12.5.2010 | Von:
Von Inge Seibel-Müller

Ethik im Radio: Endlich ernst genommen

Welcher Radiokollege kennt das nicht: Im Radio wird manchmal "geschummelt". Extern produzierte PR-Beiträge fließen ohne Kennzeichnung in das redaktionelle Programm ein, Reporter melden sich von Orten, die sie selbst gar nicht aufgesucht haben, Originaltöne werden nachträglich zu Interviews aufbereitet. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit des Mediums. Seit knapp drei Jahren kämpft eine Initiative von Hörfunkjournalisten für mehr Fairness im Radio. Mittlerweile stellen sich erste Erfolge ein und darauf sind die Initiatoren stolz.

(13.05.2010) - Sie kämpfen gegen dubiose Gewinnspiele, Werbebotschaften in redaktionellen Beiträgen und vorgegaukelte Vor-Ort-Reportagen: "Damit muss endlich Schluss sein", fordert seit knapp drei Jahren die Initiative FAIR RADIO, ein Zusammenschluss engagierter Hörfunkjournalistinnen und -journalisten, die um die Glaubwürdigkeit ihres Mediums bangen.

Vergangenen Monat traf sich der "harte" Kern um die Initiatoren Sandra Müller, Udo Seiwert-Fauti und Max Foerster zu einem gemeinsamen Brainstorming, um die Schwerpunkte für die nächsten Monate festzuzurren. Entstanden ist die Initiative während eines Radioseminars der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Akademie für Politische Bildung Ende Juni 2007 in Tutzing am Starnberger See. Unter der Federführung von Udo Seiwert-Fauti wurde am Ende des Seminars noch der "Tutzinger Appell" formuliert, in dem auf Missstände in deutschen Radioredaktionen hingewiesen wird.

"Seit unserer Gründung haben wir bereits vieles erreicht", bilanziert der erfahrene Radiojournalist Udo Seiwert-Fauti, der jahrelang als leitender Redakteur für die ARD gearbeitet hat. "Wir haben Diskussionen angeregt, werden als Experten auf Podiumsdiskussionen eingeladen und die Hauptsache: Nach anfänglichen Rückschlägen werden wir endlich ernst genommen."


Der Radiojournalist Udo Seiwert-Fauti ist einer der Mitbegründer der Initiative "Fair-Radio". Im Videointerview mit hoerfunker.de zieht er Bilanz und freut sich über erste Erfolge.

Das kann auch Radiokollegin Sandra Müller bestätigen. Während sich Hörfunkmanager den Forderungen der Initiative Fair-Radio bislang weitgehend verschließen, finden Sandra Müller, Udo Seiwert-Fauti und Max Foerster immer mehr Beachtung in Fachmedien und bei Journalisten-Vereinigungen wie dem DJV. Alles hinschmeißen und einfach nur selbst gutes Radio machen, daran hat sie schon öfters gedacht. Doch dann zeigen sich die Kollegen interessiert und wissbegierig, erzählen von ihren eigenen Erfahrungen und Klopfen den Gründern der Initiative aufmunternd auf die Schulter, doch bitte nicht locker zu lassen. "Noch mehr Rückmeldungen von Kollegen und Radiomachern, wo sie selbst in der Alltagsarbeit in Zwiespalt geraten sind, das wünschen wir uns", sagt Müller.

Das Radio als Freund

Auch sie arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk, seit vielen Jahren beim SWR in Tübingen. Über sich selbst sagt sie: "Ich bin mit Leib und Seele Hörfunkjournalistin." Das ist auch der Grund, warum sie sich weiterhin - trotz gelegentlicher Vorwürfe aus dem Kollegenkreis, realitätsfremde Vorstellungen zu haben - so engagiert für mehr Fairness im Radio einsetzt. "Das Radio", sagt Sandra Müller, "kommt am nächsten an die Menschen heran. Es ist ein ganz privates Medium. Es begleitet die Menschen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, fährt mit ihnen im Auto und ist einfach wie ein guter Freund. Dann müssen wir als ‚Macher' uns aber auch verhalten, wie ein guter Freund - ehrlich, aufrichtig und immer hinterfragend: Würde ich so einen guten Freund behandeln? Würde ich ihm Dinge vorgaukeln, die einfach so nicht wahr sind?"

