15.8.2009

"Ein Anker der Stabilität"

"Das Lokalradio ist in Zeiten der Krise für seine Hörer ein Anker der Stabilität", meint Medienforscher Dirk Ziems. Er glaubt auch nicht, dass sich der Lokalfunk Sorgen um die Zukunft machen müsse, wenn er nur richtig auf die Bedürfnisse der Hörer eingehe. Der bayerische Lokalsender "Charivari" aus Rosenheim hat seine lokale Berichterstattung erhöht. Bei der Funkanalyse Bayern hat das keinen Positivtrend ausgelöst.

(is/07.09.2009) - Der Medienforscher Dirk Ziems sieht auch in der Zukunft gute Chancen für Lokalradios. Allerdings brauchen ambitionierte Lokalfunker einen langen Atem, bevor sich Qualität im Programm auch bei Hörerumfragen niederschlägt.

Große und regional ausstrahlende Radiostationen verfügen über viele Mittel und Instrumente, um die Wünsche ihrer Hörer zu erforschen. Sie verlassen sich nicht allein auf die Umfrageergebnisse der halbjährlichen Media-Analyse (ma Radio), sondern geben eigene Studien in Auftrag, die ihnen monatliche, manchmal gar wöchentliche Trendbarometer liefern.

Was will der Hörer?

Aber auch die Verantwortlichen von Lokalradios machen sich Gedanken darüber, wie sie sich in einer zunehmend digitalisierten Welt positionieren und weiterentwickeln können. "Lokale Radiosender haben weniger Geld und können daher weniger experimentieren", sagt Willi Schreiner, seit 1988 Vorsitzender im Verband Bayerischer Lokalrundfunk (VBL). Um so dankbarer sind Lokalfunkmacher, wenn ihnen jemand bei der essentiellen Frage "Was will der Hörer?" hilfreich unter die Arme greift.

"Lokalradio ist keine eigene Gattung sondern Mainstreamradio mit lokaler Komponente" meint Medienpsychologe Dirk Ziems."Lokalradio ist keine eigene Gattung sondern Mainstreamradio mit lokaler Komponente" meint Medienpsychologe Dirk Ziems. (© is )
Der Medienpsychologe Dirk Ziems hat sich bei den diesjährigen Nürnberger Lokalrundfunktagen im Rahmen seines umfangreichen Vortrags unter dem Titel "Das Lokalradio, die neuen Medien und die Wirtschaftskrise" um Antworten bemüht. Seit Jahren erforscht er die Veränderungen der Mediennutzung und vor allem die Rolle des Lokalen. "Lokalradio ist keine eigene Gattung sondern Mainstreamradio mit lokaler Komponente", betont Ziems. Der Hörer erwarte oft Widersprüchliches vom Programm: originelle Musik, aber gleichzeitig Hits, Moderatoren mit Ecken und Kanten, die aber auch Wohlfühlstimmung verbreiten sollen. Besonders in von Globalisierung und Krise beeinflussten Zeiten sei die Vermittlung heimatlicher Stabilität durch die Lokalradios wichtig. Aus diesem Grunde müssten sich gerade lokale Stationen keine zu großen Sorgen über die Konkurrenz der Internetradios machen. "Das Lokalradio kann in Zeiten der Krise für seine Hörer ein Anker der Stabilität sein", meint Ziems. Wenn der lokale Hörfunk diese Funktion ausfüllt, müsse er sich keine Sorgen um die Zukunft machen.

"Lokale Infos sind das Rückgrat des Programms"

Ganz so leicht, wie es klingt, ist das dann doch nicht. Andreas Nickl ist Programmchef beim Rosenheimer Sender "Charivari". Der 39 jährige kennt sich im Lokalfunk bestens aus. Schon während seines Studiums hat er für den Sender moderiert. Nach Volontariat, Stationen beim Bayerischen Rundfunk sowie Lokalradios in Traunstein und Landshut ist der geborene Rosenheimer seit einem knappen Jahr für das Programm von "Charivari Rosenheim" verantwortlich. Seitdem hat er den Moderatoren mehr Freiraum und Verantwortung übertragen, ihren eigenen Moderationsstil zu entwickeln. Lange Musikstrecken wurden aufgeweicht. Wortlastiger sei das Programm geworden. "Die lokale Information ist das Rückgrat des Programms und das haben wir in den letzten Monaten kontinuierlich ausgebaut", sagt Andreas Nickl.

