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4.3.2011 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Kapazitätsgrenzen im Internet

Das bundesweite Digitalradioangebot privater Sender und der 3 Programme des Deutschlandradios soll theoretisch für 38 Millionen Hörer empfangbar sein und mobil bereits die Hälfte der bundesdeutschen Autobahnen mit bester Audioqualität via DAB+ versorgen. Nicht dabei sind die regionalen Radioanbieter wie Antenne Bayern oder Hitradio FFH. Sie haben 2009 DAB+ eine Absage erteilt. Für immer muss das nicht sein. Auch in Österreich will man sich erst mal anschauen, ob das DAB+ Projekt in Deutschland erfolgreich verläuft. Im Internet allerdings, so warnen Experten, könnte es leicht zu Kapazitätsgrenzen kommen.

Kaum ein Medium nutzt die Chancen des Internets wie das Radio. Mit DAB+ soll im August 2011 der Startschuss für einen ganz eigenen digitalen Zukunftskanal fallen. Deutschlandweit.

Lange Zeit drehten sich Zukunftsdiskussionen unter Deutschlands Radiomanagern kaum mehr um Inhalte, sondern nur noch um neue technische Verbreitungswege. Schließlich hatten Bundesregierung und EU-Kommission geplant, bis spätestens 2015 alle UKW-Transistorradios auf den Müll der Geschichte zu werfen. Seit am 28. Februar 1949 der erste UKW-Sender Europas in Bayern in Betrieb genommen wurde, haben sich immerhin rund 300 Millionen UKW-Radioempfangsgeräte in deutschen Haushalten angesammelt.

Nach den bisherigen Pleiten und Pannen bei der bereits 20 Jahre währenden Digitalisierung des deutschen Hörfunks zeigten vor allem private Radiomacher immer weniger Lust auf technische Experimente in Richtung Digitalradio DAB+ und Co. Sie gehen einerseits von höheren Kosten für die Verbreitung ihrer Programme aus, fürchten Verluste bei ihren angestammten UKW-Sendegebieten - erwarten andererseits jedoch keine zusätzlichen Einnahmen durch Werbung.

DAB+ vor dem Start, doch Ultrakurzwelle funkt weiter

Öffentlich-rechtliche Anstalten dagegen, allen voran der Bayerische Rundfunk, bauen ihre digitalen Programmangebote konsequent weiter aus und die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hat Ende Februar nochmals 36 Millionen Gebührengelder für die Entwicklung der digitalen Radiotechnik freigegeben.
Auch on3-radio, das Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks ist via DAB zu empfangen. Mittlerweile hat der BR bereits mit der Umstellung auf DAB+ begonnen. Foto: isAuch on3-radio, das Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks ist via DAB zu empfangen. Mittlerweile hat der BR bereits mit der Umstellung auf DAB+ begonnen. Foto: is
Profitieren werden davon auch die drei Programme des Deutschlandradios. Gemeinsam mit privaten Anbietern wie Radio Energy und dem derzeit nur im Internet empfangbaren Fußballradio 90elf wollen sie in einem bundesweiten Netz, dem so genannten Digitalradio-Multiplex, am 1. August 2011 mit der deutschlandweiten Ausstrahlung ihrer Programme und digitalen Zusatzdienste beginnen. Der Netzbetreiber Media Broadcast, eine ehemalige Tochter der Telekom, hat Anfang März mit dem Aufbau des Digitalradio-Sendernetzes in Deutschland begonnen. 27 Standorte sind für die erste Ausbaustufe geplant. Wenn am 1. August das neue Digitalradioangebot bundesweit auf Sendung geht, soll es theoretisch für 38 Millionen Hörer empfangbar sein und mobil bereits die Hälfte der bundesdeutschen Autobahnen mit bester Audioqualität versorgen. Vorausgesetzt, die Endgeräteindustrie spielt mit und bietet dem Hörer attraktive und bezahlbare Empfangsgeräte.

Zunächst nicht dabei sein werden landesweite private Wellen wie Antenne Bayern, Hitradio FFH oder Antenne Niedersachsen. Im Juni 2009 sprachen sich die Mitglieder des größten privaten Rundfunkverbands VPRT gegen die Einführung von DAB+ aus. Bisher setzen sie auf die Verlängerung von UKW ins Internet und die mobilen Angebote. Der Gesetzgeber kommt ihnen entgegen: Im neuen Entwurf des Telekommunikationsgesetzes, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll, wurde der Termin 2015 für die Abschaltung von UKW mittlerweile fallen gelassen. Der am 2. März 2011 vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf zur TKG-Novelle sieht vor, dass Frequenzzuteilungen auf Antrag um weitere 10 Jahre verlängert werden können. Aus München warnt jedoch Helwin Lesch, Leiter der Hauptabteilung Programmdistribution beim Bayerischen Rundfunk: "Das Internet allein mit seinen Kapazitätsgrenzen kann nicht die Technik der Zukunft für das Radio sein - Radio braucht zwingend einen ganz eigenen Verbreitungsweg."

