16.9.2011 | Von:
Von Inge Seibel-Müller

Erfolg klingt anders: DAB+ sorgt noch für manchen Verdruss

Gestörte Fernsehbildschirme, Rauschen im Polizeifunk und verärgerte DAB-Radiobesitzer - die neue digitale Radiotechnik DAB+ ist gestartet und sorgt für technische Probleme, die offenbar niemand vorhersehen konnte. Dennoch, die Radiobranche zeigt sich zuversichtlich, dass der große Durchbruch noch bevorsteht. Indessen wird an neuen Zusatzdiensten gebastelt und demnächst auch noch kräftig die Werbetrommel für das Weihnachtsgeschäft getrommelt. DAB+ soll in absehbarerZeit die Übertragung von Radiowellen über UKW beenden.

Absolut Radio, das neue Digitalradio aus dem Hause des Telefonbuchverlegers Oschmann, ist gemeinsam mit DAB+ am 1. August landesweit gestartet. Der Sender setzt voll auf Social Media und wirbt mit seiner Smartphone-App, die das Mitmachen ganz einfach macht, egal ob als Bild-, Audio-, Video- oder Textreporter.Absolut Radio, das neue Digitalradio aus dem Hause des Telefonbuchverlegers Oschmann, ist gemeinsam mit DAB+ am 1. August landesweit gestartet. Der Sender setzt voll auf Social Media und wirbt mit seiner Smartphone-App, die das Mitmachen ganz einfach macht, egal ob als Bild-, Audio-, Video- oder Textreporter.
Der am 1. August bundesweit gestartete Multiplex DAB+ als digitales Nachfolgesystem für den analogen UKW-Hörfunk brachte bislang den Veranstaltern so manchen Ärger ein. Zum einen unken Gegner der Digitalisierung, dass es mehr Sender als Hörer gebe. Tatsächlich werden zurzeit zwölf digitale Hörfunkprogramme zwar bundesweit, jedoch längst nicht flächendeckend verbreitet. Über die Zahl der erreichten Hörer liegen bislang noch keine Angaben vor. Zum anderen führt die digitale Verbreitung der Radioprogramme trotz vorheriger Frequenzabstimmung durch die Bundesnetzagentur in Ballungsräumen wie Berlin und Hamburg zum Teil zu empfindlichen Störungen des Fernsehempfangs über analoge Kabelanlagen. Ein Problem, das nach Ansicht der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen für Programmanbieter, Bundesnetzagentur oder auch Kabelnetzbetreiber seit langem hätte absehbar sein müssen. Sie empfiehlt obendrein dem mit DAB+ liebäugelnden Hörer, er sollte "zunächst abwägen, ob die verfügbaren Programme überhaupt das eigene Interesse treffen und ob die zahlreich im Internet zu findenden Radiostationen nicht mindestens den selben Zweck erfüllen."

DAB+ stört Polizei- und Rettungsfunk

Empört zeigten sich ihrerseits die Radiomacher über eine mehrtägige Abschaltung des Digitalradiosignals im Großraum Dortmund Anfang September. Laut dpa stellte sich für Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, gar die Frage, ob dies nicht bereits ein Eingriff in die Rundfunkfreiheit sei. Verfügt wurde die Sendepause von der für die Frequenzkoordination zuständigen Bundesnetzagentur.

Hintergrund der Abschaltung war die Befürchtung des nordrheinwestfälischen Innenministeriums, dass die Koordination von Einsatzkräften über den veralteten analogen Behördenfunk bei einer geplanten Großdemonstration in Dortmund gestört werden könnte. Mittlerweile wurde bekannt, dass auch in anderen Bundesländern Frequenzstörungen des Polizeifunks beobachtet wurden. Bei der Bundesnetzagentur suchen Experten nach einer Lösung für das Problem. Die Frequenzbereiche von DAB+ und Polizei liegen nah beieinander und dadurch komme es zu Überschneidungen, die so nicht absehbar gewesen seien, schreiben beispielsweise die Ruhrnachrichten.

