1.8.2011 | Von:
Von Inge Seibel-Müller

Diesmal soll es gelingen

Bundesweiter Start von Radio über DAB+

Ein Meilenstein in der Geschichte des Radios: Das digitale Nachfolgesystem für den analogen UKW-Rundfunk, DAB+, ist deutschlandweit gestartet. Zwölf Sender können nun erstmals über alle Landesgrenzen hinaus gehört werden. Für die Radiomacher ist es der letzte Versuch mit der digitalen Technik. Empfangsgeräte für diesen neuen Übertragungsweg der Radiowellen sind bereits zahlreich im Handel. Nun liegt es am Verbraucher, ob das neue Angebot auch Hörer findet.

01. August 2011 - Heute startet der bundesweite Multiplex DAB+, das digitale Nachfolgesystem für den analogen UKW-Rundfunk. Beim Multiplex können auf einer Frequenz mit Hilfe der digitalen Technik mehrere Programme gleichzeitig verbreitet werden. Die Radiolandschaft, so sagen die Befürworter des digitalen Hörfunks, wird damit bunter. DAB+ sei Geldverschwendung und eine Totgeburt unken die Gegner.

Empfangsgeräte, die den neuen Sendestandard, aber auch weiterhin klassische UKW-Programme, empfangen können, gibt es bereits zahlreiche im Handel. Zum ersten Mal sollen ein Dutzend Radioprogramme deutschlandweit einheitlich zu empfangen sein, mit wichtigen Zusatzinformationen am Gerätedisplay in Form von Bildern und Texten. Deutschlandweit jedoch nur in der Theorie, denn gerade in der Mitte Deutschlands oder gar landesweit wie in Mecklenburg-Vorpommern, bleiben beim Start des Digitalradios an 27 Sendestandorten noch viele Flächen unversorgt.

In den blau schraffierten Gebieten ist ab heute Radio über DAB+ zu empfangen. Alle Infos zu DAB+ auf der relaunchten Site von digitalradio.deIn den blau schraffierten Gebieten ist ab heute Radio über DAB+ zu empfangen. Alle Infos zu DAB+ auf der relaunchten Site von digitalradio.de


Der Ausbau des Netzes entlang der Bundesautobahnen auf mehr als 100 Sendestandorte soll jedoch nach Aussagen der öffentlich-rechtlichen Radioveranstalter und des privaten Betreibers Media Broadcast bis spätestens 2015 abgeschlossen sein. Bis dahin hoffen die Radiomacher auf den Verkauf von 15 Millionen DAB+ fähigen Radioempfangsgeräten. Angesichts von geschätzten 300 Millionen UKW-Empfangsgeräten in deutschen Haushalten ein bescheiden anmutendes Ziel.

Klaus Schunk, Vizepräsident der Interessenvertretung der privaten Rundfunk- und Telemedienunternehmen VPRT und Fachbereichsvorsitzender Radio und Audiodienste, äußert sich zurückhaltend: "Nur wenn auch der zusätzliche Verbreitungsweg DAB+ schnell Hörer gewinnt, können die engagierten privaten Radiosender hier Reichweite aufbauen und sich refinanzieren. Letztlich wird der Markt entscheiden, ob es Bedarf für einen spezifischen digitalen Radio-Verbreitungsstandard gibt."

Projektbüro Digitalradio plant Öffentlichkeitsoffensive

Um die Öffentlichkeit über das neue Programmangebot im Digitalradio zu informieren und die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren, wurde das "Projektbüro Digitalradio" mit Sitz in Baden-Baden gegründet. Getragen wird die Informationsoffensive von öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern, der Politik, Sendernetzbetreibern und der Geräteindustrie. Leiter des Projektbüros ist Michael Reichert vom SWR, der für sein Unternehmen bereits das Projekt "Radio plus" leitete. Er glaubt, das Radio müsse aus dem Internet lernen, indem es interessante ergänzende Informationen zum gewohnten Audioprogramm bereitstelle.

Auf Seiten einiger Privatradioveranstalter setzt sich Helmut G. Bauer, Geschäftsführer der Digitalradio Deutschland GmbH, für das neue Übertragungsverfahren ein. Er glaubt an DAB+, da mit einem Zehn-Jahres-Vertrag nun eine gewisse Planungssicherheit bestehe und die Geräteindustrie sich diesmal vehement für die Verbreitung neuer Empfänger ins Zeug lege. Bauer hofft auf neue Vermarktungsmodelle, um auch die Werbewirtschaft mit ins Boot zu holen. "Erfahrungen beispielsweise aus der Schweiz oder Australien zeigen, dass Digitalradio weit mehr und länger genutzt wird als UKW", sagt Bauer.

