15.9.2009 | Von:
Marc Weiß

Kein Duell - aber auch kein Duett

Eine Woche vor der Bundestagswahl präsentieren deutsche Privatradios noch einmal Kanzlerin Angela Merkel und ihren Herausforderer Frank-Walter Steinmeier in halbstündigen Interviews. Die Gespräche werden von Marc Weiß, Nachrichtenchef bei radio NRW, in Berlin aufgezeichnet und am 20. September zeitgleich deutschlandweit ausgestrahlt. Beim "Finale im Radio" trägt der Radiojournalist eine besondere Verantwortung. Er muss es besser machen als die Kollegen vom Fernsehen. Das "TV-Duell" mit den Spitzenkandidaten von CDU/CSU und SPD am vergangenen Sonntag erntete weitgehend negative Kritik bei Zuschauern und Medienkritikern.

Eine Woche nach dem viel kritisierten "TV-Duell" zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier treten Kanzlerin und Herausforderer am kommenden Sonntag im Radio indirekt gegeneinander an. Beim "Finale im Radio" trägt radio NRW-Nachrichtenchef Marc Weiß eine besondere Verantwortung.

(16. September 2009) - Das wird sicherlich keine leichte Aufgabe für Marc Weiß. Am Freitag trifft sich der Nachrichtenchef von radio NRW in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier zu jeweils getrennten Interviews, die dann am kommenden Sonntag von insgesamt 28 Privatsendern sowie den Lokalstationen in NRW als "Das Finale im Radio" ausgestrahlt werden. Beide Gesprächspartner sollen jeweils 30 Minuten "Redezeit" erhalten, wobei der Kanzlerin die Entscheidung darüber vorbehalten bleibt, ob sie vor oder nach ihrem Kontrahenten "ausgestrahlt" wird.


Die Bürde für Weiß ist vor allem deswegen besonders groß, weil das "TV-Duell" mit den Spitzenkandidaten von CDU/CSU und SPD am vergangenen Sonntag bei Zuschauern und Medienkritikern weitgehend durchfiel. Die Presse war sich in der negativen Beurteilung nahezu einig und kritisierte im Anschluss vor allem die beteiligten Moderatoren der vier größten deutschen Fernsehsysteme ARD, ZDF, RTL und Sat.1: "Plasberg war arrogant, Illner unsäglich", schrieb beispielsweise "Zeit-Online". Der Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht kam im Online-Portal "Carta" zum Fazit "Der TV-Journalismus hat verloren". "Bild" sah ein "Kuschel-Duell statt Wahl-Kampf" und titelte in der Montagsausgabe "Yes, we gähn!"

Marc Weiß will es besser machen

Marc Weiß will es für die erwarteten 15 Millionen Radiohörer am kommenden Sonntag besser machen. Gegenüber den TV-Kollegen sieht er sich in der "komfortablen Situation", dass er sich "nicht gegenüber anderen profilieren muss", sondern sich vollends auf seine Gesprächspartner konzentrieren kann. Die Kanzlerin kennt er bereits persönlich - Angela Merkel hatte er schon vor der Bundestagswahl 2005 interviewt. Bei Frank-Walter Steinmeier erwartet er Parallelen zu seinem Interview mit Gerhard Schröder vor vier Jahren. Der habe "durch eine kumpelhafte Art versucht, mich für sich einzunehmen - was ihm jedoch nicht gelungen ist". Weiß gehört schließlich zu den profiliertesten deutschen Radiojournalisten, hat reichlich Erfahrung in Interviews mit hochrangigen Politikern. Zuletzt interviewte er im laufenden Bundestagswahlkampf Renate Künast, die Spitzenkandidatin der Grünen, für Radio NRW.

