6.9.2012 | Von:
Uta Grundmann

Die Selbsthilfe- und Produzentengalerie „rg“ Sredzkistraße 64

Die Sredzkistraße 64, eine der wichtigsten Adressen für private Ausstellungen der Künstlerszene im Berliner Prenzlauer Berg, war auch der Standort der Selbsthilfe- und Produzentengalerie „rg“ – wie „Raumgemeinschaft“ oder „rot-grün“.

Vorbereitungen zur Ausstellung „Out of Order“, Raumgemeinschaft in der Sredzkistraße 64, 1988: Erhard Monden, Klaus Werner, Horst Bartnig, Mario Monden (v.l.n.r.), Foto: Klaus-Werner-Archiv der Akademie der Künste, Berlin (Fotograf unbekannt)Fotos aus der Galerie rot-grün Sredzkistr. 64 (© Klaus-Werner-Archiv der Akademie der Künste, Berlin (Fotograf unbekannt))

Die Sredzkistraße 64 wurde gleich mehrfach zu einer wichtigen Adresse für private Ausstellungen der Künstlerszene im Prenzlauer Berg. Neben Hans Scheibs Ateliergalerie im ehemaligen Atelier von Reinhard Stangl entstand 1983 die Selbsthilfe- und Produzentengalerie "rg“ wie "Raumgemeinschaft“ oder "rot-grün“ im einstigen Atelier von Stefan Kayser. Dieser hatte dort über Jahre seine bizarre Installation "Environment k“ aus westlichen Werbeverpackungen und östlichem Alltagsmüll zusammengeleimt und -genagelt – wohlgemerkt unabhängig von Joseph Beuys’ Installation "Wirtschaftswerte“ aus DDR-Warenverpackungen von 1980. Kayser reiste 1981 aus und übergab den Raum an Erhard und Mario Monden.

Auch Erhard Monden setzte sich früh mit Beuys und dessen "erweiterten Kunstbegriff“ auseinander. Nach seinem Studium bei Günther Hornig an der Hochschule für Bildende Künste Dresden realisierte er seit 1977 „Zeit-Raum-Bild-Realisationen“. Diese Aktionen hielt er fotografisch fest, übermalte die Fotos in der für ihn typischen Schablonenspritztechnik und dokumentierte sie als Prozessverweisstücke. 1981 lud Klaus Werner Monden zu einer Ausstellung in die Galerie Arkade ein. Die in diesem Zusammenhang durchgeführte Lauf-Stand-Performance zwischen der Galerie am Strausberger Platz und dem Atelier im Prenzlauer Berg gab Anlass zu heftigen Diskussionen in der Zeitschrift „Bildende Kunst“ und auf dem IX. Kongress des Verbandes Bildender Künstler über die Legitimität solch erweiterter Formen der Kunstausübung in der DDR. Ende desselben Jahres schloss der Staatliche Kunsthandel die Galerie Arkade und entließ deren Leiter Klaus Werner, der zu den ersten Kunstwissenschaftlern und Galeristen gehörte, die das Werk von Beuys in öffentlichen Vorträgen bekannt gemacht hatten. Werner regte daraufhin die Einrichtung einer neuen unabhängigen Ausstellungsplattform an: Gemeinsam mit ihm, Eugen Blume, der gerade die erste universitäre Abschlussarbeit in der DDR über Joseph Beuys vorgelegt und als Praktikant in der Galerie Arkade gearbeitet hatte, und den Künstlern Horst Bartnig, Robert Rehfeldt und Wolfram Adalbert Scheffler gründeten die Gebrüder Monden die "Raumgemeinschaft“ Sredzkistraße 64. Später wurde "rg“, wie sie ihre Selbsthilfegalerie bezeichneten, auch als "rot-grün“ verstanden.

Hier fanden neben Ausstellungen der Gründer und Mondens "Schule für erweiterte bildnerische Arbeit“, in der dieser Beuys’ Theorien der sozialen Plastik mit interessierten Laien in die Praxis übersetzte, vor allem Vorträge und Performances statt. Lutz Dammbeck, einer der wichtigsten Protagonisten des „1. Leipziger Herbstsalon“, nutzte die Räume 1983 für die ersten Proben und Videoaufzeichnungen mit Fine Kwiatkowski zum "Herakles“-Projekt.

Im April 1984 initiierten Monden und Blume eine einwöchige Diskussionsreihe über den "erweiterten Kunstbegriff“. Beuys sollte am letzten Tag selbst anwesend sein, ihm wurde jedoch die Einreise in den Ostteil der Stadt verweigert. Man fürchtete wohl den Einfluss eines Künstlers, der die von den Ideologen der DDR-Kunsttheorie geforderte Politisierung der Kunst ernst nahm. Die 1988 von Klaus Werner zusammengestellte Themenausstellung "Out of Order“ mit frühen Arbeiten von Horst Bartnig, Hans Brosch, Achim Freyer, Ingo Kirchner, Robert Rehfeldt, Egmont Schaefer, Dieter Tucholke und A.R. Penck sorgte auf dem X. Verbandskongress für Aufsehen. Die Konflikte über den Umgang der DDR-Kunstpolitik mit den sogenannten "Grenzüberschreitungen“ traten nun offen zu Tage. Dass die Bemühungen, diese zu ignorieren und die Verbreitung der Ideen des Künstlers Joseph Beuys durch Verbote zu begrenzen, keine Wirkung zeitigten, bewies der Werkstatt-Zyklus"Nach Beuys“. Er fand 1988 zeitgleich zur ersten großen Ausstellung des beuysschen Frühwerks an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Galerie Eigen+Art in Leipzig statt.

Literatur:
Klaus Werner: Für die Kunst. Hrsg. von der Stiftung NEUE KULTUR Potsdam/Berlin. Köln 2009.