Zum Start 12 mehr oder weniger neue Radioprogramme

Noch vor zwei Wochen gab es Unsicherheiten darüber, welche Programme tatsächlich von den 14 geplanten zum heutigen Auftakt über den bundesweiten Multiplex auf Sendung gehen. Von ursprünglich 14 blieben schließlich 12 übrig. Neben den drei Programmen des öffentlich-rechtlichen Deutschlandradio sind dies vor allem kirchlich oder musikorientierte Radiosender unterschiedlicher Musikfarbe wie Klassik Radio Lounge FM, KISS, ENERGY oder Radio BOB, die allerdings zum größten Teil auch bisher schon per Kabel, Internet oder UKW empfangbar waren. Einzig der Sender Absolut Radio aus Regensburg wurde eigenst für DAB+ konzipiert.

Zunächst wenig Neues also erwartet die Radiohörer, wenn sie heute ihre DAB+ Radios einschalten. Das verwundert angesichts der Tatsache, dass die Befürworter und Betreiber der neuen Technik argumentativ gerade mit der neuen Programmvielfalt als Mehrwert werben. Ein weiterer Pluspunkt sollen bekanntermaßen die multimedialen Zusatzdaten wie begleitende Programminformationen in Textform, Audio-Angebote zum Nachhören, Slideshows und Übertragung von CD-Coverfotos sein. "Der Erfolg von Radio-Apps zeigt, dass Radionutzer solche programmbegleitenden Angebote in Zukunft einfach erwarten", sagt Michael Reichert, der Leiter des Projektbüros Digitalradio.

Zum heutigen Sendestart dürften allerdings nur wenige von diesem Mehrwert profitieren, denn Reichert macht gleich eine Einschränkung: "Es ist damit zu rechnen, dass die erste Generation der Digitalradio-Empfangsgeräte noch nicht alle der genannten Angebote wird umsetzen können. Ungeachtet dessen werden die öffentlich-rechtlichen und privaten Programmveranstalter mit deren Ausstrahlung beginnen, um dem Markt auf diese Weise Planungssicherheit zu geben."

Christopher Franzen, Geschäftsführer der Frank Otto Medienbeteiligungsgesellschaft (FOM), hält die Mehrwertdienste seinerseits ohnehin für weniger erfolgsentscheidend. Er hofft darauf, dass die Teilnehmer des Multiplexes nun "gescheite Programme machen, die auch klar unterscheidbar sind von dem, was man sonst per UKW empfangen kann". Die von Franzen vertretenen Gesellschafter, die NORFOM, ein Gemeinschaftsunternehmen aus NWZ Funk und Fernsehen GmbH & Co. KG Oldenburg und Frank Otto Medienbeteiligungsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg, gehen heute mit dem Berliner Stadtradio Kissfm bundesweit an den Start.



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Alle Bundesligaspiele live bei 90elf

Wirklich überraschendes in DAB+ kündigt das Fußballradio 90elf des Veranstalters regiocast an. Bisher wurde das Programm, das alle Fußballspiele der 1. und 2. Bundesliga überträgt, nur im Internet gestreamt. In einer technisch anspruchsvollen Umsetzung sollen künftig neben dem Konferenzkanal der Radiokommentar zu mehreren Bundesligaspielen in voller Länge live und parallel übertragen werden. "Dynamic reconfiguration" nennt sich diese Technik, die es erlaubt, einen Datendienst im DAB-Multiplex vorübergehend in mehrere Subkanäle aufzusplitten. Möglich wäre so auch eine zeitweise Regionalisierung von Radioprogrammen. "Das hat es weltweit bisher noch nicht gegeben", sagt Helmut G. Bauer und kündigt gleich noch einen weiteren Knüller beim Fußballradio an: "Bald wird dort eine allseits bekannte Fußballer-Persönlichkeit moderieren." Vergangene Woche gab der Sender 90elf bekannt, dass Manni Breuckmann, der 2008 beim WDR in den Ruhestand ging, zum Auftakt der 1. Bundesliga am 5. August die Partie zwischen Borussia Dortmund und dem Hamburger SV live kommentieren wird. Das Investment in Personality zeige, wie Ernst es den Sendern sei, dass Digitalradio diesmal ein Erfolg werde.

