7.8.2007

Ein Gütesiegel für das Radio

Die freie Hörfunkjournalistin Sandra Müller über die Hintergründe des "Tutzinger Appells" und die Ziele der Initiative FAIR RADIO

Die freie Hörfunkjournalistin Sandra Müller ist Mitbegründerin der Initiative "Fair Radio". Ihr Ziel: Engagierte Radiomacher, die das Alltagsgeschäft und die Produktionsmethoden im Radio hinterfragen, sollten nicht länger als Nestbeschmutzer gelten.

hörfunker.de: Während des Hörfunkseminars der bpb und der Akademie für politische Bildung in Tutzing hat sich ein Workshop mit der Ethik im Radio beschäftigt. Was hat Sie persönlich an dem Thema besonders gereizt?

Sandra Mueller, Mitinitiatorin der Initiative "FAIR RADIO"Sandra Mueller, Mitinitiatorin der Initiative "FAIR RADIO"
Sandra Müller: Vor allem die Möglichkeit, sich mit Kollegen über das Thema auseinanderzusetzen. Schließlich stoßen wir doch täglich an die ethischen Grenzen unserer Arbeit: Darf man als Radiomoderator das aufgezeichnete Interview anmoderieren als ob es live wäre? Sollen wir von der Beerdigung eines Mädchens berichten, das bei einem Busunfall ums Leben kam? Und: Was tun, wenn Zeitungen und Agenturen morgens Dinge melden, die sich auf die Schnelle nicht nachrecherchieren lassen?

Leider fallen die Entscheidungen da oft einsam und eher alltagspragmatisch - schließlich muss beim Radio ja alles schnell gehen. Also heißt es: Wenn zwei Zeitungen das melden und die Agentur, wird's schon stimmen. Und: Wenn alle von der Beerdigung berichten, dann müssen wir das auch. Für eine redaktionsinterne Besprechung in aller Ruhe fehlt meist die Zeit und leider auch allzu oft das Verständnis.

Wer nach ethischen Grundsätzen fragt, erntet oft nur genervtes Augenrollen. Schließlich haben wir Radiomacher Produktionsdruck. Aufgezeichnete Interviews als Live-Gespräche verkaufen? Das machen doch alle! Unlauter ist es trotzdem, finde ich. Und viele Interviewpartner, vor allem wenn sie nicht Radio erfahren sind, irritiert das. Es dürfte klar sein, was die ihren Freunden erzählen: Da siehst Du mal! Die schummeln doch immer beim Radio! Doch den Radiomachern scheint das egal. Dass unsere Glaubwürdigkeit so verloren geht, interessiert keinen. Die Tatsache, dass sich im Workshop dann doch Leute getroffen haben, die sich sehr wohl dafür interessieren, fand ich so gesehen sehr anregend und beflügelnd.

hörfunker.de: Im Laufe der Diskussion entstand die Idee zu einer Initiative "Fair Radio". Und ein Appell für mehr Glaubwürdigkeit im Radio. Welche realistischen Chancen räumen Sie der Verwirklichung einer solchen Idee ein?

Sandra Müller: Ich bin Idealist. Ich denke, dass sich gemeinsam was verändern lässt. Wir müssen dahin kommen, dass engagierte Radiomacher, die unser Alltagsgeschäft und unsere alltäglichen Produktionsmethoden hinterfragen, nicht als Nestbeschmutzer gelten. Wir müssen den Idealisten Mut machen, sich ihren Idealismus zu bewahren.

Teilnehmer des bpb-Seminars in Tutzing hatten die Idee zum "Tutzinger Appell"Teilnehmer des bpb-Seminars in Tutzing hatten die Idee zum "Tutzinger Appell"
Sich als Unterzeichner öffentlich zum "Tutzinger Appell" zu bekennen heißt auch: Sich selbst den Rücken zu stärken und genau hinzuschauen - vor allem bei sich selbst. Denn gerade wenn die Redaktion keine eindeutige Haltung dazu hat: Das nächste aufgezeichnete Interview nicht wie ein Live-Interview zu verkaufen, kann jeder Moderator im Zweifel mit sich selbst abmachen. Und kein Reporter muss eine Meldung schreiben über einen Sachverhalt, den er nicht persönlich nachrecherchiert hat.



hörfunker.de: Können Sie selbst in Ihrer täglichen Arbeit den Leitlinien der Initiative folgen, oder kommen Sie in Konflikt mit den tatsächlichen Anforderungen des Radioalltags und Ihrer Arbeitgeber?

Sandra Müller: Natürlich komme ich zum Teil mit den Leitlinien in Konflikt, wenn auch zum Glück längst nicht mit allen, die unser Appell auflistet. Aber allein schon: Recherche vor Schnelligkeit! Den Zwiespalt kennt jeder Radiomacher. Denn der Chef vom Dienst und der nächste Termin warten. Da lügt man sich gern selbst in die Tasche und hält für geklärt, was man gar nicht wirklich geklärt, sondern nur mal schnell im Internet bei unsicheren Quellen nachgeschlagen hat.

Aber wie gesagt: Der Appell ist ja ein Appell an uns selbst als Radiomacher. Wenn wir es anders machen wollen, müssen wir es anders machen. Und wir müssen den Programmchefs, Redaktionsleitern und Chefs vom Dienst klar machen: Wir haben da unsere Grundsätze und gegen die verstoßen wir nicht.

hörfunker.de: Welche weiteren Schritte sollen dem Appell folgen?

Sandra Müller: Am liebsten hätten wir so was wie ein Label, ein Gütesiegel "Fair Radio". Radiostationen, die sich zu unseren Grundregeln bekennen, sollten es führen und damit Werbung machen dürfen. Und weil die Bedingungen des Siegels öffentlich sind, können die Hörer selber melden, wenn sie glauben, dass gegen die Regeln verstoßen wurde.

Dazu arbeiten wir an einer Homepage unter www.fair-radio.net. Das wäre dann die Anlaufstelle, wenn zum Beispiel der Verdacht besteht, dass ein Interview nur als live verkauft wurde, aber nicht live war oder wenn Hörer den Eindruck haben, dass bei Gewinnspielen gemogelt wird. Uns ist natürlich klar, dass so ein Siegel auch konsequent überwacht werden müsste. Ob und wie uns das gelingen könnte, wissen wir selbst noch nicht. Insofern ist das Zukunftsmusik.

Wichtiger als das Siegel ist zunächst deshalb auf jeden Fall, dass unter uns Radiomachern eine Diskussion in Gang kommt. Auch dafür könnte die Internetseite eine Anlaufstelle sein - als eine Art Beichtstuhl aus den Redaktionen. Hier sollen Radiomacher - auch anonym - berichten können über ethische Grenzen, die sie oder Kollegen überschritten haben.

Denn es ist Zeit, den Finger in die Wunde zu legen. Öffentlich! Nur so, da waren wir uns in der "Arbeitsgruppe Ethik" einig, wird das ganze Ausmaß der Misere deutlich und damit auch der Handlungsbedarf.

Interview: Inge Seibel