6.9.2012 | Von:
Uta Grundmann

Die „Permanente Kunstkonferenz“ und die Galerie Weißer Elefant

Die Magistrats-Galerie Weißer Elefant in Berlin-Mitte war eine staatlich finanzierte Ausstellungsplattform, die junge unabhängige Kunst zeigte. 1989 fand dort die "Permanente Kunstkonferenz“ statt.

Via Lewandowsky (rechts) und Durs Grünbein, „Deutsche Gründlichkeit“, Performance, 22. Juni 1989, Foto: Jochen WermannFotos aus der Galerie Weißer Elefant (© Jochen Wermann, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Die vom Verband Bildender Künstler verordnete "Gewerketrennung“ in der Kunst war erstmals öffentlich in Frage gestellt worden, als Künstler aus Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt 1979 bei den Dresdner Musikfestspielen mit der Mediencollage "Interferenzen“ beim Publikum reüssierten.

Zehn Jahre später hatten die Verbandsfunktionäre begriffen, dass solche "Erweiterungen“ des Kunstbegriffs nicht mehr zu ignorieren waren. Gewissermaßen "als zugelassenen Akt der Nachholung“ (Michael Freitag) beauftragte die Berliner Verbandsleitung die Kunsthistoriker Eugen Blume und Christoph Tannert, anlässlich der Bezirkskunstausstellung im Frühsommer 1989 ein Programm zur Aktions- und Installationskunst zu organisieren. Damit die endgültige Abkehr vom erwartbaren Kunstschaffen im Ausstellungszentrum unter dem Fernsehturm unsichtbar blieb, wurde die Galerie Weißer Elefant in der Almstadtstraße im nahe gelegenen Scheunenviertel zum Veranstaltungsort bestimmt. Die Galerie war zwei Jahre zuvor vom Magistrat der Stadt als Ausstellungsstätte für junge Berliner Kunst eröffnet worden, nachdem die Arbeitsgruppe "Junge Künstler“ des Verbandes um den Maler Joachim Völkner und die Kunsthistoriker Gabi Ivan und Ralf Bartholomäus lange darum gekämpft hatte. Sie sollte jenen Kunstformen, die sich der Gestalt- und Funktionsbestimmung von bildender Kunst in der DDR entzogen, ein Forum bieten.

Während der "Permanenten Kunstkonferenz“ im Juni 1989 fanden etwa zwanzig Aktionen, Vorträge und parallel dazu acht Veranstaltungen im Atelier von Erhard Monden in der Sredzkistraße 64 statt. Das Gezeigte reichte von der rituellen Operation "Trichinen auf Kreuzfahrt“ des Künstlers Via Lewandowsky, die mit Sperrmüllensembles, ekelerregender Organik und Lewandowsky als "menschlichem Bildträger“ der „zuschauenden Entgeisterung“ (M. Freitag) sicher sein konnte, bis zum peinlichen Selbsterfahrungsreigen des Chilenen Cesar Olhagaray, der mit didaktischem Sendungsbewusstsein kühnste kunsttheoretische Verallgemeinerungen vorzutragen wusste. Robert Rehfeldt präsentierte ein Mail-Art-Büro mit über hundert Ausstellungsstücken von nahezu allen Kontinenten. Erhard Monden, Via Lewandowsky und die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert sinnierten in ihrer Gesprächsperformance "Kommunikationsstörung“ vor dem Hintergrund der Niederschlagung der chinesischen Opposition auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking über die Möglichkeiten von Kommunikation überhaupt. Hauptsächlich aber sorgten die Performances der „Autoperforationsartisten“ – in unterschiedlicher Besetzung und mit Gästen – für Furore: Der Einzelauftritt Via Lewandowskys, "Lacheisen“ von Micha Brendel und Else Gabriel, "Der Mutterseelenalleingang“ von Micha Brendel, die Videoinstallation und Performance "Der Tod und der Quatsch“ von Peter Dittmer und Else Gabriel, "Alias, auch genannt... (Die Kunst der Fuge)“ von Else Gabriel und Ulf Wrede, das Unterhaltungsprogramm "Die Strafe/Ex Oriente Lux“ der gesamten Gruppe sowie "Deutsche Gründlichkeit“ von Durs Grünbein und Via Lewandowsky.

Eröffnet wurde das Festival mit der Aktion „Fotografieren verboten!“ von Kurt Buchwald, bei der am 30. Mai 1989 im Umkreis der Galerie und des Alexanderplatzes Absperrungen, Schilder und Flugblätter mit einer durchgestrichenen Kamera das Fotografieren untersagten. Ein Polizist forderte gegenüber Touristen zunächst die Durchsetzung der vermeintlichen Direktive, bevor Beamte in Zivil mehrere der beteiligten Künstler verhafteten als diese versuchten, die „polizeilichen Maßnahmen“ fotografisch zu dokumentieren. Der Rat des Stadtbezirks verbot daraufhin alle künstlerischen Aktionen außerhalb der Galerie.

Mehrere Monate später hatte die politische Realität das Ringen um die Erweiterungen des Kunstbegriffs obsolet gemacht. Die Aktion "Wir sind angekommen hier und dort“ von Erhard und Kathleen Monden verwies freilich damals schon auf den Zwangscharakter einer ideologisch abgerichteten Gemeinschaft und gleichzeitig mit einiger Voraussicht auch auf das, was dem Individuum in einer dem kapitalistischen Verwertungszwang unterworfenen Gesellschaft bevorstand.

Literatur:
Permanente Kunstkonferenz. Installation – Performance – Performance Art. Hrsg. von der Galerie Weißer Elefant. Berlin 1990.