Andreas Nickl, 39, ist seit einem Jahr Programmleiter bei Charivari Rosenheim.Andreas Nickl, 39, ist seit einem Jahr Programmleiter bei Charivari Rosenheim. (© is )
Der Erfolg für diese Änderungen lässt noch auf sich warten. Vielleicht kam die jährliche Umfrage für den Lokalsender im Voralpenland zu früh. Das Trendbarometer zeigt den Daumen nach unten. Die Funkanalyse Bayern, die im Gegensatz zur halbjährlichen Media-Analyse nur einmal im Jahr im Sommer erscheint, weist starke Hörerverluste für den Sender auf. Die Stundennettoreichweite hat sich fast halbiert. Gehofft hatte der Programmchef auf einen Aufwärtstrend. Nun heißt es wieder ein Jahr auf Zahlen warten und das Bauchgefühl regieren lassen. "Wir sind auf dem richtigen Weg", meint Nickl. Wie die Leute mit einem umgingen, sei doch auch ein Gradmesser. Auf vielen Events ist "Charivari" jetzt vor Ort. "Man kommt in Gemeinderäte, auf Veranstaltungen - das Feedback ist positiv. Die Leute werden zu Fans. Wir müssen durchhalten." Dabei weiß der Senderchef nicht einmal, ob die Hörerverluste tatsächlich etwas mit der Qualität des Programms oder vielleicht eher mit den technischen Empfangsbedingungen zu tun haben. Das Voralpenland hat viele Berge zu überwinden. Auf fünf Frequenzen strahlt der Sender sein Programm bei einer technischen Reichweite von einer Viertelmillion Hörern aus. In letzter Zeit häufen sich die Anrufe beim Sender, dass der Empfang gestört sei.

Webauftritt hat noch keine Priorität

Die Digitalisierung sei auch keine Lösung, fürchtet Nickl. Auf dem Wendelstein steht ein starker DAB-Sender. "Das kostet Geld und ist bisher nur was für technische Freaks", meint der Programmchef. Die Zukunft des Digitalradios ist ohnehin eher ungewiss. Ende Juni haben die großen Privatsender DAB plus als gemeinsame technische Plattform eine klare Absage erteilt.

Charivari Rosenheim ist bereits seit 20 Jahren "auf Sendung".Charivari Rosenheim ist bereits seit 20 Jahren "auf Sendung". (© is )
"Wir sind eine feste Größe in der lokalen Medienszene", sagt auch Charivari-Geschäftsführer Norbert Lauinger, der die kaufmännische Verantwortung für acht Festangestellte und eine Reihe von freien Mitarbeitern bei "Charivari Rosenheim" trägt. Die Hörerverluste machen ihm noch keine allzu großen Sorgen. Jetzt werde erst einmal in die Studiotechnik investiert. Bis zum Herbst sollen Technik und Studio runderneuert werden. Und dann kommen neue wichtige Aufgaben auf Programmchef Andreas Nickl zu, der als "Springer" auch selbst mal Moderationslücken im Programm füllen muss. "Unser Webauftritt ist eine kleine Katastrophe", gibt er zu. Auch darum wird er sich dringend kümmern müssen, denn die digitale Welt, soziale Netzwerke und das Internet erobern auch die ländliche Bevölkerung. Für Ende des Jahres hat er sich einen Relaunch der doch eher statischen Website vorgenommen. Ein bisschen Zeit lassen kann er sich vermutlich noch. Medienforscher Dirk Ziems prognostizierte in Nürnberg: "Webradios sind derzeit und für gewisse Zukunft keine starke Konkurrenz für Mainstream-Lokalradios."