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30.8.2008 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Radiomacher im Internet

Die Konkurrenz für terrestrische Stationen wird immer größer

Während die Digitalisierung des Radios in Deutschland weiterhin nur schleppend voran kommt, machen immer mehr Internetradios von sich reden. Dabei gehen sowohl die klassischen Radiostationen als auch neue Anbieter vermehrt ins Netz. Die Vielfalt der Angebote könnte allerdings auch zum Problem für die Webradio-Betreiber werden. Denn nur wer gezielt die Werbetrommel rührt, wird von Hörern und Werbetreibenden überhaupt wahrgenommen.

Die guten alten UKW-Stationen haben derzeit weniger zu lachen. Nicht nur die Spotschaltungen sind im Vergleich zum Vorjahr rückläufig; laut Nielsen Media Research hat das Internet mit seinem Werbevolumen die von Januar bis Juni 2008 geschalteten Radio-Werbespots erstmals überflügelt.

Logo der Initiative Marketing Digital Radio.Logo der Initiative Marketing Digital Radio. (© digitalradio.de )
Kopfzerbrechen bereitet seit geraumer Zeit den Radiomanagern auch die anstehende Digitalisierung. Jetzt stellte die Financial Times Deutschland "Tonstörungen beim Digitalradio" fest. In der Tat kommen die Digitalradioprojekte in Deutschland eher schleppend voran. Neben einem einheitlichen DAB-Standard fehlen geeignete Endgeräte und vor allem zukunftsträchtige Geschäftsmodelle.

Gedämpfte Freude brachte die aktuelle Reichweitenuntersuchung ma 2008 Radio II den Radiosendern insgesamt aufgrund der sinkenden Hördauer. Schuld daran ist die "kleine Währungsreform", wie Dieter K. Müller, Vorstand Radio bei der Arbeitsgemeinschaft MediaAnalyse, die Erweiterung der Erhebungsbasis um zwei neue Zielgruppen umschreibt. Erstmals wurden die Hörgewohnheiten von Kindern im Alter zwischen 10 und 13 Jahren und von in Deutschland lebenden EU-Ausländern in der MediaAnalyse berücksichtigt. Damit wächst zwar die Grundgesamtheit der potentiellen Radiohörer von 65 auf rund 70 Millionen, gleichzeitig fällt die Radionutzung dieser bisher nicht berücksichtigten Zielgruppen - was niemanden überrascht haben dürfte - verhältnismäßig gering aus.

Probleme bereitet den Programmmachern zunehmend die geringe Lust der jungen Hörer aufs Radio. Ließen die bisher ausgewiesenen 14- bis 29-Jährigen ihr Gerät laut der im März 2008 veröffentlichten Analyse noch 160 Minuten am Tag laufen, sind es jetzt bei den 10- bis 29-Jährigen ganze 24 Minuten weniger.

Radio aus dem Internet: Auch Ältere kommen auf den Geschmack

Im Rahmen der halbjährlich wiederkehrenden Jubelmeldungen zur ma Radio zeigte sich Wolfgang Schmitz, Hörfunkdirektor des WDR, zwar zufrieden mit den MA-Ergebnissen für seine Sendeanstalt: "Eine schöne Bestätigung, für das, was unsere Programmmacherinnen und -macher täglich leisten." Gleichzeitig stellt er die Bedeutsamkeit der bereits seit längerem umstrittenen Erhebungsmethode in Frage, denn 'Radio hören' funktioniere längst nicht mehr ausschließlich über den traditionellen UKW-Empfänger in Wohnzimmer, Küche, am Arbeitsplatz oder im Auto. "Unsere Inhalte erreichen die Hörerinnen und Hörer längst auch über andere Wege, etwa über unsere Mediathek, als Live-Stream, Podcast oder Download. Gerade die Jüngeren fragen diese Möglichkeiten ganz gezielt nach. Wir wissen aber, dass auch die Älteren langsam auf den Geschmack kommen", so Wolfgang Schmitz.

MediaAnalyse ohne Webradios

Pech nur, dass die Internetangebote und Webradios bei der MediaAnalyse nicht mitgezählt werden. Das bedauert auch Radio/Tele FFH-Chef Hans-Dieter Hillmoth und meint: "Das Internet wird als Übertragungskanal nach UKW für Radio immer wichtiger."

