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10.7.2008 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Mojos, Bürojos und Ofjos

Astrid Neururer arbeitete acht Jahre lang bei der Antenne Vorarlberg. Seit einem Jahr leitet sie ein Livereporterteam für den Vorarlberger Onlinedienst, das mit Kamera, Mikrofon, Fotoapparat und Laptop überall dort auftaucht, wo es Interessantes zu berichten gibt. Den Job findet das Team spannend, weil kein Tag dem anderen gleicht. Auf den Lokalrundfunktagen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in Nürnberg klang ihr Praxisbericht so euphorisch wie die Anfangszeit des Privatradios.

Mit dem Zusammenwachsen der Mediengattungen im Internet entstehen neue Wege der Berichterstattung und ein ganz neues Berufsbild: der Mobile Journalist. Auf den Lokalrundfunktagen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in Nürnberg diskutierten Referenten und Teilnehmer über die Ausbildung für diese neue Herausforderung für Journalisten und gaben Einblicke in die Praxis.

Entschleunigung in der redaktionellen Arbeit, wie es sich mancher Hauptstadtjournalist in Berlin wünscht, ist für Astrid Neururer ein völlig abwegiger Gedanke. Sie bevorzugt es, wenn sich die Tempospirale in der Berichterstattung Dank modernster Technik immer schneller dreht.

Vier technisch voll ausgestattete Minicooper sind die Büros der Mojos. Foto: Vol LiveVier technisch voll ausgestattete Minicooper sind die Büros der Mojos. Foto: Vol Live (© vol live )
Die 29jährige leitet das Livereporterteam "Vol Live" (Slogan: "So schnell kann`s gehen") beim regional ausgerichteten Onlineportal des Vorarlberger Medienhauses in Schwarzach bei Dornbirn. "Breaking News", das wird hier garantiert, sind innerhalb von drei Minuten online. Ihre kleine Crew von sieben Mobilen Journalisten ("Mojos"), die mit technisch hoch ausgestatteten Minicoopern als mobilen Büros durch das kleinste und westlichste Bundesland Österreichs braust, ist immer dort, wo es live etwas zu berichten gibt. Hautnah am aktuellen Geschehen.

In den schnellen Onlinemedien wird die neue Generation von Journalisten als "Mojos", "Bürojos" oder "Ofjos" bezeichnet. Diese Abkürzungen stehen für Mobile Journalisten, Büro-Journalisten oder Office-Journalisten.

Astrid Neururer startete ihre journalistische Karriere beim Radio. Foto: isAstrid Neururer startete ihre journalistische Karriere beim Radio. Foto: is (© is/bpb )
Astrid Neururer startete ihre Berufskarriere im Radio. Beim Privatsender Antenne Vorarlberg stieg sie von der Volontärin zur Redakteurin auf, war Moderatorin und schließlich stellvertretende Programmchefin des Senders, der ebenfalls zum Vorarlberger Medienhaus gehört. Doch das ehemals schnellste Medium war für sie schließlich nicht mehr attraktiv genug: "Internet ist wirklich schnell, vielleicht wird es immer noch schneller und darauf freue ich mich", schwärmt Astrid Neururer und mit ihr die kleine Crew von "Mojos", die sich selbst als "verrückten Haufen" sehen. Jung, schnell, spannend, interessant und abwechslungsreich finden sie ihren Job, weil kein Tag dem anderen gleicht. Das ist Spannung pur.

Die Themenpalette, über die das Team berichtet, ist bunt gemischt: Sportereignisse, Musikevents, Theateraufführungen werden ebenso gefilmt wie schwere Verkehrsunfälle, Brandkatastrophen oder der Fund einer Wasserleiche in der Region. Die Videos, Fotos und O-Töne, die die mobilen Reporter unterwegs einfangen, gehen - wenn nötig - gleich als Livestream online. Meistens aber werden sie mit Hilfe von UMTS-Karten zum Bürojournalisten zur Endaufbereitung in die Redaktion übertragen. Die onlinegestellten Videos können von den Usern direkt bewertet und kommentiert werden.

