22.1.2008 | Von:
Mario Colantonio

Radio wird zum Soundtrack der Website

Erfinden die Jugendwellen das Radio neu?

Immer mehr Jugendradios ändern ihre Strategie und verlagern ihre Schwerpunkte auf Aktivitäten im Internet, visuelles Radio auf dem Handy und Kommunikationsplattformen mit Rückkanal zum Sender. Die Erfolgsmodelle der Zukunft werden konkret.

Viele Experten glauben, dass es in Zukunft erfolgreiche Jugendformate im Radio nur noch als integrierte Internet-Plattformen geben wird. Diese müssten die Aufgabe meistern, ein Erlebnis aus Ton und Bild zusammenzuführen. Die terrestrische Radiofrequenz, analog oder digital, wird so nur noch Teil des Produktes "Radio" sein, das sich auf die rein akustischen Bedürfnisse konzentriert.

Für Mario Colantonio, Musikberater des privatwirtschaftlich finanzierten Jugendsenders "Radio Galaxy" aus Bayern, sieht so die Zukunft der Jugendprogramme im Hörfunk aus: "Radio wird zum Soundtrack der Website."


hörfunker.de sprach mit dem international erfahrenen Radioberater über die Erfolgsfaktoren zukünftiger Jugendformate im Radio.

Radio als "Mischkonzern"

hörfunker.de: Herr Colantonio, das Internet gewinnt als zusätzliche Verbreitungsplattform vor allem für jugendlich ausgerichtete Radioprogramme enorm an Bedeutung. Wächst hier zusammen, was zusammen gehört?

Mario Colantonio: Das Jugendradio der Zukunft ist eine Marke im Internet, das mit einem Personality-Team unter anderem Live-Streams, Videos, Beiträge, Chat-Foren und - quasi nebenbei zusätzlich - einen terrestrischen Programm-Stream anbietet, den man unterwegs oder zu Hause unabhängig von Internet und PC nutzen kann.

Das Radio "für die Ohren" konzentriert sich weiter auf eine Mischung aus Musik, situationsbedingten Informationen und lokalen Servicemeldungen. Es braucht mehr Moderatorenpersönlichkeiten, die keine Phrasen, sondern wirkliche Inhalte und Meinungen transportieren.

radio.de hilft bei der Suche nach Sendern im Internet. Screenshot.radio.de hilft bei der Suche nach Sendern im Internet. Screenshot.


Alles andere wird sich in Zukunft auf einer visuellen Ebene im Netz abspielen: eine Jugendformat-Plattform, auf der Radiomoderatoren zu Online-Persönlichkeiten werden müssen. Wo Künstler aus der Playliste mit Videopräsenz und Interviews oder Bonus-Features in ihrer Ganzheit wahrgenommen werden und nicht mehr nur über ihre Musik im Radio alleine.

hörfunker.de: Hat sich damit das bisherige Geschäfts- und Programmmodell "Jugendformat" überholt?

Mario Colantonio: Nein, es wird nur gerade einem Nutzungswandel unterzogen. Derjenige, der sich lediglich als Anbieter von Radio über Antenne definiert, wird wohl tatsächlich immer weniger Erfolgschancen haben. Während einer Art "Mischkonzern" mit verschiedenen Verbreitungsformen die Zukunft gehören wird. Vor allem, was eine wirtschaftliche Perspektive angeht. Solange dies für private Anbieter eine entscheidende Rolle für ihr Engagement im Radiobereich spielt.

Jugendradio ohne Bilder bald undenkbar

hörfunker.de: Öffentlich rechtliche Jugendsender sehen dies wohl ähnlich. Das Online-Angebot mySPUTNIK.de des MDR startete im vergangenen Jahr als die erste öffentlich-rechtliche Social Community der ARD. Mittlerweile folgten im Dezember des vergangenen Jahres meinFRITZ.de in Berlin und myYOU-FM.de in Hessen. Schon heute gibt es sehr erfolgreiche Radio-Modelle in anderen europäischen Ländern, die genau diese Community-Vision perfektionieren. Wer imponiert Ihnen da am meisten?

Im Jahr 2002 startete Skyrock sein Tochterunternehmen Skyrock Network, eine Community-Plattform für die Zielgruppe bis 25 Jahre. Im Oktober 2007 zählte das Network über 11 Millionen Blogs. Mittlerweile in mehr als zehn Sprachen.Im Jahr 2002 startete Skyrock sein Tochterunternehmen Skyrock Network, eine Community-Plattform für die Zielgruppe bis 25 Jahre. Im Oktober 2007 zählte das Network über 11 Millionen Blogs. Mittlerweile in mehr als zehn Sprachen.
Mario Colantonio: SkyRock in Frankreich zum Beispiel. Das Unternehmen hat sich seit Jahren konsequent von einem rein akustischen Radioprogramm in eine international agierende Jugend-Community-Plattform im Internet gewandelt. In dieser gibt es auch schon eine eigene Chat-Software. Diese steht in Konkurrenz zu anderen Chat-Anbietern und hat mit dem eigentlichen Radiokerngeschäft nichts mehr zu tun. Das 24-stündige Radioprogramm über Antenne ist - überspitzt formuliert - quasi die eigene, kostengünstigste Werbeplattform für die SkyRock-Community im Internet. Die Internet-Website ist das eigentliche Produkt geworden. Das Radio ist heute nur noch in Wechselwirkung mit ihr und auch nur noch ein Produkt von vielen Geschäftsfeldern auf der SkyRock-Community-Site.

hörfunker.de: Welche Rolle spielt nach Ihrer Meinung die visuelle Komponente für den zukünftigen Erfolg eines Jugendsenders?

