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40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen


7.7.2005
Israel gehört zu jenen Ländern, mit denen Deutschland ein enges Netz wirtschaftlicher, kultureller und politischer Kontakte geknüpft hat: Es ist für die Bundesrepublik der größte Handelspartner im Nahen Osten.

Benjamin Netanjahu und Angela MerkelBenjamin Netanjahu und Angela Merkel (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Der jüdische Staat gehört zu jenen Ländern, mit denen Deutschland ein enges Netz wirtschaftlicher, kultureller und politischer Kontakte geknüpft hat: Israel ist für die Bundesrepublik der größte Handelspartner im Nahen Osten. Umgekehrt gilt, dass Deutschland nach den USA zu Israels zweitgrößtem Handelspartner aufgestiegen ist. Heute unterhalten hunderte deutscher Städte und Landkreise, Wissenschafts- und Kultureinrichtungen sowie Schulen und Vereine Kooperations- und Austauschprojekte mit israelischen Partnern - vielfach unterstützt mit öffentlichen Mitteln. Die Zahl der Jugendaustauschprogramme rangiert an dritter Stelle hinter Frankreich und den USA. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft ist mit 4600 Mitgliedern (Stand: November 2004) die größte bilaterale Freundschaftsgesellschaft. Obwohl Israel nur 0,015 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, beziehen sich zehn Prozent der Weltnachrichten in den deutschen Medien auf das kleine Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Die Bundesrepublik Deutschland würdigt die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel alle zehn Jahre mit einer beispiellosen Intensität.

Das Verhältnis Deutschlands zum jüdischen Staat wird jedoch auch immer wieder durch die Vergangenheit belastet: den Völkermord des nationalsozialistischen Deutschlands an den europäischen Juden. Ein unbedachtes Wort, ein falscher Zungenschlag oder ein missglückter historischer Vergleich reißen unvernarbte seelische Wunden auf und gefährden jene zerbrechliche Balance, die in den letzten vier Jahrzehnten unter großen Mühen beider Seiten aufgebaut werden konnte. Neben der Last der Vergangenheit beeinträchtigt auch der ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt die deutsch-israelischen Beziehungen. Die Zuspitzung des Nahostkonflikts seit 2000 ebenso wie die Folgen des 11. September 2001 haben auf beiden Seiten "altneue" Irritationen hervorgerufen.

Gleichwohl bilden die Beziehungen zum Staat Israel eine der tragenden Säulen der deutschen Außenpolitik. Das Bekenntnis zur Verantwortung für Sicherheit und Existenz des jüdischen Staates gehört parteiübergreifend zur Staatsräson der demokratischen Bundesrepublik. Dies zeigte beispielsweise die Rede von Bundesaußenminister Joschka Fischer vor den Vereinten Nationen in New York am 24. Januar 2005 (anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der NS-Konzentrationslager):"Die deutsch-israelischen Beziehungen werden für uns immer einen besonderen Charakter haben. Das Existenzrecht des Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger wird immer unverhandelbare Grundposition deutscher Außenpolitik bleiben. Darauf wird sich Israel stets verlassen können. In diesem Jahr feiern wir den 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Dass Israel uns heute als verlässlicher Partner empfindet, ist keineswegs selbstverständlich und erfüllt uns mit großer Dankbarkeit." Auch in der deutschen Öffentlichkeit ist das Interesse an Israel ungebrochen stark.

Dieses Heft bietet einen Überblick über Höhen und Tiefen der deutsch-israelischen Beziehungsgeschichte. Wer heute eine Bilanz aus 40 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ziehen will, steht aber auch vor der Frage, welche Zukunftsprognose ein kritischer Rückblick auf die 40-jährige Beziehungsgeschichte nahe legt.

