Gezwitscher vom Radio

Jetzt haben auch erste Hörfunker den Mikrobloggingdienst "Twitter" für sich entdeckt


18.1.2009
Podcasts, weblogs, Youtube, Communities und Mikroblogging - interaktive Kommunikationsmittel schießen scheinbar wie Pilze aus dem Boden. Wer hat da noch den Durchblick? Wo müssen die klassischen Medien dabei sein, um die Zukunft nicht zu verschlafen? Der neue Hype heißt "Twitter". Und der geht nicht vorbei, sagen die Social-Media-Experten. Eine Handvoll Radiosender ist auf den Zug aufgesprungen.

Podcasts, weblogs, Youtube, Communities und Mikroblogging - interaktive Kommunikationsmittel schießen scheinbar wie Pilze aus dem Boden. Wer hat da noch den Durchblick? Wo müssen die klassischen Medien dabei sein, um die Zukunft nicht zu verschlafen?

"Social Media" boomt



Die gute Nachricht zuerst: Social Media Experten sind sich einig, dass es in 2009 keine wesentlichen neuen Trends geben wird, sondern dass Vorhandenes erst einmal reifen müsse. Social Media, damit werden Webdienste und Plattformen umschrieben, die vor allem zum gegenseitigen Austausch von Meinungen, Erfahrungen und Informationen ihrer Mitglieder dienen sollen. Seit diese Dienste boomen, ist es vorbei mit der so genannten Einwegkommunikation der klassischen Massenmedien. Hörer, Leser und Zuschauer können sich am "Gespräch" beteiligen. Die beliebtesten Variationen sind Video- und Foto-Plattformen, aber auch Communities und zunehmend "Twitter", der Inbegriff des Mikrobloggens in 140 Zeichen. Zwar gibt es auch andere Anbieter wie identi.ca oder frazr.de, der Kurznachrichtendienst aus Deutschland. Ihr Nachteil ist allerdings, dass sie wesentlich weniger Nutzer aufweisen können, als die derzeit geschätzten sechs Millionen bei "Twitter". Und täglich kommen neue Nutzer dazu.

"Twitter" wird zur Quelle des Journalismus



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Spätestens seitdem Barack Obama die Mikroblogging-Plattform als nützliches Kommunikationswerkzeug in seinem Wahlkampf einsetzte, ist der bereits 2006 gegründete kostenlose Textdienst salonfähig geworden. Viel wichtiger aber noch für Radio- und Zeitungsredaktionen: Mit "Twitter" bekommt der Bürgerjournalismus eine ganz neue Dimension. Während der Terroranschläge im indischen Mumbai setzten "Twitterer" aus den betroffenen Hotels Kurzberichte ab, die weltweit von den "klassischen" Medien für ihre Berichterstattung genutzt wurden. Erster Star des Mikroblogging-Universums wurde im Januar Janis Krums. Der aus Florida stammende Nachwuchsmanager hatte über den "Twitter"-Bilderdienst "Twitpics" eine der ersten Aufnahmen von der spektakulären Notlandung des Airbus auf dem Hudson River in New York verbreitet. Sein mit dem Handy aufgenommenes Bild von dem sinkenden Flugzeug landete innerhalb weniger Sekunden auch in vielen Redaktionen und tags darauf sogar auf der Titelseite der renommierten "Los Angeles Times". Krums selbst wurde zum gefragten Interviewpartner und gab in bekannten Fernsehsendungen wie "Good Morning, America" bereitwillig Auskunft.

Do's and Don'ts für twitternde Redaktionen



Nicole Simon: Der Hype geht nicht vorbeiNicole Simon: Der Hype geht nicht vorbei
Keine Frage - "Twitter" wird immer mehr zu einer wichtigen aktuellen Informationsquelle des Journalismus. Aber - sollen Redaktionen und Journalisten jetzt auch selbst "twittern" und was müssen sie dabei beachten? Das fragte die freie Medien- und Marketingjournalistin Ulrike Langer die Social-Web-Expertin Nicole Simon für das Mediummagazin. Nicole Simon ist Autorin des im Dezember 2008 erschienenen Fachbuchs "Twitter - Mit 140 Zeichen zum Web 2.0". "Auf alle Fälle müssen sie sich mit Mikroblogging beschäftigen", antwortete Simon dem Mediummagazin. "Jetzt haben Redaktionen noch die Zeit, mit dem Medium zu spielen und sich in Ruhe damit vertraut zu machen. Irgendwann aber nicht mehr, weil dann alle anderen schon da sind. Wenn eine Redaktion heute noch nicht twittern möchte, sollte sie zumindest schon mal ihre Claims abstecken und ein Account unter ihrem Namen reservieren. Und dann sollte die Redaktion zunächst in einer geschlossenen Gruppe üben." (Das ganze Interview lesen Sie online bei www.mediummagazin.de oder bei Medial & Digital)