Mario Colantonio: Jugendradio ohne bewegte Bilder hat keine Zukunft und ich möchte auch erklären, wieso. Jugendprogramme bestehen zu zirka 80 Prozent oder mehr aus aktueller Musik der Gegenwart oder der letzten zwölf Monate. Während ein Erwachsenen-Programm einen deutlich höheren Anteil an "etablierten Hits" aus den vergangenen Jahren oder sogar Jahrzehnten hat. Die Stars der Jugendlichen werden nicht mehr von Radiosendern gemacht, sondern von Fernsehen, Internet und Printmedien. Diese geben einem Künstler erst ein Gesicht.

Der Jugendsender bigFM setzt konsequent auf "Visual Radio". Screenshot bigFM.Der Jugendsender bigFM setzt konsequent auf "Visual Radio". Screenshot bigFM.


Erwachsene hingegen haben einen hohen Anteil an Musik, die sie mögen, ohne dass sie wüssten, wie diese Künstler tatsächlich aussehen oder dass sie deren Videos kennen würden. Natürlich kennt jeder Superstars wie Madonna oder Herbert Grönemeyer sofort. Aber laut Musikforschung gehört die Musik folgender Künstler bei 25- bis 45-Jährigen auch zu den beliebtesten des vergangenen Jahres: Maroon 5, Juli, Kaiser Chiefs, Mika, Snow Patrol oder Keane. Wer von den Erwachsenen weiß schon, wie diese Sänger aussehen?

Die beliebtesten Interpreten für 14- bis 20-Jährige aus den vergangenen Monaten sind hingegen überwiegend Stars, die zum Teil sogar wir Erwachsenen vor unserem geistigen Auge haben: Beyoncé, Justin Timberlake, 50 Cent, Timbaland, Nelly Furtado, Pink, Bushido, P. Diddy, Rihanna, Fergie oder Tokio Hotel.

Keiner dieser Künstler hätte seinen Erfolg ohne Video- und Bildpräsenz geschafft. Das Radio ist überwiegend nur noch der "Soundtrack" zu den Bildern im Kopf. Jugendformate sind daher in Zukunft unabdingbar mit Fotos und bewegten Bildern verknüpft. Zusammen gefasst: Ein Jugendformat der Zukunft, das sich selbst aktiv um eine Online-Gestaltung kümmert, ist besser aufgestellt als ein Jugendradio, das sich nur auf seine akustische Präsenz verlässt.

Radio unter Wettbewerbsdruck

hörfunker.de: Die Wettbewerbssituation für die Jugendwellen hat sich innerhalb weniger Jahre sehr verändert. Wer buhlt alles um die Gunst der Jugendlichen?

Radio steht unter zunehmendem Wettbewerbsdruck.Radio steht unter zunehmendem Wettbewerbsdruck.
Mario Colantonio: Trend- und Jugendstudien untersuchen jedes Jahr die jeweils aktuellen Veränderungen im Medienkonsum und die damit verbundenen, technischen Hilfsmittel, wie Internet, Mobiltelefon, TV und Hörfunk, mp3-Player, Printmedien und ähnliches. Die positive Nachricht: Jugendliche nutzen terrestrisches Radio auch heute noch überwiegend als Musikquelle. Die schlechte Nachricht: Radiohören ist für Kinder und Jugendliche kein "natürlicher Reflex" mehr, den man von zu Hause aus schon lernt.

In einem Angebots-Mix von individuell steuerbaren Quellen und interaktiven Plattformen, wie etwa "YouTube" oder "Last.fm", ist ein Jugendformat per Radio nur noch einer von vielen möglichen Wegen für Jugendliche, Musik zu konsumieren.

Mittlerweile ist die Wettbewerbssituation eines Jugendsenders sogar "dreidimensional": Bisher konkurrierte er nur terrestrisch mit anderen Radiosendern im gleichen UKW-Verbreitungsgebiet. Im Internet hingegen gibt es keine räumlich begrenzten Territorien mehr. Im Kampf um die tägliche Nutzungszeit von Unterhaltungsmedien spielt das Radio als Nebenbeimedium im Hintergrund zwar oft noch mit. Mp3-Player, Podcastangebote und eigene riesige Musikdatenbanken der Jugendlichen ersetzen aber immer häufiger das Radio.

Auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal

hörfunker.de: Warum sollte ein Jugendlicher dann heute noch Radio hören? Was macht es unverzichtbar?

Mario Colantonio: Radio hat noch immer viele Vorteile, die aber für Jugendliche in diesem Alter meist eine untergeordnete oder nicht allein entscheidende Bedeutung haben.

Nach wie vor ist es eines der schnellsten Medien für Informationen aller Art, wie Nachrichten oder Servicemeldungen. Lokalradio beispielsweise bietet lokale Nähe als "gefühlter Teil der eigenen Heimat" im Gegensatz zu globalen Unterhaltungsangeboten ohne Ortsbezug. Radio ermöglicht auch intensive und vertiefende Beschäftigung mit einem Thema, wie bei Informationskanälen.

Jedes erfolgreiche Unterhaltungsmedium besitzt mindestens eine Einzigartigkeit, die sich bei den Jugendlichen klar festgesetzt hat und deren Nutzungshäufigkeit mitsteuert. Nehmen wir beispielsweise das Mobiltelefon. Das tragen Jugendliche immer „am Mann“. Es suggeriert stete Erreichbarkeit per SMS oder Anruf. Einige zeigen schon eine Art "Entzug" ohne Handy. Auch das Internet steht für Kommunikation. Unverzichtbar für E-Mails, Instant Messenger Chats, sowie für den weltweiten Zugriff auf Websites und Communities aller Art.

UKW-Radios wirken auf die Jugend verstaubt. Foto: sxc.huUKW-Radios wirken auf die Jugend verstaubt. Foto: sxc.hu (© sxc.hu )


Das terrestrische Radio hingegen wirkt auf die Jugendlichen "verstaubt": eine Technik "von gestern" ohne ein aktuell modernes, für sich selbst stehendes neues Radiogerät. Stattdessen wird das über das Radio verbreitete Produkt lediglich auf andere Medienträger wie Handy oder Internet übertragen.

Dennoch sehe ich eine große Chance für das Radio. Es sollte sich auf seine Stärken besinnen. Etwas bieten, was über das reine Musikabspielen in Internetstreams und mp3-Playern hinausgeht. Das sind Moderatorenpersönlichkeiten. Menschen, die etwas zu sagen haben und daher von den Zuhörern geschätzt werden. In der Renaissance von Moderatorenpersönlichkeiten könnte die Einzigartigkeit des Radios liegen.

Der Beruf der Zukunft ist der "Web-DJ"

hörfunker.de: Das klingt großartig. Aber Persönlichkeiten polarisieren auch und waren daher im Radio gar nicht mehr gefragt. Wo sollen die jetzt herkommen?

Mario Colantonio: In der Tat fehlen dem deutschen Radio bisher die Plattformen zur Suche und Aus- oder Weiterbildung echter Talente, die lernen müssen, ihre natürlichen Charakterzüge und Eigenschaften mit den Marktgesetzen moderner Massenkommunikation zu verknüpfen. Wir müssen daher in die Ausbildung multimedial ambitionierter Talente investieren. Dabei wird ein neuer Beruf entstehen. Ich nenne ihn mal "Web-DJ".

hörfunker.de: Was kann der mehr als der klassische Radiomoderator?

Der "Navigator" im Radio- und Online-Angebot von "Bavarian Open Radio", dem neuen Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks, nennt sich "Guide". Screenshot "Bavarian Open Radio".Der "Navigator" im Radio- und Online-Angebot von "Bavarian Open Radio", dem neuen Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks, nennt sich "Guide". Screenshot "Bavarian Open Radio".


Mario Colantonio: Der Web-DJ wird in Zukunft der Internet-Plattform-Moderator sein, den man auch terrestrisch im klassischen Radio hören kann. Seine Hauptaufgabe wird darin bestehen, durch die Jugend-Community zu führen. Fernsehen und Radio, wie wir es heute noch weitgehend getrennt nutzen, wird an vielen Stellen miteinander verschmelzen.

hörfunker.de: Wie stellen Sie sich also den Radiosender der Zukunft vor?

Ein Radiosender der Zukunft wird nicht nur ein Sendestudio, sondern auch gleich noch ein kleines Fernsehstudio besitzen. Gäste werden nicht mehr nur akustisch, sondern auch visuell aufgezeichnet. Redakteure werden nicht mehr nur O-Töne für Umfragen mit dem Mikrofon sammeln, sondern sie auf den Strassen mit Kamera produzieren. Hörer werden nicht mehr nur Konzertkarten und ein "Meet & Greet" gewinnen, sondern es mit einer Handycam für die anderen Community-Nutzer aufzeichnen und hinterher ins Netz stellen.

Radio muss - auch formal - gesehen, die technischen Grenzen seiner eigenen, historischen Definition als rein akustisches Medium verlassen. Sich also praktisch für die junge, nachwachsende Generation neu erfinden.

Interview: Inge Seibel-Müller