Das Manko, nicht beide Spitzenkandidaten zusammen interviewen zu können, will Marc Weiß durch gezielte Fragen, die "über die üblichen Wahlkampfthemen wie Arbeitsmarkt, Steuerpolitik und Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr hinausgehen" mehr als ausgleichen. Reichlich "Munition" für seine Interviews erhielt der Radiojournalist nach eigenen Angaben von interessierten Hörern. Die beteiligten Stationen hatten im Vorweg dazu aufgerufen, Fragen an Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier per E-Mail einzusenden. "Daran haben sich überraschend viele Hörer beteiligt", freut sich Weiß. Mit welchen Themen er am Freitag in Berlin seine Gesprächspartner "überraschen" wird, will der 39-Jährige allerdings im Vorweg nicht verraten: "Die Pressestellen der Parteien verfolgen akribisch jede Veröffentlichung" - dann wäre seine "Munition" in der Tat schon "verschossen", bevor die Interviews überhaupt begonnen haben. Marc Weiß ist sich sicher, dass zwar "kein Duell", dafür im Gegensatz zum "TV-Duell" aber auch "kein Duett" mit Merkel und Steinmeier am Sonntagvormittag ab 10 Uhr zu hören sein wird.

"Das Finale im Radio" wird von radio ffn in Niedersachsen und radio NRW, dem Mantelprogramm der nordrhein-westfälischen Lokalsender, stellvertretend für die beteiligten Stationen organisiert. Ina Tenz, Programmdirektorin von radio ffn, sieht in dem eher ungewöhnlichen Sendeformat durchaus auch eine Servicefunktion für die Hörer: "Die deutschen Privatradios werden auch im September 2009 ihre Verantwortung als Vermittler von Politik wahrnehmen und im aktuellen Wahlkampf einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Hörerinnen und Hörer gut informiert und vorbereitet zur Wahl gehen können." Kollegin Elke Schneiderbanger von radio NRW ist sich sogar sicher, dass mit der Ausstrahlung der Interviews im Radio "auch diejenigen Menschen angesprochen werden, die von den entsprechenden TV-Formaten und anderen Angeboten nicht zu erreichen sind".

Nun wird es vor allem von radio NRW-Nachrichtenchef Marc Weiß abhängen, ob "das Finale im Radio" zum Erfolg für die beteiligten Privatsender wird. Dieser Verantwortung ist er sich durchaus bewusst. Dennoch wirkt Weiß am Ende unseres Gesprächs drei Tage vor Aufzeichnung der Interviews mit Merkel und Steinmeier erstaunlich gelassen: "Aufgeregt bin ich nicht, aber sehr angespannt."

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Kanzlerkandidaten am Sonntag im Radio

MERKEL gegen STEINMEIER

Das "Finale im Radio" wird am Sonntag, 20. September 2009, nahezu bundesweit von 28 Privatsendern sowie den Lokalstationen in Nordrhein-Westfalen ausgestrahlt. Lediglich aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg beteiligen sich keine Stationen an der gemeinsamen Aktion. Als allgemein verbindlicher Beginn der Sondersendungen wurde 10.00 Uhr angekündigt. Ob die jeweils 30 Minuten langen Interviews mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier "am Stück" oder innerhalb von längeren Magazinen gesendet werden, bleibt den einzelnen Stationen vorbehalten.
Beteiligte Sender (nach Bundesländern) : R.SH (Schleswig-Holstein), Radio Hamburg, alster radio 106!8 rock ´n pop, Oldie 95 (Hamburg), Hit-Radio antenne Niedersachsen, radio ffn, RADIO 21 (Niedersachsen), radio NRW - Lokalstationen (Nordrhein-Westfalen), Hit Radio FFH (Hessen), RPR1 (Rheinland-Pfalz), Radio Regenbogen, Hit-Radio ANTENNE 1, Radio 7, die neue welle, baden.fm, Radio Seefunk, DONAU 3 FM (Baden-Württemberg), ANTENNE BAYERN, Radio Euroherz, Radio Plassenburg (Bayern), 104.6 RTL, Berliner Rundfunk 91!4, 94.3 rs2, 105´5 Spreeradio (Berlin/Brandenburg), radio SAW, 89.0 RTL (Sachsen-Anhalt), RADIO PSR (Sachsen), ANTENNE THÜRINGEN, LandesWelle Thüringen (Thüringen).