedoch hat es die Papierpresse zu Fall gebracht und die alte schwule Identität der 1990er Jahre, die sich um die Zeitschriften gebildet hatte, anachronistisch werden lassen (denn unterwegs hatte sich auch ein Generationswechsel vollzogen). Langsam wurde der Transgender-Aktivismus immer sichtbarer, besonders im Zusammenhang mit der Organisation "Trans-fuzja" (deren Vorsitzende zuvor die Abgeordnete Anna Grodzka gewesen war). Es entstand wieder eine schwul-lesbische Literatur, die – anders als die im vorangegangenen Jahrzehnt – wahrgenommen, gelesen und analysiert wurde, weil der gesellschaftliche Kontext ihr besondere Bedeutung verlieh. Besonders bekannt wurde Lubiewo von Michał Witkowski (2004), eine Camp-Erzählung über Homosexuelle, die sich nach der Volksrepublik Polen sehnen und mit der neuen kapitalistischen Wirklichkeit nicht zurechtkommen können oder wollen. Denn wie Untersuchungen gezeigt haben, hat sich in Polen die gesellschaftlich-ökonomische Kluft vergrößert, die immer stärker von innen an dem liberalen Subjekt der schwul-lesbischen Politik nagt. Mit anderen Worten: Es lässt sich kaum von einer schwulen Identität oder "einem Bild des durchschnittlichen Schwulen" sprechen, denn die ökonomischen und sozialen Unterschiede beeinflussen diese Identität. Auch die politischen Interessen unterscheiden die Schwulen. Dieses Phänomen spiegelt in gewissem Grad die Literatur der dritten Emanzipationswelle wider. Das in der ersten Hälfte des Jahrzehnts erschienene Buch Lubiewo spielt am Ende der 1980er und – was vielleicht weniger offensichtlich, aber relativ wichtig ist – in den 1990er Jahren. Es operiert sehr deutlich mit den gegensätzlichen Identitätsmustern "Schwuler versus Tunte", die in den Kontext der polnischen Transformation gestellt werden. Es fällt ins Auge, dass das pejorative Wort "ciota" (Tunte) in der polnischen Sprache – neben der Konnotation mit männlicher Homosexualität –"Trottel" bedeutet, also jemand, der gescheitert ist. Man könnte Lubiewo demzufolge als eine Geschichte über die Gewinner und Verlierer der polnischen Transformation lesen, die in der Sprache einer homosexuellen Quasi-Identität beschrieben werden. In dieser Version sind die "Schwulen" diejenigen, die ihr Leben meistern, sie sind potenzielle Nutznießer des Systemwandels.

Man kann nur bedauern, dass in soziologischen Analysen diese Klassenunterschiede im Bereich der homosexuellen Identität (die vor dem Hintergrund einer immer stärkeren ökonomischen Schichtenbildung entsteht) selten zum Gegenstand konstruktiver Reflexionen in den polnischen Queer-Studien geworden sind. In einem Text, der etwa ein Jahrzehnt später geschrieben wurde, in Tęczowa Trybuna 2012 (Die Regenbogentribüne 2012) von Paweł Demirski, der als eine Art Nationaldrama von Monika Strzępka auf die Bühne gebracht wurde, sieht die Sache bereits etwas anders aus. Diese Erzählung baut auf Randgruppen der nationalen Gemeinschaft auf – weil zweifelsohne nur dort schwule Fußballfans und Verehrer der Nationalmannschaft zu finden sind. In diesem Stück geht es um schwule Fußballfans, die während der EURO 2012 in Polen einen Platz auf der nationalen Tribüne fordern. Hier jedoch wurden "Schwule" eher als die Verlierer der Modernisierungsillusionen der 1990er Jahre dargestellt, die unaufhörlich (und vergeblich) nach dem Image der Mittelklasse streben. Mehr noch, es wird deutlich, dass sich – innerhalb einer neoliberalen und konservativen Hegemonie – die Interessen von schwulen Fußballfans und Künstlern der höheren Klasse deutlich voneinander unterscheiden. Deshalb kann man heute nicht von den Schwulen sprechen. Wir sind von der Unsichtbarkeit von Schwulen und Lesben zur Sichtbarkeit gelangt, von der vorpolitischen Phase zur Politisierung von Homosexualität und Homophobie. Dennoch bleibt mit Sicherheit noch viel zu tun.

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska

Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck aus dem "Jahrbuch Polen 2014 Männer" des Deutschen Polen-Instituts, das im März 2014 erscheinen wird.