17.4.2007 | Von:
Kai Fischer, Hit-Radio Antenne Niedersachsen

Die digitale Radiozukunft

Der Weg führt über das Internet

Die Zukunft ist ungewiss - doch man will dabei sein. Fünf der großen regionalen Privatsender haben eine Allianz gebildet und wollen gemeinsam in die digitale terrestrische Zukunft des Radios starten.

18. April 2007 (is). Unter dem Namen BIG 4 kooperieren seit Ende vergangenen Jahres einige der großen regionalen deutschen Radiosender bei neuen Digital-Projekten. Die Radio/Tele FFH aus Hessen, Antenne Bayern sowie die niedersächsischen Unternehmen radio ffn und Hit-Radio Antenne Niedersachsen sind die Gründungsmitglieder von BIG 4. Seit neuestem ist auch Radio Hamburg mit dabei - aus BIG 4 werden somit BIG 5.

Markante Sprueche beim Project Reloaded: "Scheiss auf Dudelfunk..."Markante Sprueche beim Project Reloaded: "Scheiss auf Dudelfunk..."
BIG 5 hat sich mit fünf neuen nationalen Hörfunk-Programmen als Content-Anbieter für das bundesweite Pilotprojekt im DVB-H-Standard beworben. Hierzu sind fristgerecht Bewerbungen bei allen 14 deutschen Landesmedienanstalten eingereicht worden. Die Bewerbungsfristen enden noch in diesem Monat. Geplant sind gemeinsame Sparten-Programme wie "Hits für Kids", Comedy 24, ROCK over GERMANY, Project reloaded und "Seasons", ein saisonaler Radio-Spezialkanal (Weihnachten, Karneval, EM 2008...).

BIG 5 hat sein Interesse an einer Mitwirkung an dem Pilotprojekt bekundet, obwohl viele äußere Eckpunkte wie Übertragungskosten, rechtliche Einbindung von Programmveranstaltern in ein Plattformkonzept bisher nicht fixiert seien. Die Ausschreibung der Landesmedienanstalten lasse - so BIG 5 - viele wichtige Fragen unbeantwortet.

Mittelfristig setzen die fünf Sender auf eine Digitalisierung des Radios. Hier wollen sie ihre Kompetenz als erfahrene Hörfunk-Anbieter einbringen und gemeinsam versuchen, vor allem nationale Konzepte zu realisieren. Noch in diesem Quartal werden BIG 5 ihre neue Digital-Plattform im Internet starten. Hier sollen etwa ein Dutzend neue Radio-Angebot entstehen, die derzeit vorbereitet werden. Diese werden auf den Internet-Seiten der beteiligten Sender im Live-Stream empfangbar sein.

Vorreiter im Internet ist Hit-Radio Antenne Niedersachsen. Project reloaded (www.project-reloaded.com) ist bereits im Internet gestartet und richtet sich an die 14- bis 34-Jährigen mit einer Musikmischung aus "Modern Rock", "Crossover" und "Alternative". Project reloaded ist allerdings nur mit Hilfe eines eigens entwickelten interaktiven Players empfangbar, der als "Widget" auf den PC der Nutzer kostenlos geladen werden kann.

Interview mit Kai Fischer, Hit-Radio Antenne Niedersachsen

Den Geschäftsführer von Hit-Radio Antenne Niedersachsen, Kai Fischer, hat Inge Seibel-Müller für das Broadcast-Magazin "Cut" zur bevorstehenden Digitalisierung befragt.


"BIG 4" - dahinter verbergen sich die landesweiten Privatsender Hit-Radio Antenne Niedersachsen, ffn, Hitradio FFH und Antenne Bayern - haben Ende vergangenen Jahres die große Digitaloffensive angekündigt. Der Weg führt jedoch zunächst über das Internet: Was ist online schon zu hören?

Kai Fischer: Wir verfolgen im Zusammenhang mit der Digitalisierung eine 3-Säulen-Strategie: 1. Da sind zunächst die geplanten oder bereits vorhandenen senderindividuellen Angebote. 2. Diese werden ergänzt um die gemeinsamen Programme, die alle oder mehrere BIG-4-Partner im Rahmen einer Content-Syndication inhaltsgleich aber unter dem Namen ihrer Sender anbieten. Ein Partner erstellt und regionalisiert diese für alle anderen inhaltlich und technisch. 3. Darüber hinaus sind neue nationale Angebote in Planung. Wie angekündigt werden wir mit den einheitlich regionalisierten Programmen im zweiten Quartal starten. Hit-Radio Antenne selbst hat seit Anfang Januar "Project reloaded" online.

Mit ihrem gemeinsamen Angebot, so hieß es im Dezember, wollen die Privatsender ihren Anspruch auf neue digitale Frequenzen unterstreichen, weil sie die Content-Spezialisten für Radio in Deutschland seien. Eine hehre Aussage. Worauf begründet sich dieses selbstbewusste Selbstverständnis?

Kai Fischer: Ob wir vier bleiben oder mehr werden, ist noch völlig offen. Und von Ansprüchen und Offensiven haben wir nie gesprochen. Die heutigen Hörfunkanbieter mit ihren umfangreichen Erfahrungen aus 20 Jahren und den ihnen bisher auferlegten Beschränkungen aufgrund fehlender Frequenz-Kapazitäten sind doch ganz natürlich die Content-Spezialisten für Radio in Deutschland. Wer denn sonst?

Die Radiosender warten nun auf die terrestrischen Digitalfrequenzen. Wie ist der Stand der Dinge?

Kai Fischer: Zurückhaltend ausgedrückt: unübersichtlich. Aus den Fehlern der Vergangenheit wurde offensichtlich wenig gelernt. Zurzeit läuft bundesweit die Ausschreibung für DVB-H. Aber es gibt noch viele wichtige offene Fragen, es fehlen rechtliche Rahmenbedingungen und die Bewerbungsfrist endet in wenigen Tagen. Hörfunkveranstalter können sich mit ihren Programmen nicht direkt bewerben, sondern müssen den Umweg über einen oder mehrere Bewerber um den Plattformbetrieb nehmen. Und der Sündenfall arena und MFD/watcha lassen da Schlimmes befürchten.

Ist dieser Zusammenschluss die Basis für einen großen nationalen Sender?

Kai Fischer: Es ist durchaus vorstellbar, dass die geplanten neuen nationalen Angebote von einem gemeinsam gegründeten neuen nationalen Sender produziert werden.

Die digitale Überangebotswelt von morgen verlangt nach echtem Mehrwert, d.h. Content. Kommen da nicht enorme redaktionelle Kosten auf die Sender zu?

Kai Fischer: Ja. Aber nicht nur Kosten für den Content, sondern auch Kosten für die Verbreitung. Dies ist ja auch einer der Gründe, warum sich landesweite Sender für gemeinsame nationale Aktivitäten in Zusammenhang mit der Digitalisierung zusammengeschlossen haben.

Das Interview ist in Auszügen in der Ausgabe 4/07 des broadcast-magazins "Cut" erschienen.

Cut im Internet: www.cut.biz