Radio im Social Web

Dessen ungeachtet vermehren sich derzeit die Radiosender im Netz: Über 20 Webstreams zählt allein das Angebot aus dem Hause Radio/Tele FFH. Neben den drei lizensierten UKW-Programmen ist für jeden Geschmack etwas dabei: von Electrobeat über Jazz bis zu Hits für Kids.

Ganz ohne Frage ein Ehrenerweis: Volker Bouffier besuchte an seinem ersten Arbeitstag (1.9.2010) als Ministerpräsident von Hessen die Studios von Hitradio FFH und war live in der Sendung "Guten Morgen, Hessen" zu Gast. FFH-Geschäftsführer Hans-Dieter Hillmoth überreichte dem früheren Basketballprofi einen Basketballkorb fürs Büro. Foto: FFHGanz ohne Frage ein Ehrenerweis: Volker Bouffier besuchte an seinem ersten Arbeitstag (1.9.2010) als Ministerpräsident von Hessen die Studios von Hitradio FFH und war live in der Sendung "Guten Morgen, Hessen" zu Gast. FFH-Geschäftsführer Hans-Dieter Hillmoth überreichte dem früheren Basketballprofi einen Basketballkorb fürs Büro. Foto: FFH


Ganz falsch kann das nicht sein. Laut einer aktuelleTNS-Infratest -Studie aus dem Februar 2011 hören bereits 32 Prozent der 14- bis 59-jährigen Internetnutzer in Deutschland Radio über das Internet, am häufigsten über den PC. Nur wenige nutzen dafür spezielle Empfangsgeräte wie WLAN- oder IP-Radios. Die von den Webradiohörern genannten Lieblingssender im Internet sind zu 80 Prozent Sender, die auch über einen anderen Empfangsweg als das Internet gehört werden können. "Bei der unüberschaubaren Anzahl und Vielfalt an Radioangeboten im Netz bieten die "offline" bekannten Sender bewährte Qualität und ersparen die aufwändige Suche nach dem richtigen Programm", erklärt Wolfgang Werres, Geschäftsführer TNS Infratest, die Markentreue zum UKW-Programm. Anders sähe es allerdings bei den "Digital Natives" aus, die probierten häufiger auch schon mal was Neues im Netz.
Radio sunshine live aus Mannheim führt derzeit die Facebook-Charts der deutschen Radiosender. ScreenshotRadio sunshine live aus Mannheim führt derzeit die Facebook-Charts der deutschen Radiosender. Screenshot


Das Internet als Echtzeit-Web entpuppt sich für den Hörfunk immer mehr als ideale Ergänzung zur Interaktion und Kommunikation mit dem Zuhörer und stärkt die emotionalen Bindungen. Wie selbstverständlich nutzen die meisten Radiosender mittlerweile auch den Boom der sozialen Netzwerke, sind aktiv bei Twitter, Facebook und in anderen Online-Communitys. Bewegtbilder, Podcasts, Zusatztexte, die ganze Vielfalt wird eingesetzt. Communitys hießen früher einfach Hörerclubs - na und? Jetzt wird eben intensiv über das Netz kommentiert, gevotet und mit den Hörern gespielt. 114.000 "Fans" zählt bereits die Facebook-Seite von Radio sunshine live mit elektronischer Musik rund um die Uhr aus Mannheim, dicht gefolgt von planetradio mit 104.000 Fans aus dem Hause FFH.

Ein unterschätztes Medium

Die vielbeschworene Konkurrenz durch das Internet hat das Medium Radio bisher scheinbar unbeschadet überstanden. Fast 80 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren schalten täglich wenigstens einmal ein. Die neuesten Radionutzungsdaten der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse dokumentieren stabile Hördauer und sogar wieder steigende Hörerzahlen - auch in den jungen Zielgruppen. Selbst die aktuellen Bruttowerbeumsätze, monatlich geliefert von der Nielsen Media Research GMBH, sind für die meisten Radiosender eher erfreulich. "Online ist für uns eine Ergänzung. Kein Konkurrenzmedium, sondern lediglich eine Plattform, auf der Audio ebenso wie Print und TV abgerufen werden kann", sagt Lutz Kuckuck, Geschäftsführer der Radiozentrale Berlin, eine Marketing-Initiative privater und öffentlich-rechtlicher Radiostationen. Er geht davon aus, dass sich die Radionutzung in der digitalen Welt weiter dynamisiert. Die zunehmende Zahl der Internet-Flatrates oder der Trend hin zur Region seien dabei weitere starke Treiber. "Unaufgeregt" hätten die Programmverantwortlichen die digitalen Möglichkeiten für das Radio genutzt, meint Lutz Kuckuck, sei es via Radio-App unterwegs auf dem Handy oder auch über die interaktiven Fanpages bei Facebook und Co.