Ethische Fragen im Radio-Alltag

Am meisten Spaß macht es Sandra Müller, junge Radiomacher für die Problematik zu sensibilisieren. Beispielsweise bei den Expertengesprächen vor Radiovolontärinnen und -volontären an der Düsseldorfer Medienakademie. Mit ihnen bespricht sie ganz praktisch und anhand von anschaulichen Beispielen, was mit den sechs Hauptthesen im Tutzinger Appell, gemeint ist. Zum Beispiel: "Warum soll man eigentlich keine Nachrichten aufzeichnen?" Weil sie der Inbegriff der Aktualität und auch der Hörfunk-Seriosität seien, erklärt Sandra Müller gerne. Und so lange sie mit dem Duktus der Aktualität und genauen Uhrzeiten wie live präsentiert würden, müssten sie auch live sein. "Wenn der Hörer erst mal zweifelt, ob das, was da erzählt wird, wirklich aktuell ist, leidet die Glaubwürdigkeit des ganzen Senders", davon ist die Hörfunkjournalistin überzeugt.

Beim Frühjahrstreffen des Fair-Radio-Teams: Katharina Thoms, Max Foerster, Sandra Müller, Regina Kirscher und Udo Seiwert-FautiBeim Frühjahrstreffen des Fair-Radio-Teams: Katharina Thoms, Max Foerster, Sandra Müller, Regina Kirscher und Udo Seiwert-Fauti


Doch auch bei heikleren Fragen ist die leidenschaftliche Radioreporterin nicht um Antworten verlegen: "Was kann ich gegen unethische Arbeitsweisen und Anforderungen meiner Redaktion tun, ohne als freier Mitarbeiter gleich damit rechnen zu müssen, keine Aufträge mehr zu bekommen?" In der Tat eine schwierige Frage auch für die Radiofrau. Müller empfiehlt daher den jungen Kolleginnen und Kollegen, ethische Fragen in der Redaktion am besten schon anzusprechen, bevor sie akut werden. Zum Beispiel: "Warum zeichnen wir so viel auf und geben das als live aus? Gäbe es nicht andere Möglichkeiten?" Oder: "Warum laufen unsere Gewinnspiele weiter, auch wenn längst ein Hörer die richtige Antwort auf den Anrufbeantworter gesprochen hat?" Als Volontierender ist es richtig solche Fragen zu stellen - wenn nicht im großen Kreis, dann doch wenigstens im Austausch mit Kollegen. "Nicht selten rütteln sie damit ältere Kollegen wach, die bequem und unachtsam geworden sind. Steter Tropfen höhlt da bisweilen den Stein", ist sie überzeugt.

Beispiele für gelungene Fairness gesucht

Max Foerster vom privaten Radio "In" aus Ingolstadt ist der Dritte im Bunde der Gründerinitiative und kümmert sich um die Betreuung der Homepage www.fair-radio.net. Das Logo soll im nächsten Schritt ein bisschen aufgepeppt und modernisiert werden. Vielleicht wird es außerdem einen Relaunch des Webauftritts geben. "Was wir aber auch gerne anregen möchten, sind wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Radioethik", sagt Max Foerster. Arbeiten zu diesem Thema seien an den deutschen Hochschulen noch viel zu selten. Gesucht sind Kontakte zu Professoren und Lehrstühlen, die das Thema aus wissenschaftlicher Perspektive unter die Lupe nehmen und weiter in Gang setzen. "Da das am besten über persönliche Kontakte geht, würden wir uns freuen, wenn Fair-Radio-Unterstützer solche Kontakte herstellen könnten."

Für die nächsten Monate hat sich die Initiative eine gründliche Programmbeobachtung vorgenommen. Es sollen noch mehr Beispiele aus dem Radioalltag Platz auf der Homepage finden - gute wie schlechte, Verstöße wie Vorbildliches. "Wir wollen die Ethik im Hörfunk wieder zu einem Thema machen", sagt Sandra Müller, "wir wollen ganz praktisch klären, was möglich ist, aber auch aufklären über das, was schief läuft im Hörfunk und nicht zuletzt loben, wo gelungene Fairness praktiziert wird."