8.8.2010

Radio neu denken - Willkommen in der Zukunft

Die Tutzinger Radiotage finden dieses Jahr ausnahmsweise im Oktober statt. Drei Tage lang diskutieren wir mit Experten über die Zukunft des Radios, stellen neue Sendekonzepte vor und die Perspektiven des Radios in Internetzeiten aus der Sicht der Medienforschung. Weitere Themen: "Bewegte Bilder im Radio - Als Radioreporter mit der Flip-Kamera unterwegs"; "Wie Radio und Netz zusammenwachsen - Einführung und Vorbereitung einer interaktiven Live-Sendung"; "Wie lässt sich Recherche im Radio fordern, fördern, pflegen und – trotz aller Widrigkeiten – praktizieren?"

Infos zum Workshop für Journalistinnen und Journalisten im Radio, 17. bis 19. Oktober 2010 in der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Starnberger See

Frage an die Radioprofis: Mal ganz ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal über diese scheinbar unumstößlichen Radioweisheiten nachgedacht? "Radio ist das schnellste und flexibelste Medium" - "Radio wird zu jeder Zeit und an jedem Ort gehört" - "Der Hörer möchte sich berieseln lassen" - "'Live' ist grundsätzlich gefährlich" - "Keine Experimente, keine Irritationen"...

Das Internet führt gerade zu einer Konvergenz der Medien, über deren Auswirkung sich noch keine Mediengattung so ganz im Klaren ist. Die bisherige Trennung zwischen Fernsehen, Radio und Zeitung existiert im Netz nicht mehr. Immer wichtiger wird die Frage nach dem eigenen Mehrwert: Welche Relevanz haben unsere inhaltlichen Angebote, dass sie in der Flut der Informationen bestehen können? Kann Video nicht auch Radio sein? Wie wollen wir den Hörer "beteiligen" oder tatsächlich mitmachen lassen? Wie ehrlich kommunizieren wir? Welche Signale sendet eigentlich unser Publikum auf Facebook, Twitter und Co?

Diese und viele andere Fragen stehen auf den diesjährigen Radiotagen der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, des Projektteams Hörfunk und der Akademie für politische Bildung vom 17. bis 19. Oktober in Tutzing zur Diskussion.

Zu den Referenten in Tutzing zählt Kristian Kropp, Geschäftsführer des rheinland-pfälzischen Privatsenders RPR1 und der Jugendwelle bigFM. Der gelernte Journalist hat sich in der Radiobranche durch den Aufbau von bigFM zum großen deutschen Jugendsender einen Namen gemacht. Kürzlich beklagte der Radiomanager gegenüber dem Branchenmagazin "kress.de", das Radio sei in einer Sackgasse angekommen. Weil die Programme auf maximale Reichweite getrimmt wurden, hätten sie mit ihrem akustischen Einheitsbrei an Wertschätzung bei Mediaplanern und Kunden eingebüßt. "Keine Experimente, keine Irritationen" - diese Radioweisheit verliert in Zeiten der Medienkonvergenz und des damit einhergehenden Konkurrenzdrucks an Gültigkeit.

Kristian Kropp ist Geschäftsführer der Radiosender RPR1 und bigFM. Das Credo von bigFM lautet: "Wir lieben das Neue."Kristian Kropp
"Ob Zeitung, Fernsehen oder Radio - alle Gattungen streben danach im und über das Internet an Wichtigkeit und Zuspruch zu gewinnen. Aber das klassische Radio bleibt erhalten", zeigt sich Kropp dennoch zuversichtlich. Sein Optimismus basiert auf einer Studie namens "Radio Plus", die gemeinsam vom Südwestrundfunk (SWR), der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) und privaten Radioveranstaltern Baden-Württembergs Ende vergangenen Jahres vorgestellt wurde und zum ersten Mal keine technischen Parameter, sondern die zukünftigen Nutzer von digitalen Audio-Angeboten in den Mittelpunkt der Untersuchung stellte. Demnach müssen mediale Angebote drei wichtige Eckpfeiler aufweisen, um von den Menschen akzeptiert und regelmäßig genutzt zu werden: Interaktion, Community-Aufbau, und weiterführende Usability auf mobilen Geräten wie Smartphones.

"Die meisten klassischen Medien tun sich sehr schwer mit der Kombination dieser drei Erfolgsfaktoren. Nicht so beim Radio", meint Kropp. Allerdings müsse Radio zukünftig noch stärker auf "Audio-On-Demand-Features" setzen, die detailliert auf die verschiedenen Zielgruppen zugeschnitten sind, um zu funktionieren.

Sicher nicht ganz überraschend weist die Studie auch aus, dass Radio im Vergleich mit Zeitungen oder Fernsehen das communitystärkste Medium sei. Bei bigFM hat Kristian Kropp das Programm konsequent multimedial ausgerichtet und die Hörer interaktiv an der Programmgestaltung beteiligt. Hervorstechend sind dabei neue und interaktiven Sendungen wie "bigNEXT", bei der ausschließlich der Nutzer entscheidet, was ausgestrahlt wird. Von Rock, über Pop, bis hin zu Klassik kann alles laufen, was durch die Community am "hottesten", also am meisten und in Echtzeit "gevotet" wird. "Vorrangig dabei ist das Verbreiten von Community-Kontakten, Gruppen und Interessensgemeinschaften, welche wir im Radio nicht im Detail zählen können", erklärt Kropp. Zählen lässt sich das aber bei Netzwerken wie Facebook oder in der eigenen Community. 150.000 User sollen sich allein bei mybigFM angemeldet haben, viele davon seien regelmäßig aktiv.

Mit dem akustischen Einheitsbrei im eigenen Sender will Kropp bei RPR1 jetzt aufräumen. "Orientierungspunkte für den Hörer bei der Programmauswahl sind Menschen, das hat unsere kürzlich durchgeführte markenpsychologische Studie bestätigt", sagt Kropp. Der Geschäftsführer holte den einstigen RPR 1-Kultmoderator Tillmann Uhrmacher zurück zum Sender, obwohl er nicht mehr ins klassische Formatdenken passe, wie Kropp selbst sagt: "Wir brauchen aber wieder Personalitys, um den Hörern eine Zuordnungsmöglichkeit zu geben." Immer samstags zwischen 9 und 13 Uhr soll Uhrmacher die Hörer in Rheinland-Pfalz in seiner neuen Show mit "aktuellen Themen, reizvollen Überraschungen und hochkarätigen musikalischen Liveacts" begeistern. Stars aus den Bereichen Musik, Sport, TV und Politik dürfen wieder live im Studio sein.

Persönlichkeiten im Radio gewinnen also wieder an Bedeutung. Wie viel Persönlichkeit im Radio ist nötig? Wie werden Persönlichkeiten entdeckt und gefördert? Wie werden sie trainiert? Auch diese Fragen werden beim Workshop im Oktober in Tutzing diskutiert. Zum Erfahrungsaustausch mit Radiopersonalitys aus drei ganz unterschiedlichen Morningshows, aber einem konkurrierenden Programmumfeld haben sich aus Hessen Patrick Lynen von HR 1, Sabine Schneider von Hit Radio FFH und Daniel Ebert von Radio Bob bereit erklärt. Mehr Programminfos und die Anmeldemodalitäten finden Sie hier.