"Twitternde" Radiosender



Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender "zwitschern" inzwischen mit. OffizielleTwitterverzeichnisse dafür gibt es nicht. Eine Liste der Twitter nutzenden Medienunternehmen wird gerade erstellt und nennt sich "Social Media Marketing der Medienunternehmen im deutschsprachigen Raum". Damit Sie den Anschluss nicht verpassen, erstellen wir auf hoerfunker.de eine Liste twitternder Radiosender ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wir freuen uns über jede Mithilfe, die Liste weiter zu vervollständigen. Schreiben Sie uns gerne eine kurze Mitteilung an redaktion@hoerfunker.de.

  • 87.6 Radio Idar-Oberstein
  • 94.5 Radio Cottbus
  • 955charivari (95.5 Charivari München)
  • 98.7 Radio Emscher Lippe
  • 98.8 KISS FM (Berliner Stadtradio)
  • 104.6 RTL Berlin
  • 105,5 Spreeradio (Berlin)
  • antenne (Antenne Düsseldorf)
  • ANTENNEBAYERN
  • Antenne Niederrhein
  • BLN.FM (Onlineradio aus Berlin)
  • blogschau (Deutsche Welle)
  • ByteFM (Internetradio aus Hamburg)
  • CLIQFM (Internetradio)
  • DASDING (SWR)
  • DerTag (HR 2)
  • Donau 3 FM (Lokalradio aus Ulm
  • dradiowissen (DRadio Wissen - Deutschlandradio)
  • drs2 (Schweizer Radio DRS - Kultur und Wissen)
  • DRS_3 (Schweizer Radio DRS - Pop)
  • DRS Virus (Schweizer Jugendradio)
  • dwworld (Deutsche Welle)
  • egoFM (Jugendsender aus München)
  • energyberlin
  • ENERGYBremen
  • ENERGY_HAMBURG
  • ENERGYSachsen
  • FFHde (HITRADIO FFH)
  • fm4stories (Jugendwelle des ORF)
  • fritzde (Fritz/rbb)
  • hr3de (hr3/Hessischer Rundfunk)
  • KingFMZwitscher (Internetradio)
  • liferadio (Privatsender aus Oberösterreich))
  • M94.5 (Ausbildungsradio aus München)
  • MDRINFO (Inforadio des MDR)
  • MDR_SPUTNIK (MDR)
  • medienmagazin (radioeins/rbb)
  • mephisto976 (Lokalradio der Uni Leipzig)
  • motorfm (Privatsender aus Berlin)
  • njoy (NDR)
  • NRJMorningshow Energy Nürnberg 106,9
  • nrjstuttgart
  • primavera24 (Privatradio Aschaffenburg)
  • quufm (Internetradio aus Hamburg)
  • Radio 30 plus
  • Radio_Arabella (Münchener Lokalradio)
  • RadioArabella (Privatsender, Wien)
  • RadioBielefeld (NRW)
  • radiode (Audioservice/Internetplattform)
  • RADIO_ENERGY (Energy Deutschland)
  • RadioGalaxy_IN (Privatradio, Ingolstadt)
  • radio_gfm (Gema-Freies-Webradio)
  • RadioTrausnitz (Privatradio Landshut)
  • RadioGuetersloh
  • RadioIN (Privatradio aus Ingolstadt)
  • radioq (Campusradio Münster/Steinfurt)
  • radiorsa (Privatradio aus Leipzig)
  • radioSAW (Privatradio aus Sachsen-Anhalt)
  • RadioTEDDY (Kinderradio, Berlin)
  • radiotrackback (Trackback/Fritz)
  • RadioTrausnitz (Privatradio Landshut)
  • Radio WAF (Lokalradio Kreis Warendorf/NRW)
  • radiozentrale (Gattungsinitiative dt. Radiosender)
  • yourzzfm (Internetradio des Westfälischen Anzeigers)
  • to be continued...