Musik für jeden Geschmack bei FFH DIGITAL.Musik für jeden Geschmack bei FFH DIGITAL.
Das Unternehmen Radio/Tele FFH mit seinen UKW-Sendern HIT RADIO FFH, planet radio und dem Oldiesender harmony.fm produziert Webradios quasi am Fließband. Seit Mitte 2007 streamt die Radio/Tele FFH von "Schlagerkult" über "Hits für Kids" bis "Rock over Germany" zwölf zusätzliche Webradios im Internet. Diese Angebote im Netz werden nach Unternehmensangaben über 700.000 Mal pro Monat genutzt.

Seit Mitte August gesellt sich ein Nachrichtenkanal zum Internet-Portfolio des hessischen Marktführers. Stündlich neu und rund um die Uhr sind auf www.FFH.de die aktuellen News aus der FFH-Nachrichtenredaktion zu hören. Die Nachrichten gibt es auf FFH.de auch zum Lesen und seit kurzem neu: Nachrichten-Videos. Damit nicht genug. FFH-Ableger planet radio plant drei Zusatz-Webradios, die demnächst auf Sendung gehen sollen.

Webradios setzen auf Sponsoren und neue Werbeformen

Doch nicht nur die klassischen Radiostationen vermehren ihre Webangebote. Von Woche zu Woche tummeln sich im Netz immer mehr ernst zu nehmende Konkurrenten und machen von sich reden. Internetradios in allen Schattierungen, mit neuen Konzepten und einer Programmvielfalt, die viele beim terrestrischen Radio vermissen. Die neuen Angebote verzichten auf herkömmliche Werbeformen wie Spots und Gewinnspiele und setzen auf Gönner und Sponsoren. Von der Presse hoch umjubelt, werden einige gefeiert als "Radio, wie es früher einmal war", jenseits vom Mainstream, als "Radio mit Anspruch".

Je einfacher es technisch wird, Internetradio mit Hilfe so genannter WLan-Radios auch ohne PC und damit überall in der Wohnung zu empfangen, um so mehr müssen die traditionellen Radiostationen die Konkurrenz aus dem Netz fürchten. WLan-Radioempfänger sind mittlerweile attraktive Produkte: "Über den Verkauf der Endgeräte braucht man sich keine Sorgen zu machen. WLAN-Radios verkaufen sich bei Tchibo ebenso wie im Versandhandel", lautete eines der Ergebnisse, die Klaus Goldhammer, Geschäftsführer der Berliner Goldmedia GmbH im Juli auf den Lokalrundfunktagen der Bayerischen Landesmedienzentrale (BLM) in Nürnberg aus seiner Studie "Online Radio Perspektiven" zitierte.

WLan-Radios können Tausende von Sendern aus aller Welt empfangen. Foto:isWLan-Radios können Tausende von Sendern aus aller Welt empfangen. Foto:is (© is )
Wo technisch alles möglich scheint, setzt bisher nur die Anwenderfreundlichkeit dem Siegeszug der Webradios noch Grenzen. Einrichtung und Bedienung geben manchem Nutzer Rätsel auf. Vielleicht hilft hier der Ratgeber "WLan-Internetradios" von Mario Gongolsky und Niels Gründel weiter. Die Betreiber der Site "reinhören.de" helfen mit Tipps und geben einen kompakten und aktuellen Überblick über die derzeitigen Geräte.

Die bereits bestehende Vielfalt der Angebote könnte allerdings auch zum Problem für die Webradio-Betreiber werden. Rund 1500 Webradios waren im August 2008 allein in Deutschland bei der GEMA lizensiert. Üblicherweise werden die neuen Endgeräte mit bis zu 10.000 voreingestellten Programmen aus aller Welt ausgeliefert. Da müssen die virtuellen Radiomacher schon gezielt die Werbetrommel rühren, um bei Hörern anzukommen und von Werbetreibenden überhaupt wahrgenommen zu werden.

ByteFM - Expertenradio aus Hamburg

ByteFM nennt sich das selbsternannte "Journalistenradio" mit Sitz in Hamburg. Gestreamt wird seit Januar angeblich alles, was in der modernen Popmusik wichtig scheint. Gestaltet und moderiert wird das Webprogramm von Musikern und Journalisten.

Initiator Ruben Jonas Schnell, der sein Geld beim NDR mit der Moderation der Sendungen "Nachtclub" und "Nachtclub Magazin" verdient, hat mittlerweile rund 70 engagierte Radio- und Musikerprofis um sich versammelt, die mit Herzblut und bisher ehrenamtlich bei der Sache sind. Keine "HitHits", keine Computerrotation, dafür neue und alte Platten, Interviews und Hintergrundinformationen über Szenen, Bands, Entwicklungen und Zusammenhänge werden dem Hörer versprochen. Es gibt moderierte Sendungen, Mitschnitte von Live-Konzerten und exklusive Mixe von lokalen und internationalen DJs.