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Vorarlberger Medienhaus

Das Vorarlberger Medienhaus steht für modernste Medien und Kommunikationstechnologien. Zum Medienhaus gehören u.a. die traditionsreiche Tageszeitung Vorarlberger Nachrichten, Antenne Vorarlberg und das Internetportal Vorarlberg Online. Die Vorarlberger Nachrichten wurden auf dem 59. Weltkongress der Zeitungen in Moskau als "Tageszeitung des Jahres 2006" ausgezeichnet. Qualitätsjournalismus, Innovationskraft, Multimedialität und Wirtschaftlichkeit waren laut Jury als Erfolgskriterien ausschlaggebend. Vorarlberg Online (www.vol.at) ist mit einer 70 prozentigen Reichweite die beliebteste Internetseite der Vorarlberger und verzeichnet 71 Millionen Seitenaufrufe im Monat.

Obwohl auch im Vorarlberger Medienhaus immer noch ein gewisses Konkurrenzdenken zwischen den Redakteuren der einzelnen Mediengattungen untereinander herrscht, ist es fast schon selbstverständlich, dass das von den "Mojos" eingefangene Material crossmedial bearbeitet und eingesetzt wird: Die Tageszeitung "Vorarlberger Nachrichten" bekommt Fotos, der Radiosender "Antenne Vorarlberg" O-Töne. Im Gegenzug verweisen beide auf Videos bei "Vorarlberg Online" (vol.at).

Astrid Neururer zum crossmedialen Workflow im Vorarlberger Medienhaus
"Im Grunde aber arbeiten wir nach dem Agenturprinzip", erklärt die Onlinejournalistin die crossmediale Zusammenarbeit. "Wir reißen die Geschichten auf, liefern den Kerntext und die Infos, manchmal auch die Telefonnummer eines Augenzeugen, zur weiterführenden Recherche der anderen Medien. Es liegt dann in deren Ermessen, was sie weiter daraus machen."
"Vorarlberg Online" verzeichnet 71 Millionen Seitenzugriffe pro Monat."Vorarlberg Online" verzeichnet 71 Millionen Seitenzugriffe pro Monat. (© vol live )
Wer als mobiler Reporter für Onlinemedien arbeiten will, hat erst mal viel zu schleppen: Videokamera, Fotoapparat, Licht, Stativ, Mikrofon, Laptop und UMTS-Karte für die stete Anbindung ans Netz, gehören derzeit noch zur Grundausstattung. Astrid Neururer träumt daher schon von HD-fähigen Handies, die in ein bis zwei Jahren auf den Markt kommen sollen und als Allround-Kommunikationswerkzeug Videokameras, Fotoapparate und was man sonst noch braucht in einem Gerät vereinen.
Affinität zur Technik gehört dazu, wenn man als Mojo arbeiten will. Ein fester Büroplatz kaum. Foto: Vol LiveAffinität zur Technik gehört dazu, wenn man als Mojo arbeiten will. Ein fester Büroplatz kaum. Foto: Vol Live (© vol live )
Mobile Journalisten, das sagt schon der Name, sind meistens unterwegs. So trifft sich das Team nur einmal in der Woche in der Redaktion und jeden Morgen um 9 Uhr, ganz zeit- und mediumgemäß, zur Skypekonferenz, um die aktuellen Themen zu besprechen.

Astrid Neururer zum Berufsbild des Mojos
Wie aber findet man geeignete Mitarbeiter für einen zwar abwechslungsreichen aber sicher auch nervenaufreibenden Job? Astrid Neururer findet nach eigenen Angaben unter 50 Bewerbungen nur jeweils einen Kandidaten, der ihren Vorstellungen entspricht: "Ein Mojo muss viel mit Leuten sprechen, denken und fühlen wie sie. Er braucht ein Gespür für Geschichten, die eigentlich auf der Straße liegen und nur darauf warten, aufgehoben zu werden. Er darf auch nicht zu aufdringlich sein, denn das wirft ein schlechtes Bild auf die Redaktion. Er muss am Puls der Zeit sein und mit offenen Augen durch die Welt gehen."

Gut sprechen können wie beim Radio muss ein Mojo der ersten Generation offensichtlich nicht unbedingt, möchte man da mit einem Augenzwinkern hinzufügen. Wer sich durch die Vielzahl der Video-Beiträge auf Vol.at klickt, stellt fest, dass da dem ein oder anderen ein wenig Sprechertraining nicht schaden könnte.