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12.4.2011 | Von:
Andreas Bernard

Abgehört

Andreas Bernard hörte für das SZ-Magazin einen Tag lang von fünf Uhr morgens bis Mitternacht das komplette Radioprogramm von Bayern 3 ab. Für DRadio Wissen beobachtete Pascal Fischer gleich eine ganze Woche aufmerksam "Formatradios". Im Ergebnis kommen beide Journalisten zu einem wenig schmeichelhaften Urteil für die Radiokollegen. Hat das Radio nur ein Imageproblem oder verdient es wirklich schlechte Noten? Auch diese Frage steht auf der Agenda für die Radiotage Tutzing im September 2011. Die Drehscheibe, das Magazin von und für Lokalredaktionen, hat Andreas Bernard interviewt, weil sie wissen wollte, was ihn zu seinem Abhörmarathon motivierte. Die Antworten auch hier auf hoerfunker.de

(is) - Andreas Bernard hörte für das SZ-Magazin einen Tag lang von fünf Uhr morgens bis Mitternacht das komplette Radioprogramm von Bayern 3 ab und wertete es in einem Artikel zum Thema aus. "Der Autor", so schrieb das Magazin - wohl eher augenzwinkernd - ,"fiel nach 19 Stunden am Radio in einen unruhigen Schlaf. Er träumte von einer Achtziger-Jahre-Party im Bayern-3-Studio - und wachte schweißgebadet auf."

Andreas Bernard berichtet im SZ-Magazin über seine Höreindrücke bei Bayern 3.Andreas Bernard berichtet im SZ-Magazin über seine Höreindrücke bei Bayern 3.
Was in der Zeitung klappt, muss doch erst recht im Radio funktionieren, mögen sich die Redakteure von DRadio Wissen diese Woche gedacht haben und beauftragten ihren Mitarbeiter Pascal Fischer damit, eine ganze Woche lang erfolgreiche "Formatradios" abzuhören - von der Moderatorin des Wortradios auch mit Nebenbeiradio und Dudelfunk assoziiert. Pascal Fischer suchten zwar keine Alpträume heim, doch lebt er "plötzlich in einer streng durchgetakteten Woche". Er sieht nach dem Abhörmarathon "missionarische Motivationsgurus vor sich herumhampeln" und unterlegt sein Fazit, dass der Riss zwischen Ideal und Wirklichkeit zu groß sei, mit Original-Audiohäppchen der abgehörten Sender.

Hat das Formatradio ein Imageproblem? Oder ist die Misere nicht nur fremdverschuldet? Aufmerksamkeit und positives Image spielen in der neuen "Social-Media-Welt" eine immer größere Rolle. Warum meist nur negativ über Radio berichtet wird, seine Relevanz und Stärken so oft unterschätzt werden und ob man dagegen ansteuern kann: das ist ein Thema der nächsten Tutzinger Radiotage vom 18. bis 20. September 2011


Nachgefragt

Die Kollegen der Drehscheibe, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung für Lokalredaktionen, haben bei Andreas Bernard nachgefragt, was ihn dazu motivierte, 19 Stunden lang Bayern 3 abzuhören. Das Interview führte Anne Kirschbaum.


Warum haben Sie eigentlich...

... 19 Stunden lang Bayern 3 gehört? Ich wohne seit einigen Jahren in Berlin, und wenn ich mit dem Auto nach München in die SZ-Redaktion fahre, höre ich manchmal Bayern 3. Dabei fiel mir auf, dass es in dem Sender ständig um dasselbe geht: die Arbeit, das Wetter und die immer gleichen alten Hits. Das hat bei mir irgendwann leichte Aggressionen ausgelöst, und über die wollte ich mir schreibend klar werden.

Warum ausgerechnet dieser Sender? Ich passe natürlich genau in die nostalgieanfällige Zielgruppe des Senders. Ich bin in München aufgewachsen und habe Anfang der Achtziger ganz fleißig die "Schlager der Woche" gehört und aufgenommen. Meine Verbindung zu Bayern 3 besteht also schon lange. Manche dieser alten Tapes habe ich sogar noch.

Wie haben Sie sich auf Ihren Radiomarathon vorbereitet? Da werktags immer dasselbe Programm läuft, war ich nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Um das Ganze aber dramaturgisch zu verdichten, wollte ich einen Tag lang das komplette Programm hören und analysieren. An diesem Tag habe ich mich mit nichts anderem beschäftigt.

Was passierte in diesen 19 Stunden? Ich war in meiner Wohnung und habe das Programm über meinen Laptop gehört und protokolliert. So konnte ich mir zwischendurch auch etwas zu essen machen oder kurz auf dem Sofa wegdösen, als es nachmittags langsam anstrengend wurde. Kurz vor dem Ende habe ich auch ein wenig geschummelt und mir nebenbei ein Fußballspiel angesehen.

Welche Auswirkungen hatte der Selbstversuch auf Sie? Zunächst lief es besser als erwartet. Die ersten Stunden waren sogar ganz angenehm, aber gegen Mittag gab es die ersten Krisen, und die Aufmerksamkeit sank ab. Nachmittags spürte ich erste körperliche Folgen: Mir rauschte der Kopf. Ab einem gewissen Punkt wusste ich, worüber ich schreiben wollte, und horchte nur noch auf die Wiederholungen. Das war sehr ermüdend. Gegen Abend, als ein Ende abzusehen war, wurde es aber wieder leichter.

Was motivierte Sie, sich trotz Ihrer kritischen Haltung das Programm so lange anzuhören? Ich war getrieben durch den Text, den ich verfassen wollte, und hatte weniger Ansprüche an das Programm als an mich selbst.

Wie hat der Sender auf Ihren Artikel reagiert? Bayern 3 war natürlich nicht begeistert und fand meine Aussagen ungerecht und falsch. Bei den Lesern allerdings stieß mein Artikel auf große Zustimmung.

Interview: Anne Kirschbaum
Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Aprilausgabe der gedruckten Drehscheibe entnommen:
www.drehscheibe.org