Wer sich die Viten der Moderatoren anschaut, findet viele Lebensläufe mit imposantem beruflichen Hintergrund. Die Macher verstehen sich als Ergänzung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo viele hauptberuflich beheimatet sind. Spaß am Medium und nicht Gewinnmaximierung ist derzeit das Ziel. Doch auf Dauer wird nach Sponsoren gesucht, um die Mitarbeiter im werbefreien Programm angemessen bezahlen zu können. Die monatlichen Fixkosten trägt als Sponsor aus der Unterhaltungselektronik Panasonic und stellt einen speziellen Radio-Player auf der Website von ByteFM bereit, über den das Programm zu empfangen ist.

Gute Kontakte zur Presse sind bei diesem Mitarbeiterstamm nicht überraschend. Die bislang erzielten Erfolge in Sachen Öffentlichkeitsarbeit können sich durchaus sehen lassen. "Die Zeit", die "taz" und auch die "Frankfurter Rundschau" sowie das Medienmagazin "Zapp" des NDR haben bereits höchst euphorisch über die "Dissidenten des Dudelfunks" berichtet.

Das Online-Radio mit Anspruch sei "eines der aufregendsten Internetradioprojekte der letzten Zeit", befindet die taz

taz-Musikredakteur Tobias Rapp hat eine monatliche Sendung bei ByteFM und auch Ulrich Stock von der "Zeit" stößt demnächst zum Moderatorenstamm. 2005 sorgte er mit seinem Artikel"Rettet das Radio" für Aufregung, indem er die deutsche Radiolandschaft als "ein ödes, an Höhepunkten armes Flachland" darstellte. Offensichtlich gibt es für ihn nun doch "ein Zeichen der Hoffnung".

QUU.FM mit erster Realityshow im (Web)Radio

Anfang Mai 2008 hat die Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein (MA HSH) gleich zwölf mal die Zulassungen für neue bundesweite Hörfunkprogramme auf zehn Jahre erteilt, die zunächst per Internet verbreitet werden sollen. Seit Ende Mai ist zum Beispiel QUU.FM im Netz.

Die Macher verstehen ihr Programm als "eine Radio-Plattform im Internet, die das Web 2.0 mit dem herkömmlichen Medium Radio verschmelzt". Ein Radio zum Hören, Sehen, Lesen und - Mitgestalten. QUU.FM setzt auf den Promifaktor und wirbt mit Moderatorennamen wie Bärbel Schäfer, Michel Friedman oder MTV-Legende Ray Cokes. Motor des Senders ist Programmdirektor Maik Nöcker, der einst bei Radio Schleswig-Holstein lockere Sprüche verbreitete und bei Kabel 1 in den 90ern eine Dating-Show moderierte. Geschäftsführer und Alleingesellschafter ist Harald König.

Mike Nöcker und Harald König haben mit QUU.FM ein vielversprechendes Webradio gestartet, das vor allem Prominente ans Mikrofon läßt. Foto: QUU.FMMike Nöcker und Harald König haben mit QUU.FM ein vielversprechendes Webradio gestartet, das vor allem Prominente ans Mikrofon läßt. Foto: QUU.FM (© quu.fm )
Getreu dem Motto: 'Ein Webradio kann von überall senden', wurde für Bärbel Schäfer ein mobiles Sendestudio in Frankfurt eingerichtet. Aus New York City meldet sich, wenn er kann, will und Lust hat Marcel Loko, Mitbegründer der Werbeagentur "Zum Goldenen Hirschen".

Ab September präsentiert MTV Legende Ray Cokes seine neue Show "QUU.FM feat. Ray Cokes". Der Pionier des Musikfernsehens setzt sich in der Show mit seinem Umzug von London nach Berlin auseinander. Cokes will dabei von Umzugskisten und Möbelpackern erzählen und berichten wie er als Brite Deutsch lernt und seine neue Heimat Berlin entdeckt. "Ray moves to Berlin" , so behauptet der Sender, sei die erste Reality Show im (Web)Radio.

Finanziell unterstützt wird das Webradio von Philips. Von der Kooperation verspricht sich der Elektronikriese einen erhöhten Abverkauf seiner Streamingrodukte. Der Konzern nutzt die Plattform auch, um neue Netzwerkplayer zu promoten. Die Kooperation mit QUU.FM ist zunächst auf ein Jahr angelegt.