17.9.2010 | Von:
von Inge Seibel-Müller

"Nutzen Sie Ihre Zeit" - So tickt die Hauptstadt

Wolfgang Thierse steht unter Strom. Das spürt man. Eben noch hat der stellvertretende Bundestagspräsident die letzte Sitzung im Bundestag geleitet, nun diskutiert er mit Nachwuchsreportern über ein anderes Thema: Das Machtspiel von Journalisten und Politikern. Das Treffen mit dem SPD-Abgeordneten und Bundestagsvizepräsidenten ist der Auftakt zum bpb-Workshop "So tickt die Hauptstadt – Impulse für mehr Politik im Radio".

Die große Sommerpause ist vorbei. Das zeigt sich ganz deutlich im politischen Berlin. Die Woche, in der die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und das Projektteam Hörfunk junge Radiojournalisten unter dem Motto: "So tickt die Hauptstadt" nach Berlin eingeladen haben, ist die Woche der ersten großen Lesungen zum Bundeshaushalt für 2011. "Haushaltsdebatte mit Schlagabtausch" nennt es die Süddeutsche Zeitung. Vier Tage lang diskutieren die Abgeordneten über den Etat der Kanzlerin und jedes einzelnen Ministeriums. 80 Milliarden sollen in den kommenden vier Jahren eingespart werden.
Die Teilnehmer des bpb-Hauptstadtseminars auf der Terrasse des Bundeskanzleramtes.Die Teilnehmer des bpb-Hauptstadtseminars auf der Terrasse des Bundeskanzleramtes.
Mittendrin, an den Schaltstellen der Macht, die jungen Hörfunkjournalisten. Als Gäste bei der Bundespressekonferenz, im Bundeskanzleramt, im ARD-Hauptstadtstudio. Einen Tag lang begleiten sie einen Bundestagsabgeordneten aus ihrem jeweiligen Sendegebiet in seinem Arbeitsalltag. Erfahrene Hauptstadtjournalisten berichten ihnen von dem diffizilen Verhältnis zwischen Politik und Medien, der schwierigen Balance zwischen notwendiger Nähe und Distanz. Und sie erleben hautnah: Politik und die Menschen, die sie gestalten.

Einer der Gestalter ist Wolfgang Thierse. Sieben Jahre lang war er Präsident des Deutschen Bundestages. 2005 übernahm Norbert Lammert das laut Staatsprotokoll nach dem Bundespräsidenten zweithöchste Amt der Republik. Wolfgang Thierse ist seither einer seiner fünf Stellvertreter.
Abendessen mit dem SPD-Abgeordneten und Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang ThierseAbendessen mit dem SPD-Abgeordneten und Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse
Mit ihm sind die Radioreporter zu einem Gespräch im Tagungshotel verabredet. Wolfgang Thierse steht unter Strom. Das spürt man. Eben noch hat der stellvertretende Bundestagspräsident die letzte Sitzung im Bundestag geleitet, in der Dirk Niebel, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe, seinen Etat für 2011 verteidigte. Eine Stunde hat Thierse Zeit, dann muss er zum nächsten Abendtermin.

Kurze Begrüßung und schon treibt der Politiker mit der bewegten Vergangenheit die Journalisten zum Fragen an: "Nutzen Sie Ihre Zeit!" Und dann erzählt er von seiner Jugend in Thüringen - warum er nicht Jura wie sein Vater studierte; outet sich als leidenschaftlicher Zeitungsleser - mindestens sechs am Tag; beklagt die Hysterisierung der Kommunikation und die Macht der Journalisten über die Politiker.

"Falsche Tatsachenbehauptungen, das erlebt man immer wieder", sagt Thierse. Dabei richtet sich seine Kritik gar nicht gegen den einzelnen Journalisten: Die Härte der Konkurrenz in Berlin, der unerhörte Tempodruck führten dazu, dass Journalisten weniger seriös arbeiteten.

Wortgewandt und engagiert: Wolfgang ThierseWortgewandt und engagiert: Wolfgang Thierse
Die Neuerungen im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes, in dem nach der Sommerpause zwei riesige LCD-Großbildschirme Abgeordnete und Besucher über das aktuelle Debattengeschehen informieren, findet Thierse gut. "Aber gegen elektronische Abstimmungsmaschinen, da hätte ich was", sagt der 67-Jährige, schon allein, weil er auf das Ritual des Hammelsprungs nicht verzichten wolle.

Diskussion mit RadiojournalistenDiskussion mit Radiojournalisten
Im Berliner Takt ist eine Stunde schnell vorbei. Ganz im Gegensatz zu den interessierten Fragen: Ob Thierse denn am Samstag an der Demonstration gegen längere Atomkraftwerk-Laufzeiten teilnehmen werde, will eine Seminarteilnehmerin noch schnell zum Abschluss wissen. Thierse, der am 1. Mai für Aufregung sorgte, weil er mit einer Sitzblockade gegen den Neonazi-Aufmarsch protestierte, will auf alle Fälle mit marschieren.