Der Initiative geht es ums Image des Radios - auch deswegen gibt es im September 2011 zum zweiten Mal den Deutsche Radiopreis, den öffentlich-rechtliche und private Radiostationen in ungewöhnlicher Eintracht gemeinsam gestalten. Die Macher haben den Eindruck, ihr Medium werde unterschätzt: "Die Schar der Medienjournalisten jagt den neuen Trends hinterher und lässt die klassischen Medien liegen. Die Medienjournalisten erstarren in Ehrfurcht, wenn Apple-Boss Steve Jobs eine neue Erklärung verlauten lässt. Dabei interessiert das nur eine Minderheit", meint Dietmar Timm, Programmchef von DRadio Wissen, dem dritten Programm des Deutschlandfunks.

Für den Programmchef von DRadio Wissen ist das Internet derzeit der wichtigste Verbreitungsweg für sein Programm und DAB+ sein Wunschkanal - denn DRadio Wissen verfügt über keinerlei UKW-Frequenzen. Seit DRadio Wissen im Januar 2010 als "Versuchslabor mit Internetanschluss" gestartet ist, hat seine Mannschaft nahezu täglich am Programm geschraubt. "Und zwar immer auf Wunsch der Hörer, die sich aktiv an unserem Programm beteiligen können", betont Timm.

Hörfunk für die Generation Internet

Die sogenannten "Digital Natives" mit offenen Armen empfangen und Kommunikation auf Augenhöhe, das haben sich die Redakteure fest vorgenommen. Auch wenn die Beteiligung der User nach der Anfangseuphorie merklich abgenommen habe, so Timm. Woran das liegen mag, wird bei DRadio Wissen noch analysiert. Die Mehrheit der Zuhörer will offenbar nicht aktiv werden, sondern gefällt sich in der Konsumentenhaltung. Diese Einschätzung teilen viele Radiomacher. Der Hörer sei doch froh, wenn er mal nur einschalten und sich zurücklehnen könne, meint auch Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer der hessischen Radio/Tele FFH.
Digitale Sendetechnik vom Feinsten im Studio von DRadioWissen. Foto: ©Deutschlandradio-Bettina Fürst-FastréDigitale Sendetechnik vom Feinsten im Studio von DRadioWissen. Foto: ©Deutschlandradio-Bettina Fürst-Fastré (© Deutschlandradio-Bettina Fürst-Fastré )


Durchschnittlich 30.000 Streamingabrufe pro Tag werden für DRadioWissen gezählt. Wie viele Hörer sich hinter solchen Streams verbergen und wie viele das Angebot noch über Kabel, Satellit und DAB hören, lässt sich nur schätzen. Anerkannte Erhebungsmethoden gibt es noch nicht. "In der Top 100-Liste von Phonostar fühlen wir uns ganz gut einsortiert, unserem Anspruch, eine jüngere Zielgruppe als unsere Schwesternprogramme zu erreichen, scheinen wir gerecht zu werden", glaubt Timm.

Neues Radiopublikum will sich Timm auch in der netzaffinen Zielgruppe erschließen. Daher gibt es bei DRadio Wissen die NetzReporter, die täglich mehrmals für den Sender aus der Welt der Bits und Bytes berichten. Produziert wird der NetzReporter von Journalisten, Künstlern und Netzarbeitern, die sich vor einigen Jahren in der "Kooperative Berlin" zusammengeschlossen haben. Das Netzwerk begreift sich als Medienlabor und Ideenmanufaktur an der Schnittstelle klassischer und digitaler Medien. Das jüngste Projekt mit Aufmerksamkeitswert für die Netzgemeinde, dessen Abschlussdiskussion als "Onlinetalk" im Radio gesendet wurde, war das "SpeedLab Journalism Berlin", die Kombination aus einer Konferenz mit Barcamp-Atmosphäre und einem Speeddating von Experten und Besuchern. Thema: "Wir bauen uns einen neuen Journalismus."