28 I 28 - Achtundzwanzig Jahre mit und ohne Mauer

PAST vs. FUTURE. Ein öffentliches Forum genau an dem Tag, an dem die Berliner Mauer genauso lange nicht mehr steht, wie sie existierte. Mit Diskussionen, Filmen & Konzert. Eintritt: 3 Euro. Eine Kooperationsveranstaltung in der Volksbühne Berlin.

Die Mauer im Jahr 1988 nahe dem Potsdamer Platz - ein Jahr vor ihrem VerschwindenDie Mauer im Jahr 1988 nahe dem Potsdamer Platz - ein Jahr vor ihrem Verschwinden. (© Holger Kulick)

Ein historisches Datum: Montag, der 5. Februar 2018 ist der "Zirkeltag". Dann ist die Berliner Mauer genauso lange nicht mehr existent, wie sie Berlin und einen Kontinent in Halbwelten zerschnitt - 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage. Was bleibt von ihrer Geschichte in dem Moment, da sie selbst Geschichte ist? Verschwand sie wirklich, oder hat ihr Fall andere Mauern sichtbar gemacht? Und ist der Kalte Krieg, dessen Symbol sie war, wirklich vorbei?

Künstler, Historiker, sozial Engagierte diskutieren, gezeigt werden seltene Mauer-Kurzfilme, es gibt Live-Musik mit CITY und "Herbst in Peking" und zwei Gesprächsrunden: PAST vs. FUTURE. Es moderieren Caro Korneli von Radio Fritz und der Chefredakteur des Rundfunks Berlin Brandenburg, Christoph Singelnstein.

Denkanstöße in Halbzeit 1 (PAST):

1.) Was war die Mauer: Utopie-Symbol? Oder politisches Brett vorm Kopf?

- Teilnehmer sind der Maler und DEFA-Filmregisseur Jürgen Böttcher Strawalde ("Die Mauer"), dem der Mauerbau 1961 seinen ersten Film ("Drei von vielen") torpedierte, er wurde erst 1988 aufgeführt.

- der Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller (Polizeiruf 110/"Soko Leipzig"), der am Tag des Mauerbaus bei Verwandten in Stockholm war und trotz Warnungen in die DDR zurückkehrte, weil er dachte, die hält nicht lange. Dann ließ er sich zehn Jahre mit der Stasi ein. Erst spät traute er sich, darüber zu reden ("ich hatte Scheißangst").

- die Erfurter Performancekünstlerin und Lyrikerin Gabriele Stötzer, die am 4.12.1989 zu den ersten Besetzerinnen der DDR-Geheimpolizei Stasi gehörte, Sie hatte Tabu-Themen in der DDR thematisiert, z.B. Selbstmord, und kam zeitweise in Haft. Eine eigene Galeriegründung verhinderte das MfS.

- der Kunsthistoriker Eckhart Gillen,(1987 Gründer des dt-dt.Kunstmagazins Niemandsland), der sich in seiner Arbeit auf ausgereiste und in der DDR verbliebene Künstler konzentrierte, Seine These: DDR-Künstler hätten die Mauer idealisiert.

- die Musiker der in der DDR gegründeten Rock-Band CITY, Toni Krahl und Fritz Puppel, die erheblichen Ärger mit FDJ und SED bekamen, als sie 1987 verschlüsselt die Mauer in einem Lied besangen ("Wand an Wand"). Sänger Toni Krahl wäre nie Musiker geworden, hätten Truppen des Warschauer Pakts nicht 1968 die Reformbewegung Prager Frühling niedergeschlagen. Weil er darüber meckerte, verlor er seinen Studienplatz.

2.) Über die Westsicht auf die Mauer und den Kalten Krieg

- der SPIEGEL-Autor Peter Wensierski, Regisseur des Films "Berliner Blau" (1986). Er ist Autor der Sachbücher "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" (2017), in dem er Leipziger Mutbürger portraitiert und "Stadt der Revolte", das im März 2018 erscheint und portraitiert, welche Orte für Dissidenten und außerparlamentarische Opposition in Ost- und Westberlin entscheidend waren
1986 am Potsdamer Platz. Filmszene aus "Berliner Blau" von Hartmut Jahn und Peter Wensierski1986 am Potsdamer Platz. Filmszene aus "Berliner Blau" von Hartmut Jahn und Peter Wensierski

- der Historiker und Politikwissenschaftler Prof. Bernd Greiner, Leiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg mit Vorlesungsreihen an der Humboldt-Universität Berlin. Er macht deutlich: Strategien des Kalten Krieges werden auch heute noch angewandt ("Das anhaltende Spiel mit der Angst").

