"Crossmedial" ist die Zukunft

Zeitungsredakteure üben den Umgang mit Kamera und Mikrofon

17.12.2007
Zeitungsredakteure und Radiojournalisten haben eines gemeinsam: In der multimedialen Welt des Internets müssen sie sich neues Handwerkszeug wie den professionellen Umgang mit der Videokamera aneignen. Im Rahmen ihres Lokaljournalistenprogramms hat die Bundeszentrale für politische Bildung im Dezember ein einmaliges Pilotprojekt gestartet. Zeitungsredakteure nahmen Filmkamera und Mikro in die Hand und testeten die neuen Perspektiven und Chancen, die die Multimediazukunft der kommunalpolitischen Berichterstattung eröffnet.

Die scharfe Trennung der Mediengattungen in Zeitungen und Zeitschriften, Fernsehen und Radio ist im Zeitalter des Internets aufgehoben. Mehr als 60 Prozent aller Deutschen sind bereits online und erwarten von den klassischen Informationsmedien wie selbstverständlich Zusatznutzen im Netz in Form von multimedialen Angeboten. Für die Journalisten vor allem in Radio und Zeitung bedeutet das, ihr Berufsbild und ihre Arbeitstechniken neu definieren zu müssen. Der Journalist der Zukunft arbeitet "crossmedial".

Doch der Umgang mit den elektronischen Medien, besonders mit der Videotechnik, will gelernt sein.
Interviewszene in Kitzingen - der Printer mit dem Mikro:
Chefredakteur Dirk Lübke (Wetzlarer Zeitung) interviewt den Kitzinger OB-Kandidaten Jens Pauluhn. An der Kamera: Tanja Freudenmann, im Hauptberuf Redakteurin bei der Wetzlarer Zeitung.Interviewszene in Kitzingen - der Printer mit dem Mikro: Chefredakteur Dirk Lübke (Wetzlarer Zeitung) interviewt den Kitzinger OB-Kandidaten Jens Pauluhn. An der Kamera: Tanja Freudenmann, im Hauptberuf Redakteurin bei der Wetzlarer Zeitung. (© Main-Post)

Dirk Lübke, Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn Dill, bringt das Dilemma auf den Punkt: "Zeitungsredakteure sind in weiten Teilen dazu noch nicht ausgebildet. Sie waren bisher auf Print, vielleicht Foto fixiert - allenfalls noch mit einer Online-Nachrichten belastet - und müssen jetzt beim Themenplanen und Nachrichtenauswählen schon fähig sein, auch andere Medienkanäle filmisch, tonmäßig, textlich, fotografisch einzubeziehen und deren Bedienung zu organisieren."

Unterstützung auf dem Weg in den multimedialen Journalistenalltag kommt von Seiten des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Sie bietet Seminare an, die sich speziell an Lokaljournalisten richten und hat unter Leitung von Berthold L. Flöper ein bundesweit bisher einmaliges Pilotprojekt mit dem Titel "Politik neu denken" gestartet.

Anfang Dezember trafen sich bei der Mainpost in Kitzingen Lokalredakteure aus ganz Deutschland. In der Praxis galt es herauszufinden, welche neuen Perspektiven und Chancen die Multimediazukunft der kommunalpolitischen Berichterstattung eröffnet. Braunschweiger Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Rhein-Zeitung und Wetzlarer Zeitung hatten dazu ausgewählte Redakteurinnen und Redakteure nach Kitzingen geschickt. Gemeinsam mit Kollegen der Main-Post lernten sie dort im Schnellkurs, professionelles Video- und Audio-Equipment zu bedienen. Ihre Aufgabe: Im gleichen Arbeitsgang sollten sie je einen der sechs Kitzinger Bürgermeisterkandidaten nicht nur wie gewohnt im Text für Print und Online, sondern auch per Video-Stream und Audio-Beitrag porträtieren.

Anton Sahlender, Stellvertreter des Chefredakteurs der Main-Post und vom Medium-Magazin gemeinsam mit Franz Sommerfeld von Kölner Stadtanzeiger gerade zum "Lokaljournalist des Jahres 2007" gekürt, hat sich als Initiator und Gastgeber des bpb-Pilotprojekts "Politik neu denken" engagiert für die multimediale Werkstatt eingesetzt.