Absolut Radio, der Facebook-Sender

Ganz neu auf DAB+ ist der Sender Absolut Radio des Telefonbuchverlegers Gunther Oschmann aus Nürnberg. Seit einem Monat probt das eigens zusammen gestellte Team in modern eingerichteten Räumen des Funkhauses Regensburg mit Hilfe von spezialisierten Beratern den Sendestart. Per Facebook-Fanseite ließ sich die Mannschaft beim Senderaufbau über die Schulter gucken. Eine iPhone-App und die Homepage sind bereits fertig. Die Hörer sollen mitbestimmen, welche Titel laufen und per Smartphone als "Bürgerreporter" Inhalte liefern. Spielen will man bisher noch unentdeckte oder bereits wieder vergessene Songs von bekannten Interpreten. Angereichert werden soll das Programm mit vielen Service-Informationen und interaktiven Elementen. Dazu gehören klassische Umfragen ebenso wie die Einbindung sozialer Netzwerke ins Programm. Der Slogan lautet "Social Media First".

Beraten wurde das Team vom Online-Strategen Michael Praetorius, der auf dem Standpunkt steht, UKW sei tot. "Für jede Service-Leistung, die ein Radioformat traditionell liefert, sei es Verkehr, Wetter oder ähnliches, gibt es heutzutage eine eigene App fürs internetfähige Mobiltelefon. Radio muss also mehr leisten, Emotionen in die Informationen bringen", sagt Praetorius. Möglich sei das nur mit Anpassungen und Veränderungen der redaktionellen Arbeitsweisen.

UKW ist noch nicht tot

Dass UKW noch lange nicht tot sei glaubt hingegen der scheidende Intendant der Dreiländer-Anstalt MDR, Dr. Udo Reiter. Obwohl ausgerechnet in der erst im Mai aktualisierten Fassung des sächsischen Privatrundfunkgesetzes weiterhin steht, dass Hörfunkprogramme im UKW-Band und in Kabelanlagen nur noch bis zum Ablauf des 31. Dezembers 2014 weiter in analoger Technik übertragen werden dürfen, meint Reiter, dass UKW "uns noch eine ganze Weile weiter begleiten wird. Die Leute sind mit der UKW-Übertragung völlig zufrieden."



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Er könnte Recht haben. Der Entwurf zum neuen Telekommunikationsgesetz (TKG), der im April den Bundesrat passierte, ermöglicht eine Verlängerung der UKW-Konzessionen bis mindestens 2025. Die Auflage, ab 2015 nur noch Radiogeräte in den Handel zu bringen, die in der Lage sind, Digitalradio zu empfangen, wurde ersatzlos gestrichen. Der Geschäftsführer und Pressesprecher der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) räumt denn auch ein, dass möglicherweise auch in Sachsen noch über das Jahr 2014 hinaus die UKW-Frequenzen genutzt werden können. Im Herbst will man erst einmal den landesweiten Multiplex für DAB+ neu ausschreiben, nachdem sich im vergangenen Jahr kein Bewerber gemeldet hatte.

Ungemach droht - Bildstörungen beim analogen TV-Kabelempfang

Ungemach droht dem Digitalradio beim heutigen Start noch von ganz unerwarteter Seite, wie erste Testsendungen vergangene Woche zeigten. Durch die Erhöhung der Sendeleistung für DAB+ auf 10 KW könnte es bei Kabel-TV Kunden, die zu rund zwei Dritteln noch immer das analoge Fernsehsignal nutzen, zu massiven Störungen ihrer Fernsehprogramme kommen. Das betrifft Fernsehsender, die die gleichen Frequenzen im Kabel belegen, wie das Digitalradio per Funk.

Die TV-Empfangsprobleme überraschten Kabelfernsehanbieter und die Landesmedienanstalten. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet über Störungen beim ARD-Programm, laut Hamburger Abendblatt ist im Norden Deutschlands das Programm von RTL gestört. Der Hörfunkbeauftragte der Landesmedienanstalten und Direktor der Landesmedienanstalt Saarland (LMS), Dr. Gerd Bauer, ist allerdings zuversichtlich, dass bis zur Internationalen Funkausstellung (IFA) im September in Berlin die "bei einem solchen Großprojekt wie dem Digitalradio-Neustart üblichen Kinderkrankheiten" überwunden seien.