Für Anfang Oktober droht eine weitere zeitweise Aussetzung von Digitalradio, das befürchtet rettungsdienst.de. In Bonn wird vom 1. bis zum 3. Oktober 2011 der NRW-Tag und der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Zu den Feierlichkeiten werden über 300.000 Besucher erwartet. Da die von der Bundesnetzagentur für Digitalradio zugewiesene Sendefrequenz in benachbarten Frequenzbereichen zum BOS-Funk liegt, werden Beeinträchtigungen bei der Kommunikation befürchtet, schreibt das Online-Portal für das Rettungswesen.

Wie lange hält Sachsen an der UKW-Abschaltung 2014 fest?

Besonders kurios gestaltete sich der Sprung ins digitale Radiozeitalter in Sachsen. Scheinbar senden die UKW-Programme im Freistaat bereits seit eineinhalb Jahren mit einer Art Ausnahmegenehmigung, denn schließlich hatte die Staatsregierung in ihrem 2009 novellierten Privatrundfunkgesetz festgeschrieben:

"Spätestens ab dem 1. Januar 2010 erfolgt die Übertragung von Rundfunkprogrammen und vergleichbaren Telemedien in Sachsen ausschließlich in digitaler Technik. In Abweichung von Satz 1 dürfen Hörfunkprogramme im UKW-Band sowie Rundfunkprogramme und vergleichbare Telemedien in Kabelanlagen bis zum Ablauf des 31. Dezember 2014 weiter in analoger Technik übertragen werden."

Dieser Paragraph findet sich überraschenderweise auch noch in der im Mai 2011 aktualisierten Fassung des sächsischen Privatfunkgesetzes. Den Radiosendern macht das offensichtlich keine Bange. Im vergangenen Jahr bewarb sich kein einziger Anbieter für die Verbreitung von Radioprogrammen auf einem landesweiten Multiplex für DAB+. Die Landesmedienanstalt will nun in diesem Herbst eine zweite Ausschreibung starten. Mittlerweile hält allerdings auch der Geschäftsführer der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM), Martin Deitenbeck, die bislang geplante Abschaltung der UKW-Frequenzen im Freistaat zum 31. Dezember 2014 für "unrealistisch".

DAB+ noch weitgehend unbekannt

Dass viele Menschen vom Start in die neue Radioepoche mit DAB+ noch gar nichts mitbekommen haben, befürchtet das Branchenmagazin der "Journalist" und untermauert diese These mit einer netten Anekdote:

Dietmar Timms Sender DRadio Wissen hat die Frequenz gewechselt: von DAB zu DAB+. Für die Hörer bedeutet das: Neue Radioempfänger kaufen. Foto: DRadio Wissen.Dietmar Timms Sender DRadio Wissen hat die Frequenz gewechselt: von DAB zu DAB+. Für die Hörer bedeutet das: Neue Radioempfänger kaufen. Foto: DRadio Wissen.


Immer wieder habe der Deutschlandfunk in den vergangenen Wochen über DAB+ berichtet. Zum Sendestart am 1. August bekam Dietmar Timm, Programmchef bei DRadio Wissen, einen verdutzten Anruf seiner Tochter, als sie gerade in der Küche stand und vergeblich am Knopf ihres Digitalradio-Empfängers drehte. Weshalb sie DRadio Wissen nicht mehr hören könne, wollte sie wissen. Die Antwort: Sie muss sich mal wieder ein neues Radiogerät kaufen. Denn über DAB wurde DRadio Wissen zum 1. August abgeschaltet. Das Programm wird nun über DAB+ ausgestrahlt - was die meisten alten DAB-Geräte nicht mehr empfangen können. (Quelle: "Journalist"online)

Technik hin oder her. In einer Diskussionsrunde auf der Internationalen Funkausstellung (ifa) in Berlin waren sich alle Radiomacher einig: Dem Zuhörer sind die Übertragungswege nach wie vor egal - entscheidend sind die Inhalte. Ist das Programmangebot nicht attraktiv genug, dann nutzt die beste Technik wenig.