Anton Sahlender ist Stellvertreter des Chefredakteurs der Main-Post und wurde vom Medium-Magazin gerade zum "Lokalredakteur des Jahres 2007" gekürt.Anton Sahlender ist Stellvertreter des Chefredakteurs der Main-Post und wurde vom Medium-Magazin gerade zum "Lokalredakteur des Jahres 2007" gekürt. (© Mainpost )
Erfreulich fand Sahlender die Begeisterung, mit der die beteiligten Lokaljournalisten bei der Sache waren: "Sie haben sich nicht davon abschrecken lassen, dass wir mit einer Reihe von Übermittlungsmedien überhaupt noch nicht umgehen konnten, wie etwa mit bewegten Bildern und mit Tonaufnahmen. Innerhalb kürzester Zeit jedoch haben sie einige technische und dramaturgische Grundlagen von Video- und Audiobeiträgen gelernt. Zu Seminarende konnten wir uns bemerkenswerte Ergebnisse anschauen. Es bleibt dennoch ein weites Feld nahezu unbearbeitet vor uns liegen. Bereit sein müssen wir, aus Fehlern zu lernen. Aber was ich gesehen habe, macht Mut. Es hat die Flexibilität von Lokalredakteuren gezeigt und nimmt etwas von jener unbestimmten Angst vor 'Eier legenden Wollmilchsäuen'."

Als Trainer in Kitzingen vor Ort waren zwei Journalisten-Profis, die bereits seit Jahren beherrschen, was im Pilotprojekt gelernt werden sollte: Thomas Röhr und Jörg Wenzel betreiben in Berlin ein Journalisten-Büro und produzieren unter anderem für Fernsehen und Hörfunk des Westdeutschen Rundfunks (WDR) aktuelle Beiträge aus der Hauptstadt.
Thomas Röhr im Interview mit Franz Müntefering. Der "Allround"-Journalist arbeitet seit Jahren multimedial für Print, Hörfunk und Fernsehen. Foto: Jörg WenzelThomas Röhr im Interview mit Franz Müntefering. Der "Allround"-Journalist arbeitet seit Jahren multimedial für Print, Hörfunk und Fernsehen. Foto: Jörg Wenzel (© Jörg Wenzel )
Jörg Wenzel war mehr als positiv überrascht, mit welcher Begeisterung die Kollegen vom Print in Kitzingen ans Werk gingen: "Crossmediales Produzieren war für die Zeitungsredakteure überhaupt keine Frage des 'Ob', sondern des 'Wie'. Engagiert wurde darüber diskutiert, wie man das Gelernte jetzt im Redaktionsalltag umsetzen kann. Wie läßt sich die Videotechnik möglichst sinnvoll nutzen und welche Themen in der Lokalredaktion bieten sich überhaupt für eine multimediale Aufbereitung an?"

Eines war den Seminarteilnehmern bei aller Begeisterung besonders wichtig: Die Wahrung der Qualitätsstandards. Mit Spielereien an Kamera und Mikrofon wolle man nicht den guten Ruf der Zeitung gefährden. Die Video- und Audiotechnik sei aufwändig, aber - und diese Erkenntnis schöpften alle einhellig aus Kitzingen - mit guter Übung auch umsetzbar. Die Scheu vor dem bisher unbekannten Medium ist der Neugierde gewichen.

"Für die Zeitungen", so Jörg Wenzel, "ist die mehrdimensionale Umsetzung lokaler Themen ganz sicher eine Chance, kommunale Politikberichterstattung noch attraktiver zu gestalten. Bietet sich doch hier die Möglichkeit, viel mehr Emotionalität und Nähe zu vermitteln. Näher am Politiker und damit näher am Leser. Außerdem ist es denkbar, dass sich wieder mehr Jugendliche für politische Inhalte in den Medien interessieren."

Die Ergebnisse des Workshops bei der Mainpost
http://www.mainpost.de/lokales/kitzingen/politikneudenken



Statements und Interviews mit den Seminarteilnehmern:
http://www.bpb.de/veranstaltungen/ZCGLM4


Alle Videos auf einen Blick:
http://www.mainpost.de/mediencenter/videos/zukunft-journalismus