3.) Ostsicht auf die Mauer und deren Folgen

- die ehemalige DDR-Menschenrechtlerin und langjährige Aufarbeitungsbeauftragte Brandenburgs, Ulrike Poppe beschreibt, wer noch viel oder gar nichts mehr von der Mauer wissen möchte,

- der Direktor der Berliner Stiftung Berliner Mauer, Prof. Axel Klausmeier, schildert, wie die rund 1 Millionen Touristen, die die Mauerreste an der Bernauer Straße besuchen, heute über die Mauer von gestern und über Mauern von heute denken und reflektiert, ob Gedenkarbeit heute überhaupt etwas nützt.

4.) Jugend-Erfahrungen zwischen zwei Welten

- die Fotografin und Autorin des Buchs "Oderberger Straße" (2017), Nadja Klier, die 1988 als 15-jährige mit ihrer Mutter Freya aus der DDR ausgebürgert wurde, beschreibt, was sie noch mit Mauer und Mauerklischees verbindet und wie sie Ost- und Westberliner vor und nach dem Mauerfall erlebt hat und heute erlebt.

- Wieviel Aufarbeitung fehlt noch? Damit beschäftigt sich die Übersetzerin und Autorin der Bücher "Briefe ohne Unterschrift" (2017) und "Immer wieder Dezember – der Westen, die Stasi, der Onkel und ich" (2009), Susanne Schädlich, sie wurde 1977 als 12-jährige mit ihrem Vater Hans-Joachim Schädlich aus der DDR ausgebürgert.

- Line Maaß, kritisiert, dass in der Mauer-Deutung dominant nur die Westsicht auf die DDR zähle. Sie wuchs zeitweise als Punkerin in einem stasidurchsetzten Künstlertreff im Prenzlauer Berg auf. Nach dem Mauerfall nutzte sie die neuen Freiräume und wurde Mitgründerin der Szeneclubs "IM Eimer" und "Tacheles". Heute unterrichtet sie die Kampfkunst Taijiquan und bereist neugierig Osteuropa.
Mauersegmente, eins mit dem Aufschrit "Don't disturb history"An der Berliner Mauer nahe dem Potsdamer Platz im Frühjahr 1990 (© Holger Kulick)

Nach der Pause ab 21.20 Uhr in Halbzeit zwei (FUTURE):



5.) Verbliebene und neue Mauern


- Nun folgen Thesen von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische BIldung. Er beklagt, dass ehemalige DDR-Bürger "in der Fläche immer noch die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten als kulturellen Kolonialismus erleben",

- dem Sozialpfarrer und Gründer des Berliner Kirchenasyls im Jahr 1983, Jürgen Quandt, heute Leiter des Friedhofverbands der Evangelischen Kirche mit rund 40 Friedhöfen verteilt über ganz Berlin. Ausgrenzung und Nichtkümmern um Ausgegrenzte beschäftigt ihn noch heute. Christiane F. ("Die Kinder vom Bahnhof Zoo") gehörte zu seiner ersten Gemeinde. Der toten Linksterroristin Ulrike Meinhof und dem türkischen Asylbewerber Kemal Altun, der 1983 im Berliner Kammergericht Selbstmord begang, besorgte er trotz massiver Proteste ein Grab.

- dem deutsch-algerischen Fußballer Lyés Bouziane, vor zehn Jahren Gründer eines der größten Sozialprojekte entlang der "unsichtbaren" Mauer an der Bernauer Straße, dem Sportverein Viktoria Mitte mit mittlerweile 2500 jungen Mitgliedern aus zahlreichen Nationen. Er registriert aufmerksam die neuen Mauern, die Menschen voneinander trennen und geht konsequent dagegen vor.

- dem Soziologen, Rechtsextremismusforscher und Direktor des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Dr. Matthias Quendt, geboren drei Jahre vor dem Mauerfall. Er fragt sich, warum seine Heimatstadt sowohl DDR-Bürgerrechtler, wie Roland Jahn, als auch den rechtsterroristischen NSU hervorbrachte.