Last der Vergangenheit



Die deutsch-israelische Beziehungsgeschichte ist nicht zu verstehen ohne ihre gemeinsamen europäischen Wurzeln: Gerade weil die europäische Normalität jahrhundertelang von einer judenfeindlichen Grundstimmung geprägt war, richteten in der Neuzeit viele europäische Juden im Prozess ihrer bürgerlichen Gleichstellung besondere Erwartungen auf die emanzipatorischen Reformen im deutschen Sprach- und Kulturraum. Juden konnten im kaiserlichen Deutschland (1871-1918) sowie in der Weimarer Republik (1919-1933) in beachtlichem Maße wirtschaftlich, kulturell und wissenschaftlich an der aufstrebenden bürgerlich-kapitalistischen Moderne teilhaben. Gewiss: Der religiöse und zunehmend auch rassistische Antisemitismus breitete sich, wie fast überall in Europa, auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft aus. Doch schienen antijüdische Vorbehalte in den so genannten Goldenen 1920er Jahren hierzulande weniger ausgeprägt zu sein als in anderen europäischen Kulturnationen - Antisemitismuswurde vielerorts als ein primitives Relikt voraufklärerischen Denkens verharmlost. Die Ideen des Zionismus verhallten deshalb zunächst insbesondere in liberalen Milieus des deutschen Judentums, die an ihrem Traum von der "deutsch-jüdischen Symbiose" festhielten.

Um so größer war der Schock, dass sich ausgerechnet im "Land der Dichter und Denker" ein staatlich organisierter Vernichtungsantisemitismus durchsetzen konnte, dem in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) sechs Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder zum Opfer fielen (Schoah). "Die besten Köpfe des 20. Jahrhunderts, die ins Feuer geworfen wurden, waren Deutsche. Sie prägten die Wissenschaft und Wirtschaft, die universellen Werte und die Kunst, sowohl die Kunst ihres Jahrhunderts als auch kommender Jahrhunderte, und zwar als Deutsche, sie waren nur zufällig Juden, die im deutschen Kulturraum lebten.(...) Wie kam es zu dieser außerordentlichen kulturellen Blüte, warum ereignete sie sich gerade in Deutschland und warum folgte ihr gerade hier der katastrophale Untergang dieser Kultur? (...) Wie kam es, dass ein Volk, das der Menschheit das Erhabenste schenkte, was Poesie, Philosophie und Musik hervorgebracht haben, das furchtbarste Verbrechen in der Geschichte beging?", fragt der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk in seinem Buch "Der letzte Berliner".

Vor dem Hintergrund der deutschen Massenverbrechen wurde das britische Mandatsgebiet Palästina zum "Rettungsanker" für verfolgte Juden, die andernorts zunehmend unerwünscht waren. Ungeachtet der schärfer werdenden Einwanderungsbestimmungen verdreifachte sich zwischen 1933 und 1947 ihre Zahl in Palästina. Dieser Zustrom stieß auf den wachsenden Widerstand der lokalen arabischen Bevölkerung. Als die arabische Staatenwelt den 1947 von der UNO-Vollversammlung beschlossenen Plan zur Teilung Palästinas in zwei separate Staaten ablehnte und schließlich das britische Mandat für Palästina ohne eine einvernehmliche Übergangslösung endete, rief der jüdische Nationalrat am 14. Mai 1948 in Tel Aviv den Staat Israel aus. Im darauf folgenden ersten Nahostkrieg konnte sich Israel gegenüber den Armeen sämtlicher arabischer Nachbarstaaten, die das "zionistische Gebilde" auslöschen wollten, behaupten.

Noch heute leben in Israel an die 300 000 Überlebende der Schoah und ihre Nachkommen. Das kollektive Trauma einer Gesellschaft, die sich der Schoah immer bewusst ist, zeigt sich in Israel bis heute: "Hätte die zionistische Bewegung zehn Jahre früher einen wehrhaften jüdischen Staat gründen können, wäre die Schoah verhindert worden!" "Nie wieder Opfer!" lautet eine andere Schlussfolgerung aus der Vergangenheit, die auch die Konfrontation mit dem palästinensischen Nationalismus bestimmt. Die Last der schrecklichen deutsch-jüdischen Vergangenheit ist nach wie vor präsent - in Israel mehr als in der Bundesrepublik: Die deutsch-israelische Beziehungsgeschichte ist ohne diese Vergangenheit nicht zu verstehen.

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