10.7.2008 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Liegt die Zukunft des Radios doch im Internet?

Prof. Dr. Klaus Goldhammer präsentierte in Nürnberg erstmals Ergebnisse der Studie "Online Radio Perspektiven". Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hatte die Studie in Auftrag gegeben, um die Entwicklungen des Radios im Internet besser einschätzen zu können.

Digital Audio Broadcasting (DAB) oder Digital Radio Mondiale (DRM), Digital Multimedia Broadcasting (DMB), DAB+ oder DVB-H - die Liste der Abkürzungen möglicher digitaler Übertragungswege für den Hörfunk der Zukunft ist verwirrend und lang. Für 2009 ist geplant, dass bundesweit Digitalradio mit einem "Big-Bang" starten soll. Doch noch immer gibt es keine konkreten Konzepte und kaum überzeugende Geschäftsmodelle, wie erst kürzlich die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten die privaten Sender anmahnte.

Auch der Geräteindustrie bereitet die endlose Diskussion um die unterschiedlichen technischen Standards Probleme. Was soll sie nun produzieren? Lagen doch bisher DAB-fähige Radios wie Blei in den Verkaufsregalen, weil der Kunde den Mehrwert nicht sah.

Goldhammer_Präs_TchiboWLAN-Radios verkaufen sich gut. Quelle: BLM-Studie "Online Radio Perspektiven" - Goldmedia GmbH
Web-Radio hören hingegen ist schick. Die dazugehörigen WLAN-Radios sind offenbar attraktive Produkte, die sich quasi von selbst verkaufen, dazu auch zu vergleichsweise günstigen Preisen. Diese Erkenntnis brachte Prof. Dr. Klaus Goldhammer auf die Lokalrundfunktage in Nürnberg mit: "Über den Verkauf der Endgeräte braucht man sich keine Sorgen zu machen. WLAN-Radios verkaufen sich bei Tchibo ebenso wie im Versandhandel."

Der Geschäftsführer der Goldmedia GmbH präsentierte in Nürnberg erstmals Ergebnisse der Studie "Online Radio Perspektiven". Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hatte die Studie in Auftrag gegeben, um die Entwicklungen des Radios im Internet besser einschätzen zu können.

Prof. Klaus GoldhammerProf. Dr. Klaus Goldhammer gründete 1998 die Goldmedia GmbH. Foto: is (© is )
Zum Status quo konnte Goldhammer berichten, dass mittlerweile in Deutschland laut GEMA rund 1.200 Webradio-Programme senden. Zurzeit entstehen eine Vielzahl von "Internet-
Only-Angeboten". Auf der anderen Seite gibt es wohl keinen landesweit verbreiteten UKW-Sender mehr, der sein Programm nicht auch im Internet verbreitet. Das scheint konsequent, denn laut einer im März 2008 in Nordrhein-Westfalen durchgeführten Veranstalterbefragung gehört das Internet neben UKW zur erfolgversprechendsten Übertragungstechnologie für den Hörfunk.

Die Audionutzung, so Goldhammer, verschiebt sich langsam weg vom klassischen Hörfunk. Die Verweildauer für Internetradio lag 2007 bereits bei 98 Minuten, 21 Prozent aller Onlinenutzer hören zumindest gelegentlich im Monat Internetradio.
Goldhammer_Präs_WettbewerbQuelle: BLM-Studie "Online Radio Perspektiven" - Goldmedia GmbH (© Goldmedia GmbH )
Noch bereitet den Radioveranstaltern der hohe finanzielle Aufwand für das Streaming ihrer Programme einiges Kopfzerbrechen. Medienforscher Goldhammer geht allerdings davon aus, dass sich das bald ändern wird. In Nürnberg prognostizierte er weiter sinkende Kosten für Breitband-Flatrates und rapide sinkende Streamingkosten, die bis zum Jahr 2015 gar gegen Null tendieren würden. Auch die Verbreitung von Online-Radioprogrammen wird sich nach Goldhammers Erkenntnissen von zurzeit rund 4,5 Millionen Nutzern auf 13 Millionen im Jahr 2012 verdreifachen.