    Feedback- oder PR-Kanal? Wie Medienhäuser twittern



    Die Art des Kommunizierens bei "Twitter" entscheidet über den Erfolg. Manche Redaktionen wie Focusonline und bild.de nutzen "Twitter" als PR-Kanal und verschicken - offensichtlich automatisiert, direkt aus dem Redaktionssystem - nur Überschriften und Schlagzeilen. Obwohl die Angebote schon länger bestehen, haben sie nur wenige hundert Anhänger. Andere - wie Welt Kompakt, DerWesten oder die Hannoversche Allgemeine - twittern weitaus persönlicher, scherzen und kommunizieren mit ihren Lesern. Das wirkt sympathisch und authentisch und die Fangemeinde zählt schon über 2000 Anhänger. Der Blick in den Redaktionsalltag wirkt offenbar Leser bindend. Das bestätigt auch Social-Media-Experte Klaus Eck, Kommunikationsberater aus München und Herausgeber des "PR Bloggers": "Nur wer sich auf seine Leser einlässt und mit ihnen kommuniziert, der bleibt auf 'Twitter' relevant. Medienhäuser sollten deshalb 'Twitter' als Social Media Publishing-Instrument durchaus ernst nehmen und sich in der Twitterwelt vom herkömmlichen Online-Publizieren - und damit von der Einbahnstraßenkommunikation - verabschieden. Erst dann können sich Erfolge wirklich einstellen."

    "Medienmacher lieben Twitter"



    "Medienmacher lieben Twitter", hat der Branchendienst Turi2 festgestellt und fragte per Email im Dezember nach, wie und warum sie "Twitter" im Redaktionsalltag nutzen. (Alle Antworten im Branchendienst Turi2.)

    "Wir twittern, weil es Spaß macht. Und manchmal bringen uns unsere Follower auf gute Ideen", antwortete beispielsweise der stellvertretende Redaktionsleiter von Welt Kompakt, Frank Schmiechen. Der Ableger aus dem Hause Springer twittert bereits seit April 2008. Die Welt-Kompakt-Redaktion spielt mit den Möglichkeiten des so genannten Web 2.0 wie keine zweite deutsche Print-Redaktion und verbreitet hin und wieder ganz bewusst Redaktionsinterna, die sonst wohl nicht die Redaktionsräume verlassen würden. Vom Branchendienst meedia.de bekamen sie dafür anerkennend den Beinamen "Die Twitter-Rebellen von 'Welt-Kompakt'" (Siehe dazu auch den Artikel bei meedia.de).

    Andere Redaktionen wie spiegelonline und stern.de testen noch. "Sicherlich muss eine Redaktion im Jahr 2008 eine andere, vielleicht auch offenere Art von Kommunikation mit dem User, Leser, Zuschauer pflegen - aber nicht alles, was technisch geht, ist auch sinnvoll", beantwortete der stellvertretende Chefredakteur von stern.de, Ralf Klassen, die Email-Anfrage von Turi2 im Dezember 2008.

    Daniel Fiene vom Medienpodcast "Was mit Medien" sagt, "wir versuchen immer Kleinigkeiten zu twittern, was wir gerade hinter den Kulissen machen. 'Twitter' ist für uns wie eine Küche im Internet, in der wir unsere Hörer treffen." Fiene ist Volontär bei Antenne Düsseldorf. Vermutlich inspirierte er seinen Chef, denn der Lokalsender aus Nordrhein-Westfalen gehört zu den ersten Radiostationen, die "Twitter" für sich entdeckt haben. "Mit 'Twitter' können wir online unsere Hörer noch schneller erreichen - und die Hörer können sogar uns erreichen. Wir versorgen unsere Twitter-Leser mit den neuesten Schlagzeilen, können aber auch lokale Eilmeldungen direkt ins Netz und auf die mobilen Endgeräte twittern. Das unterstreicht unsere lokale Kompetenz", begründet Antenne Düsseldorf-Chefredakteur Michael Mennicken die Twitteraktivitäten seines Senders.