Ingo Hasselbach , als Punk in der DDR inhaftiert, dann Berliner Neonazi-Anführer und nach allerlei Einsichten im Jahr 2000 Gründer der Aussteigerinitiative EXIT,die seitdem mehr als 600 Nazis zum Ausstieg verhalf. Er reflektiert darüber, wie einfach es damals war und heute noch ist, Jugendliche zu Feindbildern zu verführen - zu "Mauern im Kopf" mit gefährlichen Folgen.

- Harald Hauswald, im Osten Berlins aufgewachsener Alltags-Fotograf, der in den Achtziger Jahren mit Fotoreportagen unter rechten Fußballhooligans begann und heute für die nach dem Mauerfall gegründete Berliner Fotoagentur Ostkreuz wachen Auges ganz Europa bereist: "Schenkt jedem Schulabgänger ein kostenloses Interrail-Ticket", plädiert er, um europaweit Grenzenlosigkeit schätzen zu lernen.

- Tim Eisenlohr, vor 30 Jahren als jüngster Helfer der "Ümweltbibliothek" in der Berliner Zionskirche bei einer nächtlichen Stasi-Razzia verhaftet, heute auf Amrum zu Hause und Mitgründer der Grasswurzelinitiative ResCO, die in Griechenland und im Nahen und Mittleren Osten Geflüchteten hilft. Er hinterfragt das anhaltende Desinteresse, die Mauer rund um Europa zu thematisieren.
Mauerrest im Süden Berlins 1991 - es steht nur noch ein Gerippe.Mauerrest im Süden Berlins 1991. (© Holger Kulick)

6) Rezepte gegen Mauern im Kopf

Hier kommen nochmal alle Gäste mit pointierten Thesen zu Wort.

Zwischendurch laufen außergewöhnliche Mauer-Kurz-Filme, u.a. von Jürgen Böttcher Strawalde("Die Mauer"), Marc Bauder ("Mauerstücke"), Hartmut Jahn & Peter Wensierski ("Berliner Blau"), Caro Korneli ("Pegida"), Holger Kulick ("Deutsch-deutsche Hundeschule"), außerdem Mauerdokumente vom MfS, sowie Mauermailart der Ost-Westberliner und Heidelberger Künstlergruppe "Mauerpauer" aus den Jahren 1985/86, die getreu dem Motto agierte: "Wer mauert, hat's nötig" und "Was man auf die Schippe nimmt, ist schon untergraben".

Live spielen:

Toni Krahl & Fritz Puppel (CITY), der Dresdener Jazzgitarrist Lothar Fiedler und ca. ab 22.30 Uhr die 1987 gegründete Ostberliner Revoutionsband Herbst in Peking"

Termin

05.02.2018, ab 19:30

Ort

Volksbühne Rosa-Luxemburg Platz, Großer Saal

Für

Interessierte Öffentlichkeit

Veranstalter

Robert-Havemann-Gesellschaft, Berliner Kolleg Kalter Krieg, Stiftung Berliner Mauer, Volksbühne Berlin, Bundeszentrale für politische Bildungu.a.

Anmeldung

Auf allen Plätzen wird eine Eintrittsgebühr von 3 Euro erhoben. Die Tickets können nur an der Vorverkaufs- und Abendkasse der Berliner Volksbühne erworben werden. Alle Besucher finden einen Platz.
Plakat zum Zirkeltag am 5.2.2018 und einer begleitenden Fotoausstellung, sie ist in der Gedenkstätte Berliner Mauer zu sehen.Plakat zum Zirkeltag am 5.2.2018 und einer begleitenden Fotoausstellung in der Gedenkstätte Berliner Mauer .

Die Einnahmen gehen als Spende an das Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft. Sie wird gefördert durch den Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur des Landes Berlin und durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und betreut in Kooperation mit der bpb die Website www.jugendopposition.de. Nachfragen bitte an frank.ebert@havemann-gesellschaft.de (Tel. (030-447.108.20) oder holger.kulick@bpb.de (Tel. 0176-222.52.894). Ergänzend findet im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße 119 ab dem 6. Februar eine Fotoausstellung statt.


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