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Ard/ZDF-Onlinestudienreihe

Die Goldmedia-Expertise setzt unter anderem auf Datenmaterial aus der Ard/ZDF-Onlinestudienreihe (http://www.ard-zdf-onlinestudie.de), die seit 1997 die Messlatte für die Internet-Entwicklung in Deutschland ist und unter anderem ergründen will, ob sich Fernsehen, Hörfunk und Printerzeugnisse im digitalen Zeitalter weiterhin behaupten können. Ende Juli wird die ARD/ZDF-Online-Studie 2008 veröffentlicht. Innerhalb dieser bundesweiten Repräsentativstudie wurden im März und April dieses Jahres 1.802 Erwachsene in Deutschland befragt. Erste Ergebnisse: Die Internetverbreitung in Deutschland steigt weiter an: 42,7 Millionen Erwachsene (65,8%) sind online. Dies sind 1,9 Millionen Internet-Nutzer mehr als im Vorjahr (2007: 62,7%). Die höchsten Zuwachsraten weisen die "Silver Surfer" auf: Von den 60- bis 79-Jährigen surfen inzwischen 29,2% im Internet.

Rosige Aussichten verspricht die Online Radio Studie auch den Vermarktern der Audioangebote im Internet. Nach Einschätzungen von Experten wachsen die Online- Werbeeinnahmen (brutto) insgesamt von 2008 bis 2012 um rund 14 Prozent pro Jahr. Goldmedia geht von einem deutlich stärkeren Wachstum für den Internetradiobereich aus und prognostiziert je nach Worstcase- oder Bestcase-Szenario ein Wachstum zwischen 25 und 44 Prozent, ebenfalls pro Jahr. In Zahlen ausgedrückt wären das im besten Falle rund 38 Millionen Euro Werbeeinnahmen für die Internetradios im Jahr 2012. Die Studie steht auf den Seiten der BLM zum Download bereit.

Struber_HillmothWolfgang Struber von Radio Arabella Wien und Hans Dieter Hillmoth, HITRADIO FFH. Foto: is (© is )
Angesichts all dieser Interneteuphorie ließen sich die weiteren Referenten des Hörfunkworkshops "I have a stream - Radioplattform Internet" bei den Nürnberger Lokalrundfunktagen jedoch nicht bange machen. Zwar ist auch Hans Dieter Hillmoth, Geschäftsführer von HITRADIO FFH, davon überzeugt, dass nach UKW das Internet der meist verbreitete Übertragungsweg des Radios der Zukunft sein wird, doch sieht er das Netz als Ergänzung zum klassischen Hörfunk: "Wir bekommen täglich unzählige Emails, wie schön es doch sei, dass HITRADIO FFH mit den Webradios für weitere Musikauswahl sorge. 65 - 70 Prozent der Webradionutzer kommen aus dem Dunstkreis der UKW-Nutzung."

Wolfgang Struber, Geschäftsführer bei Radio Arabella Wien, bezeichnet sich selbst als großer Verfechter des alt bewährten UKW-Radios: " Wir gehen nicht ins Netz, um Webradios zu haben, sondern um die größere Reichweite vermarktbar zu machen, die Marke zu verbreitern, neue Hörer zu gewinnen. Aus den UKW-Reichweiten entwickeln wir neue vermarktbare Produkte wie saisonale oder aktionsbezogene Webradios."

Carola Gierse ist Projekt Managerin bei Radio NRJ in Hamburg. Ihr Sender ist bereits mit neun Internet-Only-Programmen im Netz vertreten und das sei keine Konkurrenz zum bestehenden Programm: "Die Web-Angebote pushen das andere Programm. Es handelt sich hierbei um Parallelwelten, um eigenständige Programme mit eigenen Musikgattungen, die allesamt die Marke NRJ unterstützen, mit innovativen und interessanten Werbemöglichkeiten."