    Beispiele, w i e Radiosender "twittern"

    (Stand: 19.01.2009)

    "Rebellen" wie Welt Kompakt, finden sich unter twitternden Radiostationen noch keine. Mit "Hallo Welt!" meldete sich am 17. September 2008 zum ersten Mal die Redaktion von nrjstuttgart zu Wort. "Hier findest du aktuelle Infos und Impressionen aus der Radio Energy Redaktion in Stuttgart", werden die Twitteraktivitäten beschrieben. Und tatsächlich: mal launig, mal informativ, so liest sich das dann:
    "guten morgen aus der energy redaktion! es ist kalt draussen, aber die stimmung ist gut! heute ist kinotag: tropic thunder" oder "wir haben die ganze nacht für das video durchgearbeitet da uns das schnittprogramm gegen 1 Uhr verlassen hat" - "10 Sec. Sendeaussetzer durch ein technisches Problem. Da bleibt einem doch immer wieder das Herz stehen". Programmtipps zwitschert NRj Stuttgart auch: "Guten Morgen! ENERGY ist stolz, euch die neue Morningshow präsentieren zu können: Die Toast-Show mit Nik und Simone. http://www.energy.de/stuttgart/inside/toastshow/index.html".

    Radio und "Twitter" sind verwandt?

    Begeisterter Twitteraner, auch privat, ist Michael Praetorius, Leiter Online von Antenne Bayern, Deutschlands meistgehörtem Privatsender aus Ismaning bei München. Angst, dass die ganzen Social-Media-Dienste dem Radio Konkurrenz machen, hat er nicht. Das laufe komplementär. Praetorius vergleicht den Kurznachrichtendienst "Twitter" mit dem Radio und findet überraschende Übereinstimmungen: "Früher hatten wir Moderatoren, die haben zu einem ihnen bekannten Zeitpunkt etwas gesagt und das ging an eine unbestimmte Zahl von Leuten. Einer sagt was, viele können darauf reagieren - über Anruf, Mail, Brief. 2009 heißt das "Twitter": eine Personality sagt was, viele bekommen es mit. Von den Mediennutzungsmechanismen sind Radio und 'Twitter' sehr verwandt." Mit Social Web, glaubt Praetorius, "hat jeder die Chance, eine Personality zu werden." Auch Michael Praetorius twittert öffentlich unter twitter.com/praetorius



    Der 1LIVE_Fernseher ist die Internet-Video-Plattform von 1LIVE, dem jugendlich ausgerichteten Radio-Programm des WDR. Das On-demand-Portal bündelt zielgruppenrelevante Beiträge des WDR Fernsehens. Und so liest sich das dann im zugehörigen Twitterfeed:
    "Schmidt & Pocher lästern nicht nur über die Dschungel-Stars, sie machen selbst eine Dschungel-Prüfung. Video: http://tinyurl.com/7w3yl8 oder "Brettern bis der Arzt kommt: Auf den Pisten im Sauerland geht's derzeit ab - auch für die Bergwacht-Retter. http://tinyurl.com/9sdoak"

    Verhältnismäßig unspektakulär bislang sind die Twitterfeeds von antennebayern, motorfm, dwworld oder radioSAW. Hier werden lediglich News oder Programmankündigungen verlinkt. Wer allerdings dem Twitter-Account http://twitter.com/verkehrszentrum folgt, landet bei einem weiteren Angebot (Feet) von Antenne Bayern: den aktuellsten Stau- und Blitzermeldungen, ideal für das Mobilfon. Noch weist der offizielle Antenne Bayern Account nicht auf dieses Zusatzangebot.


    Losgezwitschert hat fritzde, das Jugendprogramm des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) so richtig erst am 17. Dezember 2008. Dafür aber launig und unterhaltsam:
    "Mail an die gesamte Redaktion erhalten: 'Schaltet Eure PCs aus, spart Strom und schützt das Klima, wenn ihr nachhause geht.'" Oder: "Klo verstopft! Wir haben ein Problem." Und: "morgen wird obama ins amt eingeführt. und in der kantine gibt es kohlsuppe - die haben null pathos. aber wir arbeiten dran."

    Seit Dezember 2008 auch dabei, DASDING, das Jugendprogramm des SWR:
    "Jetzt müssen wir alle ganz stark sein: Til Schweiger singt. http://tinyurl.com/5m5tpp" oder "Britney Spears hat mit ihrem neuen Album "Circus" in den USA alle Verkaufs-Rekorde gebrochen http://tinyurl.com/56jrf7"
    zwitschert die Redaktion und verlinkt auf interne und externe Informationen aus der Musik und Filmszene.